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Peter Glaser: Zukunftsreich
10/08/2011

Das Wow-Signal: Aliens!

Mit Außerirdischen umzugehen, ist nicht ganz einfach, aber eine reizvolle Herausforderung. Und ist es nicht wunderbar, Heimweh zu haben nach einem Ort, an dem man noch nie war?

Wie wir aus Erfahrung wissen, sind die Beziehungen zwischen Menschen und Außerirdischen nicht unproblematisch. Falls Sie zum Beispiel gelegentlich von jemandem mit einer ungewöhnlich zerfurchten Stirn mit den Worten Bliatlh `e`lmev Quatlh! angefahren werden sollten: das war ein Klingone. Er hat sie einen Schleimer genannt und aufgefordert, den Schnabel zu halten. Der Klingone ist von Haus aus brüsk und bekämpft bevorzugt Captain Kirk von der „Enterprise”. Eingeweihte wissen allerdings, dass in den Fortführungen der großen Weltraumsaga Klingonen durchaus auch nett sein können. Man ist an einer gewissen Auskömmlichkeit interessiert. Daran, das Gefährliche und Abgründige am Fremden zu überwinden und Gemeinsamkeiten zu finden.

Anfang der Achtziger Jahre hatten die Star Trek-Produzenten den Linguisten Marc Okrand engagiert, der eigens eine klingonische Sprache erschuf. Das „Klingon Dictionary" verzeichnet inzwischen einige Tausend Worte und nützliche Phrasen. Vor einiger Zeit hat der sozialpsychiatrische Dienst in Multnomah County im US-Bundesstaat Oregon eine Betreuerstelle ausgeschrieben, Voraussetzung: fließende Beherrschung der klingonischen Sprache. Ein paar der Klienten des Department of Human Services weigern sich, eine andere Sprache als Klingonisch zu sprechen. Mit dem Alien-versierten Betreuer wolle man die Benutzung der Klingonisch-Englisch-Übersetzungscomputer überflüssig machen, mit denen man sich bisher beholfen hat.

SETI
Sind da draußen in der sternenleuchtenden Unermeßlichkeit vielleicht noch andere Intelligenzen? Sprechen sie etwa schon zu uns, suchen sie Verbindung? Seit 1960 fahnden Wissenschaftler unter dem Kürzel SETI („Search for Extraterrestrial Intelligence”) anhand von Radiosignalen nach Anzeichen außerirdischer Zivilisationen. Am 15. August 1977 zeichnete der Astrophysiker Jerry Ehman am Radioteleskop der Ohio State University das sogenannte Wow!-Signal auf – ein 72 Sekunden langes, extrem ungewöhnliches Signal, dessen Ursprung höchstwahrscheinlich im interstellaren Raum liegt. Die Natur des Signals ist nach wie vor ungeklärt. An den Rand des Computerausdrucks mit den Meßwerten schrieb Ehman damals „Wow!”

Fünf Tage später, am 20. August 1977, startete die erste der beiden Voyager-Raumsonden, die das äußere Sonnensystem erforschen und es danach als erste von Menschen gemachte Objekte verlassen sollten; am 5. September folgte der andere Voyager. Beide Flugkörper haben eine vergoldete Kupferscheibe an Bord, auf der in Datenform Bilder der Erde und des Menschen, Grüße in 55 verschiedenen Sprachen und Musik von Beethoven bis Chuck Berry gespeichert sind – gemeinsam mit einer Anleitung, wie die Daten zu lesen sind und verbunden mit der Hoffnung, eine intelligente, außerirdische Lebensform könnte dadurch von der Menschheit erfahren. Mit einer geschätzten Lebensdauer von 500 Millionen Jahren werden die Platten mit den Botschaften zumindest Zeugnis davon geben, dass es einmal Menschen gab.

Im Juni 2009 richtete der Grüne Abgeordnete Peter Hettlich in der Drucksache 16/13570 eine schriftliche Anfrage an den Deutschen Bundestag: „Wie hoch schätzt die Bundesregierung die Wahrscheinlichkeit der Existenz intelligenter extraterrestrischer Lebewesen ein, und für wie hoch hält sie die Wahrscheinlichkeit, dass Außerirdische auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland landen?" Staatssekretär Jochen Homann aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie erteilte hierzu die Auskunft, der Bundesregierung lägen „keine Erkenntnisse vor, die eine zuverlässige Einschätzung der Wahrscheinlichkeit extraterrestrischen Lebens erlauben würden. Eine Landung Außerirdischer auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland hält die Bundesregierung nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand für ausgeschlossen." Weitere Fragen, etwa ob die Regierung auf eine solche Kontaktaufnahme vorbereitet sei, und wie im Fall eines solchen Ereignisses die Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen geregelt seien, würden sich deshalb erübrigen. Dieser geradezu grotesken Nüchternheit steht nicht nur in der Bundesrepublik ein oft leidenschaftliches Interesse an möglichen Beziehungen zu den Bewohnern fremder Welten gegenüber. Da die Politik sich in Visionslosigkeit flüchtet, bleibt es wieder einmal Künstlern und dem einfachen Bürger überlassen, sich der Sache anzunehmen.

Heimweh nach einem unbekannten Ort
Den meisten Science Fiction-Geschichten ist eines gemeinsam: Sie wollen uns ein modernes Gefühl des Zuhauseseins geben, zusammen mit all den Außerirdischen und sonstwie außergewöhnlichen Wesen. Ist es nicht wunderbar, Heimweh zu haben nach einem Ort, an dem man noch nie war? Das Unbekannte, Fremde, Beunruhigende ist nach dem ersten Mal Lesen oder Filmgucken schon fast wieder aufgehoben. Bis an den Rand des Universums gibt es fortan lauter Bekannte.

Das Zeitalter der Eroberungen auf der Erde ist zu Ende. Nachdem die geographischen Räume des Planeten verteilt sind, versuchen wir nun mit den Mitteln der Vorstellungskraft und der Technik in die Unendlichkeit vorzustoßen – weil im Denken kein Aufhören ist. „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern", so empfand es bereits der Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal. Mehr denn je suchen wir heute da draußen jemanden oder etwas, das uns eine Antwort geben könnte auf das grandiose Schweigen des Kosmos.

Suche nach dem eigenen Ich
Und noch etwas suchen wir da draußen: uns selbst. „Es gibt Dinge, auf die wir als Menschen stolz sein können", sagte der Star Trek-Schöpfer Gene Roddenberry in dem letzten Interview vor seinem Tod im Oktober 1991. „Es waren keine Astronauten, die die Pyramiden gebaut haben. Menschen haben sie gebaut, weil sie clever sind und hart arbeiten können." Science Fiction mag manchmal romantischer Eskapismus sein. In ihren glanzvollen Momenten aber ist sie der Entwurf einer anderen Wirklichkeit, von der aus wir über diese hier nachdenken können – und über uns selbst, im Spiegel des Fremden.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

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