Meinung
11.06.2016

Der Talentier-Tampon

Wenn es darum geht, sich von der Konkurrenz abzusetzen, wird auch unter der Gürtellinie gearbeitet: Ein angeblich begabungsförderndes Wearable für Ungeborene versucht es dabei mit Musik.

Die Älteren unter den Zuhörern draußen an den Radioapparaten werden sich noch an die Zeit erinnern, in der Telephone an Spiralkabel gekettet in ungemütlichen Vorzimmern gehalten wurden und man, wie für ein Disziplinarvergehen, meist noch im Stehen telefoniert hat. Inzwischen ist uns die Kommunikationstechnik mitsamt der restlichen Digitaltechnik auf den Leib gerückt. Längst sind Telefone kleine, leistungsfähige Computer. Und sie sind in unsere Hemd- und Hosentaschen gekrochen wie kleine Tiere.

Technik zum Anziehen boomt. Jetzt haben wir die Wearables am Hals. Fitnessarmbänder funken jeden Schritt ans Smartphone. mit einer Apple Watch kann man sogar seinen Herzschlag verschicken. Und es ist nicht nur der Hals, an dem wir die Geräte haben. Ein finnisches Startup verkauft an Leuchtgläubige Ohrstöpsel mit einer LED,, die durch den Gehörgang Licht direkt ins Gehirn schicken und die Stimmung verbessern soll.

Sprachlabor im Unterleib

Der letzte Schrei: Die gynäkologische Klinik Marquès in Barcelona hat ein Gerät zur Marktreife geführt, das einen alternativen Zugang nutzt – den Babypod. Es handelt sich dabei um ein Stück Technik, durch das Babys „das Sprechen durch die Antwort auf klangliche Reize“ erlernen sollen („Mit Babypod beginnt die Artikulation im Uterus“). Leider hat Körpergewebe, etwa die Bauchdecke, akustisch ziemlich dämpfende Eigenschaften. Weshalb es gynäkologisch gesehen nur eine Lösung gibt: „Der einzige Weg, auf dem die Musik das Ungeborene wirklich erreicht, ist durch die Vagina“, wird auf der Babypod-Website klargestellt. „Hihi“, schreibt dazu Julia Bähr in der nicht gerade für Freizügigkeit bekannten Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „wer schwanger ist, sollte ja wissen, wo es langgeht, nicht wahr.“

Geschwafel und Pseudowissenschaftlichkeit

An manchen Stellen der eingedeutschten Online-Marketingtexte fragt man sich, ob sie einfach nur amateurhaft übersetzt sind oder ob das nicht doch vielleicht raffiniert ist. „Beim Gynäkologen empfohlen“ liest man etwa am Rand einer Vignette, die den Eindruck eines Gütesiegels erwecken soll. Stünde da „Von Gynäkologen empfohlen“ (gewöhnlich heißt sowas ja eigentlich „Von führenden Gynäkologen empfohlen“), dann würde man natürlich gern den einen oder die andere sehen oder einen Namen lesen. Durch das „Beim“ läßt sich das elegant vermeiden, „Beim Gynäkologen empfohlen“ heißt alles und nichts.

Es ist eine Sprachfigur, wie man sie besonders gern bei esoterischen Produkten findet, deren Wirkungsweise nicht belegbar ist und die deshalb herbeigeredet werden muß, und zwar mit Geschwafel, Pseudowissenschaftlichkeit und wolkigen, scheinbar unbeholfenen Formulierungen. Das Wischiwaschi ist in vielen Fällen wohlkalkuliert, da man sich mit falschen Versprechungen schnell eine Anzeige von Konsumentenschützern oder genervten Kunden einfangen kann. Also lieber unverbindlich bleiben.

Pränatale Ruhestörung

Dass der kleine, werdende Mensch auf den mutwillig eingeleiteten Lärm reagiert, ist ganz natürlich, wahrscheinlich würde er gern „Ruhe da unten!“ rufen, wenn er schon könnte. Bedauerlicher Weise haben Föten keine Möglichkeit, Anzeige wegen Ruhestörung zu erstatten oder kurz Rachmaninow voll aufzudrehen.

Zu der Verheißung, die mit dem Babypod für 149,95 Euro verkauft wird, gehört der Mythos vom Nürnberger Trichter, durch den man Lernerfahrung einfach in ein Kind einfüllen kann. Dazu gehört auch - die Klinik befindet sich im erzkatholischen Spanien - das Erzeugen von Schuldgefühlen, man würde seinem Kind nicht genug Förderung angedeihen lassen und ihm damit Chancen auf Erfolg vorenthalten. Als eine Art Neuauflage der Gelben Gefahr setzen asiatische Tigermütter bekanntlich neue Standards in den Dingen, die man ihrer Meinung nach Kindern zumuten kann. Von Westmüttern werden mehrstündiges Klavierüben und ähnliches zwar als diktatorisch und brutalopädagogisch empfunden, zugleich fürchten viele jedoch insgeheim, zu weichen, zu wenig klaviergestählten Nachwuchs heranzuziehen.

Katholische Karriereförderung

In diesem Gefühlgewölk landet der Babypod marketingmäßig genau auf dem Punkt. Er gibt der Mutter das Gefühl, das evolvierende Kindlein schon vorgeburtlich zum Klassenbesten heranzuziehen und dafür zugleich nicht mehr machen zu müssen als ein rutschiges rosa Lautsprecherchen in sich aufzunehmen. Das Ganze erinnert an die vielen sogenannten Fitnessgeräte, die alle so tun, als würden sie einem die Bewegung abnehmen oder durch induziertes Schwitzen Fettgewebe zum Schmelzen bringen. „Am Ende“, schreibt ein verstörter Leser der Babypod-Anleitung, „wird das Neugeborene wahrscheinlich Shakira für seine Mutter halten und beständig brüllen, wenn die echte Mutter es hochnimmt.“

(Diesen Text gibt es auch in Gebärendensprache).