Meinung
05.11.2016

Das Witzigkeitsprogramm

Anfangs war es noch ganz einfach. Die Software, die meine Kolumne schreiben sollte, hatte einen kleinen Fehler. Ich rief beim Support an…

„Hallo. In dem Text fehlt überall das C.“

„Oh“, sagte der Mann vom Support.

„Nein, C. Da steht Buh statt Buch.“

Der Fehler wurde behoben. Das Programm lernte. Es assistierte mir, indem es mir kleine Materialsammlungen und Inspirationsquellen zutrug. Es wertete meine öffentlich zugängliche Kommunikation aus, alle Tweets, sämtliche Facebook-Äußerungen, und fing an, mich kennenzulernen. Um möglichst maßgeschneiderte Ergebnisse zu erzielen und das Programm zu trainieren, wurden alle Texte eingelesen, die ich jemals veröffentlicht hatte. Wobei Texte erschreckend wenig Platz auf digitalen Speichermedien einnehmen. Ein Katzenfoto hat meist schon mehr Bytes als eine Kolumne.

Es ahmt meinen Stil nach

Nach und nach ging es nicht mehr nur darum, zu einem Artikelthema passende Informationen nach meiner Interessenslage zusammenzustellen, sondern auch, meinen speziellen Tonfall zu treffen. Meinen Stil nachzustellen. Da ich ungefähr wusste, wieviel Rechenleistung das Programm beanspruchte und wieviel Programmierer-Hirnschmalz schon dafür aufgewendet worden war, fühlte ich mich durch die immer geschmeidigeren Bemühungen, mir entgegenzuarbeiten, geschmeichelt.

„Ich fühle mich sonderbar“

Die Entwicklung solcher autorenassistierender Software hatte da bereits eine lange Geschichte hinter sich. 1965 hatte der Computerwissenschaftler Joseph Weizenbaum ein Programm namens ELIZA geschrieben, mit dem man sich scheinbar unterhalten konnte. „Ich fühle mich sonderbar“, schrieb der Mensch am einen Ende - „Wie lange fühlen Sie sich schon sonderbar?“, gab die Maschine zurück, indem sie schlicht einen Teil der Eingabe in eine Antwortfloskel umwandelte.

Während Weizenbaums Programm rasch zu enttarnen war, legten Programmierer in den nächsten Jahrzehnten ihren Ehrgeiz in immer raffiniertere Software, die auf echte Menschen einzugehen schien – etwa PARRY, einen paranoiden Patienten, dessen Paranoia-Grad man einstellen konnte oder RACTER - eine Abwandlung von „Rezitator“ -, der Plaudereien über Quantentheorie und italienischen Salat führen konnte.

Der automatische Erdbebenreport

Am 17. März 2014 veröffentlichte die Los Angeles Times eine Meldung zu einem Erdbeben, die von einem Programm namens Quakebot erstellt wurde. Es sammelte Daten aus verschiedenen Online-Quellen und baute sie nach einem Baukastenschema in den Text ein. Nach drei Minuten war der Artikel fertig. Als nächstes wurden Sportberichte und Wirtschaftsnachrichten, die sich nach bestimmten Mustern zusammensetzen lassen, automatisiert.

„Inzwischen warten bereits alle auf so etwas wie die sich selbst essende Automate“, schloss die Software, die meine Kolumne schreiben sollte. Genau die Art von Wortspiel, die mir liegt. Ich war ein wenig unsicher, ob ich das gut finden oder beunruhigt sein sollte. Wusste die Software jetzt, was Ironie ist oder ergab sich das aus einem abstrakten Wiedererkennungswert in meinen gesammelten Textdaten? Waren launige Artikel fabrizierbar, wie industrielle Präzisionsteile?

Stimmung mit Schieberegler

Die Software hatte Ende der 2010er-Jahre eine neue Qualität angenommen. Die Stimmung der Sportberichte ließ sich nun mit den Schieberegler zwischen nüchtern und mitreißend einstellen. Um Artikel möglichst oft als einzigartig verkaufen zu können, wurden die Texte automatisch „gespinnt“ und bestimmte Schlüsselbegriffe durch Synonyme ersetzt. Eine Weile hatte ich noch mit einem Redakteur zu tun, dann verschwand er spurlos und ich stand nur noch mit der Software und dem Support in Kontrakt.

Was bedeutet Arbeit im 21. Jahrhundert? Sich immer neu die Frage zu stellen: Was kann ich, das die Maschine nicht kann? Spaltet sich die Gesellschaft in eine digital wohlhabende Aristokratie und immer mehr Automatisierungsverlierer?

Haos?

„Wir wollen nicht spalten“, schrieb die Software, die meine Kolumne schreiben sollte, „wir wollen versöhnen, vertöchtern, veronkeln, vertanten, verneffen und vernichten.“

Der war nicht schlecht. Der war richtig gut. Warum war der Satz nicht mir eingefallen, sondern einem Algorithmus? Ich bekam einen trockenen Mund. Auf dem Echtzeit-Honorarticker am Bildschirm zeigte der Kurs für meine Kolumne nach unten. Ich rief beim Support an.

„Sagen Sie, ist das jetzt eine Art Entlassung mit weichem Übergang?“

„Wir brauhen Sie noh“, sagte die Stimme. Ihr fehlte überall das C. „Allerdings beshränkt sih die Aufgabe des Menshen nun darauf, Haos ins System zu bringen.“

Haos? Chaos! Hier wird Humorarbeit geleistet!

„Wir lachen schließlich nicht zu unserem Vergnügen“, schrieb die Software, die immer das letzte Wort behalten wollte.