Meinung
05.03.2016

Der Mensch und Seinesungleichen

Der Unterschied zwischen dem Internet und der analogen Welt ist auch der zwischen Neigungs- und Zwangsgemeinschaften

Es beginnt schon damit, dass man sich nicht aussuchen kann, wem man den Zutritt zu dieser Welt verdankt. Da zur Anfertigung eines Menschen von Natur aus unvermeidlich ist, dass sich die Kleinstform einer Gemeinschaft zusammenfindet, ist also die Zwangsgemeinschaft die grundlegende soziale Struktur, in welche der Mensch hineingeboren wird. Nicht selten ist dann eine Hälfte der Struktur bereits verduftet und die andere hadert mit der ungewollten Freiheit. „Vaterloser Geselle“ war nicht als Kompliment gemeint, die fehlende Mikrogemeinschaft also als Mangel.

Durch diesen Mangel gedreht, findet sich das größer werdende Kleinkind heute manchmal in einem modernen Dilemma: ein Teil der elterlichen Zwangsgemeinschaft ist analog, ganz real, streicht strafweise Taschengeld und so weiter, der andere Teil ist nicht da, also virtuell. Das Kind schaltet, um eher Neigungsgemeinschaften nahe zu sein als der blöden eigenen halben oder ganzen Familie, für die man sich in Grund und Boden schämen muß, das Internet ein.

Manche halten das Netz für einen Multimilliardenmarkt oder jedenfalls für die schärfste Erfindung seit dem tiefen Teller. In Wahrheit ist es das El Dorado des Eskapismus, es bietet in ungeheurer Vielfalt die Möglichkeit, dem Eingekerkertsein in ungewollte Gemeinschaft zu entkommen und sich endlich nur noch mit denjenigen Menschen austauschen zu können, die, so wie man selbst, beispielsweise Salamander fangen und Kleidchen für sie häkeln, sie dann behutsam ruhigstellen, um ein Foto zu machen für‘s Internet und dem kleinen Schlängel dann wieder die Freiheit schenken, an der man sich selber so freuen würde.

Wäre man nicht, als Mitglied der menschlichen Gemeinschaft, ständig aufs Neue zur Teilnahme an Zwangsgemeinschaften, nun ja: gezwungen. Sie nennen es Zivilisation.

Erst wird der Mensch gefangen gehalten von älteren, stärkeren Exemplaren der Gattung und an der Ausübung seines freien Willens gehindert, indem er um acht ins Bett muss. Großen Geistern wie Bernard Shaw oder Mark Twain wird ein weises Wort zugeschrieben, das in etwa lautet: „Mein Bildungsweg wurde vorübergehend durch meine Schulzeit unterbrochen.“

Zuvor bereits wird der Menschenlehrling ja schon in Kindergarten und Vorschule mit Seinesungleichen zusammengepfercht, ob er nun will oder nicht. Das Programm setzt sich nahtlos fort in Kasernen, Hörsälen und an Arbeitsplätzen, und es differenziert sich dann immer weiter aus. Man kann auch den Flüchtlingen, die nun zu Hunderttausenden zu uns kommen, zugleich als Warnung und Einladung zurufen: Wenn dich die Zwangsgemeinschaften eines Landes aufnehmen, wirst du integriert.

Zwang zum Freiwilligen

Als große Lockung dient die Liebe, die vorgeblich freiwilligste aller Gemeinschaften. Wird dann der Wunsch etwa nach einer Eigentumswohnung vakant, findet der Wünschende sich unversehens wieder in einer Eigentümergemeinschaft, wo man sich wie in den meisten Zwangsgemeinschaften, erstmal freundlich begrüßt, um den Rest der Zeit uneins und zerstritten zu verbringen. So lernt der Mensch, dass er nicht allein auf der Welt ist.

Und noch zum Freiwilligen kann man auf sozusagen soziale Weise gezwungen werden: Das Haus im Grünen ist bezogen, die Nachbarn in die Kellerbar eingeladen, plötzlich steht die Frage im Raum: „Sie sind sicher auch schon bei der freiwilligen Feuerwehr, so wie wir?“