Meinung
04.05.2015

Der Zukunft auf der Spur

Futurezone-Chef Gerald Reischl absolviert an der Singularity University in Mountain View eines der ausgefallensten Programme des Silicon Valley – er lernt „grenzenlos denken“ und „das Gehirn neu zu programmieren“.

Im vergangenen Jahr verbrachte ich einige Monate im Silicon Valley, um zu erfahren, was das Valley so besonders macht und warum gerade dort Innovationen entstehen, die die Welt erobern. Damals besucht ich auch die Singularity University, eine Einrichtung, die vom Zukunftsforscher und gegenwärtigen Google Forschungschef Ray Kurzweil gegründet wurde. Auf der Singularity University wird Studenten, Firmenchefs, Start-ups und Visionären beigebracht, grenzenlos zu denken, das scheinbar Unmögliche für möglich zu halten, vor allem aber sich um die echten Probleme dieser Welt Gedanken zu machen, und dafür Lösungen zu finden - "Grand Global Challenges" wird dies genannt. So spannend Google, Facebook und die anderen Großen im Valley auch sein mögen und wie nicht alltäglich dieses IT-Sightseeing ist, die kommenden Revolutionen werden vermutlich kleine Start-ups schaffen - weil sie schneller reagieren können, wendiger sind und in keinem Konzern-Apparat feststecken.

"We will rewire your brain"

„Nach dieser Woche wirst du die Zukunft ganz anders sehen“, sagte mir der CEO der Singularity University (SU), Rob Nail. Ihn konnte ich im vergangenen Jahr interviewen, er war es auch, mich für die wohl ausgefallenste Einrichtung des Valley zu interessieren. „Wir werden dein Gehirn neu programmieren und du wirst du verschiedene Phasen gehen“, warnte er. „In der Mitte des Programms wirst du ganz unten stehen, aber am Ende wirst du dich neu programmiert haben und verwandelt nach Hause gehen.“

Das Singularity-Programm haben noch nicht viele Österreicher gemacht –Peter Platzer, CEO des Nano-Satelliten-Unternehmens spire.com– hatte vor einigen Jahren das Executive Programm der SU absolviert und sich danach entschieden, Weltraumwissenschaft zu studieren und spire.com zu gründen. „Das musst du machen, das wird dein Leben verändern“, empfahl mir auch Peter Platzer.

Als Leiter der futurezone, auf der ständig über die neuesten digitalen Entwicklungen, angesagtesten Gadgets und möglichen Technologie-Revolutioinen berichtet wird, muss man auch wissen, woran die Wissenschaft arbeitet, welche ausgefallenen Konzepte bald schon Realität sein könnten und an welchen Projekten gebrütet wird, die die wirklichen Probleme der Welt lösen. Die besten Wissenschafter auf den Gebieten Künstlicher Intelligenz, Robotik, Medizin, Weltraum oder Energie lehren an der SU und wollen die Teilnehmer 14 Stunden pro Tag zu Höchstleistungen treiben.

Schlagwort "Disruption"

Wir suchen disruptive Ideen“, sagte mir SU-CEO Rob Nail im Vorjahr. „Ideen, die bestehende Technologien vollständig verdrängen und die die echten Probleme dieser Welt lösen.“ An dem, was es schon gibt, habe keiner Interesse im Silicon Valley. Auf der Welt gäbe es viele globale Challenges, die Universität hat mittlerweile neun Kernbereiche ausgemacht (2014 waren es noch acht), auf die sich die Teilnehmer konzentrieren sollen: Energie/Verkehr, Umwelt, Wasser, Globale Gesundheit, Ernährung, Erziehung, Sicherheit, Armut und als neue Challenge kam das Weltall hinzu. Hier werden neue Ideen gesucht, um die Probleme in diesen Bereichen zu bewältigen.

Am NASA-Gelände

Die Singularity University ist übrigens auf dem Gelände der NASA am Moffet Field in Mountain View stationiert. Dort, wo einst US-Astronauten untergebracht waren, wohnen jetzt die Teilnehmer des Programms – in einer spartanisch eingerichteten Unterkunft, die fast schon an die Zeit beim Bundesheer erinnert. Frische Ideen müssen ganz von unten kommen.