Meinung
16.08.2014

Die Hausherausforderung

Unterkunft für alle: Eine Idee für Wohnstätten, die nichts kosten, Nano-Häuser und die Zukunft des Wohnens.

Vijay Govindarajan, heute Professor für international Business am Dartmouth College in New Hampshire und einer der führenden Innovationsexperten, kennt Wohnungsnot aus seiner Heimatstadt Madras in Südindien. Sein Schulweg führte ihn jeden Tag durch einen der Slums der Stadt. Govindarajan ist der Ansicht, dass sich heute Unternehmen daranmachen sollten, diese Art von Problem zu lösen. „187 Milliarden Dollar Marktvolumen – jemand Interesse?“, fragt er rhetorisch. Zwei Milliarden Menschen leben in Armut, etwa 625 Millionen Familien weltweit haben keinen Wohnraum. Gäbe es ein Haus für 300 Dollar und könnte man es für jede von ihnen bauen, ergäben sich jene 187 Milliarden Dollar. Dabei sind Produkte und Dienstleistungen, die in einem solchen neuen Ökosystem entstehen können, noch gar nicht eingerechnet.

Den ersten Entwurf für ein 300-Dollar-Haus zeichnete er auf eine Papierserviette. Außer Dach und Wänden gehörte noch ein Wasserfilter zur Grundausstattung, eingebaute Betten mit Moskitonetz, ein Solarpanel nebst Solarkocher – und ein Tablet-PC. Im August 2010 veröffentlichte Govindarajan zusammen mit dem Marketing- und Umweltexperten Christian Sarkar ein detailliertes Konzept – eine vielfältige Herausforderung von der Frage des Grundbesitzes über Mikrokredite bis hin zum Baumaterial. Die Resonanz war überwältigend. Ideen und kritische Anregungen aus der ganzen Welt flossen in das Projekt.

An das Profitstreben appellieren!

Manche stellten den Nutzen des Tablet-Rechners in Frage, er würde das knappe Budget für Dinge mindern, die möglicherweise sinnvoller wären, etwa einen Platz für Lebensmittel oder eine Toilette. Govindarajan aber ist der Auffassung, dass der direkte Zugang zu Informationen ein fundamentaler Baustein zur Überwindung von Armut ist. Er sieht im Wohnungsbau für Arme eine Riesenchance für die Wirtschaft. „Wir müssen“, sagt er, „an das Profitstreben appellieren“. Zudem sollen Neuerungen nach dem von ihm erdachten Prinzip der „Reverse Innovation“ zuerst effizient und einfach in den Entwicklungsländern entwickelt werden, ehe sie in den Industrieländern auf den Markt kommen, nicht wie bisher umgekehrt.

Für den Professor gehört der Preis auch mit zum Markenzeichen der Idee, wie zum Beispiel beim 100-Dollar-Laptop. Und warum 300 Dollar? In den USA beliefen sich die geschätzten Kosten für ein derartiges Haus, einen wohnwagengroßen Wohncontainer, auf rund 3000 Dollar. Einer Faustregel entsprechend wären das etwa 300 Dollar in einem Entwicklungsland – jeweils nur für das Material, ohne Grundstückskosten.

Ein Haus, so teuer wie ein iPad

Warum 300 Dollar? In den USA beliefen sich die geschätzten Kosten für das Haus auf rund 3000 Dollar, einer Faustregel entsprechend wären das etwa 300 Dollar in einem Entwicklungsland. Neben einer Reihe weiterer Unternehmen ist auch der indische Tata-Konzern mit von der Partie auf dem Weg zum 300-Dollar-Haus. Mit dem Kleinstwagen „Tata Nano“, Kostenpunkt 2.500 Dollar, hat die Firma bereits ein superbilliges Massenprodukt auf den Markt gebracht. Nach ersten Tests bietet Tata inzwischen auch sogenannte „Nano-Häuser“ an. Sie sind etwa so teuer wie ein iPad: für umgerechnet rund 540 Euro gibt es einen Bausatz aus schlichten Leichtbeton-Fertigteilen für ein 20 Quadratmeter großes Haus, das man in ein paar Tagen selbst aufbauen kann; auch eine größere Version mit 30 Quadratmetern ist verfügbar. Für die Wandverkleidung und die Innenausstattung werden Kokosfasern oder Jute verwendet.

Weltverbesserung ohne Eigentümer

„Crowdstorm“ nennt Christian Sarkar die beachtliche Resonanz auf die Idee des 300-Dollar-Hauses. Die deutsche Online-Kreativplattform jovoto etwa veranstaltete eine „$300 House Challenge“ [5], bei der die besten Entwürfe mit 25.000 Dollar prämiert wurden. Bei einem nachfolgenden Workshop am Dartmouth College brachten Architekten und Designer Verbesserungsvorschläge ein, und aus dem ganzen entstanden zwei Pilotprojekte auf Haiti.

Ist ein solches Projekt abgeschlossen, passiert manchmal eine ganze Weile nichts, Kritiker sehen das Ganze dann schon einschlafen, wieder ein Stück Weltverbesserung, das sich in Wohlgefallen aufgelöst hat. Wie Professor Govindarajan im $300 House Blog erläutert, hat dieses Mißverständnis mit einer bestimmten Vorstellung von Besitz zu tun. Die Idee des 300-Dollar-Hauses hat keinen „Eigentümer“. Es ist eine Idee, mit der Privatpersonen, Unternehmen und Institutionen dazu gebracht werden sollen, möglichst gemeinsam Lösungen für das Problem bezahlbaren Wohnraums für die Ärmsten der Armen zu finden.

„Für mich ist ausschlaggebend, dass die Reise gerade erst begonnen hat und Individuen, Institutionen und Firmen in ihrem jeweils eigenen Tempo daran arbeiten. Einige entscheiden sich, die offene Zusammenarbeit mit anderen zu suchen, manche wählen den eher traditionellen, proprietären Ansatz. Beides ist ok.“