Meinung
15.03.2014

Die digitale Auferstehung

Seelenlose Brillianz: Zunehmend versuchen uns virtuelle Kinohelden mit ihrer angeblichen Unkünstlichkeit zu becircen.

Als der amerikanische Schauspieler Philip Seymour Hoffman am 2. Februar tot in seiner Wohnung in New York gefunden wurde, hätte er noch sieben Drehtage für seinen neuesten Film vor sich gehabt. Der an einer Überdosis aus Heroin, Kokain, Amphetamin und starken Beruhigungsmitteln gestorbene Hoffman verkörpert in dem Science-Fiction-Film „Die Tribute von Panem“ (engl. „The Hunger Games“) die Figur des Obersten Spielmachers der Hungerspiele. Eine der noch ausstehenden Aufnahmen ist eine der Schlüsselszenen in dem Film. Einem Bericht der New York Post zufolge haben die Produzenten deshalb beschlossen, Hoffman in computersimulierter Form wiederauferstehen zu lassen.

Sehnsucht nach Marilyn

Es ist nicht das erste Mal, dass der unerwartete Tod eines Darstellers den Einsatz von Special Effects nach sich zieht. Auch verblichene Prominente - Favoritin ist Marylin Monroe -, wecken immer neue Wiederbelebungsfantasien. 1994 schüttelte Tom Hanks in „Forrest Gump“ mit moderner filmtechnischer Hilfe dem 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy die Hand.

Als Oliver Reed 1999 während der Dreharbeiten zu dem Film „Gladiator“ auf Malta an einem Herzinfarkt starb, ließ Regisseur Ridley Scott den Kopf von Reed in der Postproduction digital auf den Körper eines lebenden Schauspielers verpflanzen, um zu verhindern, dass das ganze Drehbuch umgeschrieben werden mußte. Und als im Juni 2000 die Schauspielerin Nancy Marchand vor Drehbeginn einer neuen Staffel der Serie "Die Sopranos" starb, wurde mit digitaler Hilfe eine aus alten Episoden destillierte neue Szene eingefügt: „Gut geschnitten", befand der Produzent Michael Perlin, „aber es war die schwächste Szene der Episode. Nancy hat Dinge getan, die emotional ganz woanders hingehörten.“

„Ist ein computeranimierter Doppelgänger der beste Weg, Philip Seymour Hoffman und der Figur, die er darstellt, gerecht zu werden?“, fragt sich Jacob Hall auf der Film-Website Screen Crush – „Es fühlt sich nicht so an.“

Bizarre Fallen

Schon lange treten uns Wesen wie der Terminator oder der digitale Agent Smith aus der Matrix als Geschöpfe aus dem Rechner mit fantastischer Überzeugungskraft entgegen. Aber der Weg zum virtuellen Realismus ist gespickt mit bizarren Fallen. Für den Film „Final Fantasy“ wurde 2001 das erfolgreiche Videospiel gleichen Namens mit einem damals beispiellosen Aufwand in Computeranimationen verwandelt. An dem faltigen Gesicht des alten Chefwissenschaftlers Dr. Sid arbeiteten die Animatoren monatelang, aber statt der beabsichtigten Anmutung von Weisheit und geschärftem Realitätssinn kam - speziell für amerikanische Zuschauer - etwas ganz anderes zum Ausdruck. US-Schauspieler setzen nämlich gewöhnlich alles daran, ihr wahres Alter mit dick aufgetragenem Make-Up zu verdecken, welches das Licht wesentlich stärker reflektiert und weniger streut als bloße Haut. Amerikaner sind es gewohnt, dass alte Menschen am Bildschirm oder auf der Leinwand so aussehen, und die sonderbaren Lichtverhältnisse im Gesicht des alten Wissenschaftlers befremdeten sie einigermaßen. Der Film war ein Flop.

Der Verlust der Sterblichkeit

Immer neue computergestützte Menschen treten auf, versuchen sich an der Vervollkommnung ihrer Vortäuschung und scheitern mit immer grandioserem Aufwand an der immer gleichen Leichtigkeit, mit der ein - echter - Mensch noch an der winzigsten Differenz sofort spürt, dass eine Figur unecht ist. Aber das Wettrennen um die neuesten Formen von Screen Magic geht weiter. Es kennt keine Grenzen und keine Regeln. Wenn Fantasien immer perfekter in Bilder umgesetzt werden, bedeutet das allerdings auch, dass die Spielräume der individuellen Vorstellungskraft schwinden.

Die Gefahr, die von solchen künstlichen Wesen ausgeht, die möglichst aussehen wollen wie natürliche, liegt darin, dass sie Helden zu Comicfiguren reduzieren. Der Held droht seine Sterblichkeit zu verlieren, aber ganz anders als in den melancholischen Mythen von Dracula, Frankenstein oder dem Highlander. Das Anrührende an Frankensteins Monster sind seine Empfindungsfähigkeit und seine Nähte und Narben. In der Frühzeit der digitalen Effekte konnte man sozusagen noch die grafischen Nähte an den Polygonen erkennen, aus denen belebte und unbelebte Dinge in diesem visuellen Universum gemacht sind. Inzwischen haben diese kristallinen Facetten sich zurückgezogen ins Unsichtbare, sie sind nun so winzig, dass man sie nicht mehr sehen, aber immer noch spüren kann - manchmal als eine seelenlose Brillianz.

„Wenn mans cartoonmäßig macht", sagt der Visual-Effects-Pionier und Pixar-Mitbegründer Alvy Ray Smith, „dann braucht man keinen perfekten Menschen zu simulieren. Aber wenn man einen Menschen richtig nachschaffen will, wird dabei immer ein Monster herauskommen.“