Meinung
20.08.2016

Die Anti-Alptraum-App

Brauchen wir eine Maschine, die uns nur noch nette, wunderbare Träume verschafft? Und was ist überhaupt ein guter, was ein schlechter Traum?

All die Fragmente, Realitätsreste und scheinbar unauflöslichen Widersprüche der Alltagswirklichkeit werden von den poetischen Kräften des Unterbewussten im Traum so miteinander verbunden, dass sie sich am nächsten Morgen wieder anfühlen wie eine ganze Person. Aber Träume entsprechen nicht dem, was unser Tagesverstand als Ordnen und Strukturieren ansieht. Sie entsprechen nicht den Vorstellungen von Effizienz, die wir als ökonomische Wesen entwickelt haben – sie sind viel besser. Träume finden Wege zwischen zwei Punkten, die kürzer sind als eine gerade Linie. Sie sind auch nicht googelbar. Hier möchte Professor Wiseman gerne ran.

Erfreulichere Träume

Der britische Psychologe Prof. Richard Wiseman von der Universität Hertfordshire hat gemeinsam mit der Softwarefirma Yuza eine App namens Dream:ON entwickelt, mit der man seine Träume kontrollieren können soll. Dazu spielt die App, während der Proband schläft, Klanglandschaften und Geräusche ab, die den Träumen eine gewünschte Richtung geben sollen. Das Projekt ist die Antwort auf eine Studie Wisemans, der zufolge 15 Prozent der befragten britischen Schläfer regelmäßig unter unerfreulichen Träumen leiden.

Um die App zu benutzen, teilt man ihr mit, wann man aufwachen möchte, sucht sich einen Weckton und ein paar „Soundscapes“ aus - musikdurchwebte Naturklänge mit Titeln wie „Peaceful Garden“ oder „A Trip to Tokyo“ - und legt das Smartphone neben sich ans Bett. Während sich ein Schlafender in traumlosen Phasen merklich bewegt, wird er ruhig, wenn er träumt. Den Unterschied kann das Smartphone über sein Mikrofon feststellen und zu einer Traumphase die vorher ausgesuchten Klänge einspielen.

Der perfekte Traum

Wiseman möchte den perfekten Traum produzieren können. Als erstes wurden zwei Jahre lang freiwillige Teilnehmer seines Experiments gebeten, sich nötigenfalls sanft und maschinell wecken zu lassen und einen kurzen Bericht über ihren Traum zu verfassen, den die Berieselung nach sich gezogen hat. Da der Schlafende nicht während einer Traum- und Tiefschlafphase (REM) geweckt wird, konnte er sich einigermaßen erfrischt fühlen und ohne Muffeligkeit der Einladung folgen, von seinem Traum zu erzählen, angespornt von Wiseman „gern auch auf Twitter oder geteilt mit seinen Freunden in einem sozialen Netz, vor allem, wenn einer von ihnen in einem Traum vorgekommen ist.“

Innerhalb von zwei Jahren wurde die App weltweit mehr als eine halbe Million Mal downgeloadet und 14 Millionen Traumberichte an Wiseman geschickt. Die Resultate, so der Seelenkundler, „sind faszinierend.“ Die Daten zeigen, dass die Träume der freiwilligen Versuchskaninchen tatsächlich durch die unterschiedlichen Klangeinflüsterungen beeinflusst werden – Naturgeräusche etwa führen eher zu Träumen mit Grün und Blumen, während City-Sounds bizarrere Träume hervorrufen.

Eine kleine Geschichte der Traummaschinen

Die Idee, Träume designen zu wollen, ist beunruhigend. Die Versuche dazu sind nicht neu. Auf marokkanischen Märkten gibt es seit Jahrhunderten Händler, die Träume verkaufen. Ende der fünfziger Jahre wurde der amerikanische Beat-Poet Brion Gysin mit seiner stroboskopischen Dream Machine berühmt, die er, angeregt durch ein Buch des Neurophysiologen William Grey Walter, gebaut hatte.

In den siebziger Jahren machte der Selbstfindungsstar Carlos Castaneda mit seinen esoterischen Büchern über einen angeblichen mexikanischen Medizinmann namens Don Juan Furore, in denen zwei Techniken der „Zauberei“ ausführlich beschrieben wurden, nämlich „Pirschen“ und „Träumen“ – und zwar eine Art des Träumens, bei der man sich dessen bewusst ist, dass man träumt und sein Handeln im Traum bewusst steuern kann.

Versteckter Schrecken

Auf zeitgemäße Art rationalisiert, taucht dieses Kontrollbedürfnis nun in Wisemans App von wieder auf – mit downloadbaren Klangeinflüsterungen und auswertbaren Datenbeständen, die nach Vernunft und Nachvollziehbarkeit klingen, aber trotzdem diffus genug sind, um eher Gefühle zu bedienen als den Verstand.

Wie sollte denn ein Traum „perfektioniert“ werden? Was ist überhaupt ein guter, was ein schlechter Traum? Soll DREAM:On eine Alptraumentfernungsmaschine werden, die einem nur noch nette, wonnige Träume verschafft? Eine solche Hedonisten-App würde das Dunkle, Abgründige und Schreckenerregende, mit dem wir in unseren Träumen verhandeln, nicht zum Verschwinden bringen. Es würde sich, aus den Räumen des Träumens vertrieben, einen neuen Unterschlupf suchen müssen, wer weiß wo, und an unerwarteter Stelle wieder zuschlagen. Mit einem Wort Joseph Weizenbaums: Es gibt Orte, an denen man Computer zwar einsetzen könnte, es aber nicht tun sollte.