Meinung
31.05.2014

Der Sieg der Einfälle über die Zufälle

Viele klassische Erfolge sind Glücksfälle, insgeheim begleitet von der bangen Frage „Was hab ich eigentlich richtig gemacht?” Aber es geht auch anders.

Früher war man erfolgreich, wenn ein fertiges Produkt Anklang fand und sich gut verkaufte. Mit Hilfe des Internet kann man heute aber schon erfolgreich sein, noch ehe das Produkt überhaupt produziert wird. Diese bemerkenswerte Erfahrung hat auch Jens Thieme gemacht. Der Dresdner versucht mit seinem Startup Scrooser das Rollerfahren zu revolutionieren. Thieme hat eine hypermoderne Version des herkömmlichen Tretrollers entworfen - mit Sitz, Ballonreifen, einem E-Motor und Harley-Anmutung. Um die Entwicklung zu finanzieren, stellte er seinen Großstadtroller letztes Jahr auf dem Crowdfunding-Portal Kickstarter vor. Innerhalb eines Monats gaben ihm Unterstützer 186.545 Dollar für sein Projekt – 120.000 Dollar hatte er sich ursprünglich als Ziel gesetzt. Seit kurzem kann man den Scrooser nun auch tatsächlich kaufen.

Neue Arten von Erfolg, die nicht mehr herkömmliche Ziele berfolgen

Wer sein Glück in die Hand nehmen will, dem steht heute ein Spektrum neuer Möglichkeiten zur Verfügung. Sich Hilfe von der Crowd zu holen, ist eine davon. Und es gibt neue Arten von Erfolg, die nicht mehr direkt mit den herkömmlichen Zielen von beruflichem oder privatem Ehrgeiz zu tun haben. Während Jugendliche, für die das Onlinesein so selbstverständlich ist wie atmen, von Soziologen und Trendforschern noch unter dem Mikroskop studiert werden wie eine interessante, neue Lebensform, gründen die lieben Kleinen bereits Firmen und melden ihre ersten Patente an.

Um die Jahrtausendwende hatte der Innovationsforscher Vivek Wadhwa mit seiner These für Aufsehen gesorgt, die erfolgreichsten Unternehmen würden von „alten Hasen“ gegründet. Seinen Untersuchungen zufolge waren es Männer über 40 - verheiratet und mit Kindern -, bei denen die Chance auf einen Unternehmenserfolg am höchsten sei. Seither hat sich der Trend zunehmend verjüngt. Inzwischen sehen viele das ideale Alter („Peak Age“) für Gründer, ähnlich wie für Sportler, schon bei Anfang bis Mitte 20.

Erfolg bedeutet nicht einfach die Freiheit, zu tun, was man möchte, sondern erfordert erst einmal das Talent, zu wissen, was man will. Und: Man kann niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt. „Wenn ich soviel Erfolg hatte, dann nur, weil ich nie auf die Leute gehört habe, die einem dauernd sagen, was man machen muß, um Erfolg zu haben”, bringt es der Schauspieler Jack Nicholson auf den Punkt.

Erfolg ist geschmiedetes Glück, aber es gibt auch ein Gewinnen, dem man sich ausliefert. Viele klassische Erfolge sind einfach Glücksfälle, insgeheim begleitet von der bangen Frage „Was hab ich eigentlich richtig gemacht?” „Erfolg ist wie ein scheues Reh“, lehrt uns der weise Franz Beckenbauer. „Der Wind muß stimmen, die Witterung, die Sterne, der Mond.“

Selbst definieren können, was Erfolg bedeutet

Heute bedeutet Erfolg nicht mehr unbedingt, dem klassischen Mainstream-Modell von Karriere folgen zu müssen, sondern selbst definieren zu können, was Erfolg bedeutet. Die Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein, muß aus einem selbst kommen. Eine Existenzgründung braucht Mut, Fantasie und einen Traum, und ein solcher Traum ist mehr als nur ein Ziel. Wer nicht von unentdeckten Möglichkeiten träumt, hat keinen Leitstern, nach dem er navigieren kann. „Wir blicken so gern in die Zukunft”, wußte schon Goethe, „weil wir das Ungefähre, was sich in ihr hin und her bewegt, durch stille Wünsche so gern zu unseren Gunsten heranleiten möchten.”

Nach einer Schottlandreise Mitte der Neunzigerjahre faßte der am Schliersee ansässige Florian Stetter den Entschluß, Whisky zu brennen – in Oberbayern. Viele hielten ihn für verrückt. Die Bank verweigerte ihm einen Kredit. Stettler machte weiter. Er fand private Investoren und kurz vor der Jahrtausendwende tropfte der erste bayrische Single Malt Whisky - benannt nach dem 779 am Schliersee gegründeten Kloster Slyrs - aus der Destille. Inzwischen sind aus anfangs fünf Fässern weit über tausend geworden.

Das Wertvolle an Niederlagen

Aber auch hinzufallen ist keine Schande, wenn man danach wieder aufsteht. Eine Niederlage oder auch eine Pleite muß einen nicht aus der Bahn tragen. Das Institut für Mittestandsforschung (IFM) in Bonn schätzt, dass zwischen 11 und 18 Prozent aller Gründer „Restarter" sind, die einen neuen Versuch wagen. Nachgewiesen ist, dass sie häufig wirtschaftlich mehr Erfolg haben als Erstgründer – im Scheitern haben sie oft wertvolle Erfahrungen erworben, mit denen sie gut für eine Neugründung ausgerüstet sind.