Meinung
17.12.2016

Der Homo Gaga

In der Rohheit liegt eine gewisse Kraft: Auf Starkgefühlsuche in einer zunehmend virtuellen Welt.

Das Online-Universum ist eine gigantische Maschine gegen das Vergessen. Alles wird festgehalten, nichts mehr vergeht. Es ist, als sei Memory, das Maschinengedächtnis, ein riesiger Rettungsring in den Stürmen des technologischen Fortschritts. In immer mehr Bereichen macht sich der digitale Wandel bemerkbar und verursacht Wellen der Angst.

Heute fürchtet sich niemand mehr davor, beim Segeln über den Rand der Welt zu fallen (auch wenn die Welt eine Weile wieder scheibenförmig geworden war – eine globale Harddisk). Wir lernen dafür andere Ängste kennen – vor Verkehrsunfällen, vor Viren, vor dem Verschwinden der Welt hinter Bildschirmen. Und es gibt eine grundlegend neue Angst, gebündelt aus allen Ängsten, die aus unserem eigenen Tun und Handeln (und Nichthandeln) hervorgehen.

Angst machen

Fürchtete sich der Mensch früherer Zeiten vor Naturgewalten wie Sonnenfinsternissen, so erschrecken wir Jetztlinge vor der Sinnesfinsternis unserer eigenen Natur. „Les enfants terribles“, schreckliche Kinder, nannte der französische Grafiker Paul Gavarni eine Bilderfolge, deren Titel längst in der Realität angekommen ist. „Thriller", „Dangerous" – größter Wunsch mancher hormongepeinigter Heranwachsender ist es, furchterregend zu sein, Cyberpunk, Maschinenmensch, IS-Kämpfer.

Die postpubertären Folgen dieser Beängstigung sind überall sichtbar. Angst-Architektur par excellence ist das elektronisch bewehrte Einfamilienhaus, eine Campingversion der mittelalterlichen Festung. Entwüfe für großstädtische Unruhegebiete sehen öffentliche Gebäude vor, die in der Lage sein sollen, Aufständische in Fahrstühlen und verschließbaren Räumen festzusetzen oder durch versprühte Beruhigungsmittel zu befrieden. Für den mobil geängstigten Gegenwartsmenschen entwirft der mexikanische Designer Miguel Caballero kugelsichere Mode für Damen und Herren.

Herzklopfen, Abenteuer

Als Kontrapunkt zu einer alles abmildernden Wohlstandsgesellschaft inklusive psychologischer Betreuung und dem zugehörigen Lebensgefühl, das sich für manche wie Styropor anfühlt, stürzen Menschen sich an Gummiseile gebunden von Kränen, überklettern vereiste Wasserfälle oder lassen sich wie Bruchholz durch Wildbäche schwemmen. Herzklopfen, Abenteuer. Man übt sich in der Dramatisierung des Alltags.

„So ergeht es einer Generation, die in Frieden und Überfluss vegetiert, die Kriege nur noch aus den Nachrichten kennt und dankbar ist für jeden Amokläufer, der ein wenig Abwechslung in die Diskussion um den Ladenschluss und das Gucci-Remodeling bringt”, schreiben die Kulturverabschieder Henryk Broder und Reinhard Mohr. Krieg als der ultimative Bungee-Jump? Wörter zu Fluchscharen?

Hyperauthentizität ist gefragt – echtheitsverstärkte Wirklichkeitsmäßigkeit wie „Big Brother”, „Russland sucht den Superzar” oder ein überraschender Tweet von Donald Trump bedient ein lang vernachlässigtes Bedürfnis nach Realismus in der Unterhaltung. Hunderttausende zieht es vor den Bildschirm, wenn echte Menschen sich echt langweilen. Aus demselben Grund ist Facebook ein solcher Welterfolg. Idee für eine neue Jugendbewegung in Österreich: Die Fadfinder.

Gau und Gaudi

Wo die Grenze zwischen Gaudium und geschmacklichem Gau verläuft, wird ständig neu ausgehandelt. Anbieter wie Mark Zuckerberg spielen nicht zu Unrecht das Argument der Freiwilligkeit aus. Unmutsäußerungen haftet stets die schlichte Frage an, weshalb man nicht einfach ausloggt oder abschaltet, wenn’s einem nicht gefällt. Echte Raucher kennen die Antwort: Auch wenn es einen schon beim Anblick der nächsten Zigarette schüttelt vor Graus, meldet sich doch eine entschlossene innere Stimme - „Die muss aber noch reingehen.“

Der hartnäckigen Behauptung, dass Medienkonsum sittlichen Niedergang nach sich ziehe, steht die Unauffindbarkeit des von der Theorie geforderten Homo Gaga entgegen. Fensehen macht nicht dumm, auch wenn es manchmal ziemlich dumm gemacht wird. Das Prinzip lässt sich 1:1 auf die neuen und neuesten Medien übertragen.

Das Globale Doof

Künstler wussten zu allen Zeiten, dass in der Rohheit eine gewisse Kraft liegt. Durch das Netz kehrt sich nun um, was öffentlich ist und was privat. Immer mehr Menschen breiten im Schutz digitaler Maskerade ihre persönlichsten Gedanken und Gefühle in der neuen, vermeintlichen Weltöffentlichkeit des Web aus (die in Wirklichkeit, wie in einem Einkaufszentrum, dem Hausrecht von Unternehmen unterliegt). Wie enttäuschend, wenn man vor Augen geführt bekommt, wie viele Menschen rund um den Globus Langweiler sind. Aus der Banalität des Globalen Doofs gibt es kein Entkommen.