Meinung 30.01.2018

Die Algorithmen nerven, ich will die Chronologie zurück!

Zeitliche Abfolgen sind bei Social-Media-Feeds aus der Mode gekommen © Bild: AP/Karly Domb Sadof

Drei Tage alte Breaking News in den Social-Media-Feeds, Fotos vom vergangenen Wochenende: Vom Algorithmus bevormundet.

Ich bin ja grundsätzlich recht aufgeschlossen gegenüber Neuem, Veränderung. Aber der immer weiter um sich greifende und in meine Timelines (kann man das überhaupt noch so nennen?) eingreifende Trend zur angeblich interessensbasierten Anzeige von Social-Media-Beiträgen nervt gewaltig. Instagram-Feed auf und ich muss mich erstmal durch Dutzende Postings scrollen, die drei Tage alt, einen Tag alt, zwölf Stunden alt sind. Dazwischen findet sich vielleicht ein aktuelles Bild, aber man muss schon aufmerksam sein, um es nicht zu übersehen. Facebook-Feed auf und endlich, hier sind sie, die Breaking News von vor zwei Tagen. Twitter - Jaja, in case I missed it. Dabei will ich doch einfach nur wissen, was aktuell gerade los ist.

Doch die Zeiten, in denen uns in den sozialen Netzwerken chronologische Abfolgen der Beiträge geboten wurden, sind vorbei. Heute bestimmen Algorithmen, was zuerst angezeigt, was verstärkt angezeigt und was gleich überhaupt nicht mehr angezeigt wird. “Damit du auch ja nichts Wichtiges verpasst, Claudia”, argumentieren die Plattformen, die mich oft direkt ansprechen als wären sie Ikea oder wir so etwas wie Freunde. Leider muss ich aber sagen, verpasse ich immer mehr Wichtiges dank dieser Eingriffe in das ehemals simpel sortierte Geschehen der Social-Media-Welt.

Ich habe meist nicht das Gefühl, dass mir Beiträge von Menschen oder Organisationen verdichtet angezeigt werden, die mich tatsächlich besonders interessieren. Im Gegenteil. Und manchmal passiert es sogar, dass ich mich frage, hat sich X oder Y von dieser oder jener Plattform abgemeldet? Bis ich dann draufkomme, dass die Postings schlichtweg nicht mehr in meinen Timelines landen.

Entmündigt

Außerdem muss ich schon sagen, ich fühle mich ein wenig entmündigt. So sehr ich den technologischen Fortschritt liebe, ich wäre noch immer in der Lage, selbst zu entscheiden, welche Fotos, Links, Tweets und Facebook-Ergüsse ich like, kommentiere, wem ich meine Aufmerksamkeit schenken will. Da nützt es jetzt auch nicht, wenn mir manche Postings wie zäher Kleber in den Feed gedrängt werden, für die ich mich nunmal nicht begeistern kann.

Ich weiß schon, die Firmen und ihre Geschäftsmodelle und der Kampf um die Aufmerksamkeit und eigentlich soll doch das alles unser Leben besser machen, usw. Und dann könnte man noch Listen erstellen und dann könnte man diesen oder jenen Work-around versuchen. Aber am Ende ist es doch so: Die Algorithmen schlagen zurück. Da kann ich noch so oft meinen Facebook-Feed auf “Most Recent” stellen, wenn ich das nächste Mal komme, zeigt man mir doch wieder die sogenannten “Top Stories” an.

Das wirklich Simple ist im Leben oft schwer zu kriegen. Das gilt halt auch für Social-Media-Feeds. Es ist ein aussichtsloses Flehen, doch ich sag es trotzdem: Hey, ihr Tech-Konzerne, gebt mir die Chronologie zurück!

( futurezone ) Erstellt am 30.01.2018