Meinung
23.04.2016

Die kurze Ewigkeit

Angeblich halten neue Datenträger ganz, ganz lange. Es kann aber auch sein, dass wir uns zu einem Frühmensch entwickeln, der nicht mal mehr Bilder an Felswänden hinterlässt.

Manche Datenträger erweisen sich als ziemlich robust. Von einer Festplatte, die nach dem Absturz der Raumfähre Columbia im Februar 2003 unter den verstreuten Trümmern gefunden worden war, konnten erstaunliche 99 Prozent des Datenrohmaterials wieder lesbar gemacht werden – allerdings brauchte ein Team von Spezialisten danach fünf Jahre, um das gerettete Durcheinander wieder in eine sinnvolle Ordnung zu bringen.

Im Übrigen haben sich Prognosen zur Haltbarkeit von Speichermedien, die so etwas gar nicht erst nötig machen würden, schon öfter als Enten erwiesen. So fürchtet man im Deutschen Musikarchiv in Leipzig um den Bestand hunderttausender CDs. Mit der Einführung der Silberscheiben in den Achtzigerjahren hatte die Industrie einen Datenträger für die Ewigkeit versprochen. Aber vor allem die Lacke für den Label-Aufdruck erweisen sich heute als CD-Killer. Sie fressen sich durch die Materialschichten, Ergebnis: Die Daten sind nicht mehr lesbar.

Wir haben wieder angefangen, auf Steintäfelchen zu schreiben

Der Stoff, aus dem Mikrochips gefertigt werden, ist geschmolzener Quarz. Wir haben also wieder angefangen, auf Steintäfelchen zu schreiben. Das ist vernünftig, da Stein oder auch Papyrus recht haltbar sind. Manche Papyri haben 4000 Jahre überdauert. Wir aber scheinen uns zu einer neuen Art von Frühmensch zu entwickeln, der nicht einmal mehr Bilder an Felswänden hinterlässt. Schon in einer absehbaren Zukunft werden Computer eine immer dynamischere Art von Gedächtnis ermöglichen, das zunehmend schwieriger dauerhaft festzuhalten sein wird.

2011 präsentierte der Informatiker Deb Roy eine atemberaubende Datensammlung, die er in den ersten zwei Lebensjahren seines Sohns angelegt hatte, um genau nachvollziehen zu können, wie das Kind seine ersten Worte lernt. Überall im Haus der Familie waren Kameras angebracht worden, mit denen 90.000 Stunden Video und 140.000 Stunden Audiomaterial aufgezeichnet wurden - 200 Terabyte an Daten. Bis zu seinem zweiten Geburtstag hatte der Kleine sieben Millionen Worte gehört und 530 eigene Worte gelernt. Das Beispiel gibt eine Vorstellung davon, was „erinnern“ in einer gerade erst beginnenden Zukunft bedeuten könnte, in der immer größere Datenkonvolute in der planetaren Speicherwolke, der Cloud, Einzug halten.

Für 25.000 Euro eine Million-Year-Harddisk

Auch die Sorge, Menschen in einer fernen Zukunft könnten unsere Warnungen vor radioaktivem Müll nicht mehr verstehen, treibt Forscher um. Patrick Charton von der französischen Atommüllagentur ANDRA demonstrierte auf einer Konferenz einen speziell hierfür entwickelten Datenträger: Eine 25 Zentimeter durchmessende Scheibe aus künstlichem Saphir. 25.000 Euro kostete der Prototyp, der angeblich zwei Millionen Jahre halten soll. „Aber wo diese Scheiben aufbewahrt werden sollen, um in Jahrtausenden noch zugänglich zu sein, weiß ich nicht“, räumte Charton ein.

Sogar die Ewigkeit kann in digitaler Form recht kurz sein. 2001 gab es im nordrhein-westfälischen Gladbeck Streit um einen Grabstein. Bernd Bruns, dessen Mutter 1993 gestorben war, hatte neben einem Portraitfoto auch eine Netzadresse in den Stein gravieren lassen. Die Friedhofsverwaltung forderte die Entfernung des Grabsteins, die darauf angebrachte „Werbung für das Internet“ sei „nach der Friedhofssatzung von 1976 nicht zulässig“. Der steinerne Link auf eine Gedenkseite im Netz durfte schließlich bleiben. Allerdings wurde die Internet-Domain, unter der sie beheimatet war, im Oktober 2012 von einem Berliner Start-up übernommen. Die in Stein geschriebene Adresse führt inzwischen auf eine leere, weiße Seite.

Ein unsterbliches Wesen

Der Keramiker Martin Kunze aus Gmunden im Salzkammergut geht das Problem handfester an: mit Kacheln. 2013 eröffnete er ein Archiv für die Ewigkeit „Memory of Mankind“ (MOM) heißt die Einrichtung, für die Texte und Bilder als erstes auf Steinzeugtafeln geprägt, diese danach verglast und dann tief im Inneren eines Salzstollens eingelagert werden. „Die technische Haltbarkeit der Kacheln“, so Kunze, „ist praktisch unbegrenzt.“

Was Menschen mühsam mit Granit, glasiertem Ton oder Silizium versuchen, nämlich Informationen unsterblich zu machen, hat die Natur mit einer zarten Kreatur geschafft. Eine winzige Qualle mit Namen Turritopsis dohrnii verfügt über eine einzigartige Dauerlebensfähigkeit: Hat sie ein bestimmtes Alter erreicht, kehrt sie den Alterungsprozess um, wird wieder jünger und kann ihr Leben von vorn beginnen.