Meinung
13.06.2015

Die neue Weltordnung

Heute ist die Technologie so weit fortgeschritten, dass wir damit nicht nur alte Unordnungen eins zu eins in den Computer übernehmen können – mit digitaler Hilfe können wir sie noch weit übertreffen.

Wie kategorisiert man das Weltwissen, um es übersichtlich zu machen? In den Bibliotheken von 180 Ländern der Erde versucht man dieser Herausforderung mit der 1873 von Melvil Dewey eingeführten Dewey Decimal Classification gerecht zu werden. Alles, was es zu wissen gibt, wird darin von 10 Hauptgruppen ausgehend strukturiert, die sich in jeweils 10 Untergruppen verzweigen, von denen jede sich wieder in 10 Unteruntergruppen aufgabelt, undsoweiter. Die amerikanische Kongressbibliothek, die über die Rechte an dem System verfügt, hat bisher etwa 110.000 Kategorien für diesen Versuch einer Ordnung von überhaupt Allem vergeben.

Heute aber ist die Technologie so weit fortgeschritten, dass sie uns nicht mehr nur erlaubt, alte Unordnungen ohne Abstriche in den Computer zu übernehmen - etwa das Papierdurcheinander auf dem Schreibtisch -, sondern sie mit digitaler Hilfe noch weit zu übertreffen.

Nur junge Menschen glauben, Ordnung sei langweilig. Klare Wege durchs Unwegsame zu ziehen, ist aber ein großes Abenteuer. Wenn ein ordnungsfreundiger Mensch früher ein unberührtes Stück Welt entdeckt hat, machte er es urbar, indem er Schilder aufstellte. Der Traum des Schilderfreunds ist das Internet: dort gibt es keine Straßen mehr, nur noch Schilder, die uns die Software ständig hinhält.

Mit dem Internet hat der Mensch eine fundamental neue Dimension des Durcheinanders erschaffen – einen reichen, fruchtbaren Humus des Chaos. Das Netz ermöglicht es uns nun, nicht mehr nur Bücher und Zettel durcheinanderzuschmeißen, sondern auch Bilder, Animationen, Videos, ganze Gedankengebäude, alles. Im gordischen Knoten der Hyperlinks ist die Welt inzwischen in eine Globalisierung der Unaufgeräumtheit eingebunden.

Dazu gibt es Ent-Ordnungssysteme - Stichwort „Tagging” – in denen die Idee des Strukturierens überhaupt aufgegeben wird. An ihre Stelle treten dynamische Wortwolken. Keiner kümmert sich mehr um einen einheitlichen Index, jeder schreibt die Tags dazu, die ihm gerade einfallen. Ordnung gibt es immer nur noch ein paar Sekunden lang, wenn Google wieder eine Ergebnisliste zu einer Anfrage ausgeworfen hat. Das ist die neue Weltordnung.

Mit dem Buchdruck waren zahlreiche alte Manuskripte vervielfältigt worden und hatten die Renaissance mit der Vergangenheit des Altertums und des Mittelalters überflutet. In dieser Zeit wurde auch die Zukunft erfunden. Mit Hilfe von Büchern begann der menschliche Geist zum ersten Mal, sich frei in Vergangenheit und Zukunft zu bewegen. Heute lässt die Vernetzung uns eintauchen in alle Kulturen, die je auf dieser Welt existierten.

Für manchen fühlt sich der kreative Anspruch der neuen Medien aber erdrückend an. Was zuvor Zeitung, Fernsehen und Bibliotheken vorgeordnet und zusammengefügt haben, wird durch die Digitalisierung entbündelt. Musikalben zerfallen wieder in einzelne Tracks, Zeitungen zerflattern zu Artikel-Atomen im Stream der sozialen Netze. Das Internet stattet die Dinge mit einer neuen Gewichtlosigkeit und Mobilität aus. Alles lässt sich jetzt mit einem Klick um die Welt schicken, verändern und teilen.

Das Inbild der digitalen Welt sind nicht mehr die Reihen ruhender Bücher in einer Bibliothek, sondern die riesigen, wendigen Fischschwärme im Ozean.

Das Hyperdurcheinander

Endziel der großen Vernetzung ist es, die Unübersichtlichkeit zu universalisieren. Jeder soll alles von überall aus durcheinanderbringen können. Ohnehin ist das Problem nicht, dass man im Internet zu wenig findet. Das Problem ist auch nicht, dass es im Internet zu viel Müll gibt, wie Kulturpessimisten immer gern behaupten. Das Problem ist, dass es im Internet viel zu viel gutes Material gibt und zu wenig Zeit da ist.

Die Zeit ist der Flaschenhals. Manchmal ist es zum schieren Verzweifeln, dass nicht mit diesem immensen Online-Geschenk an Information, Wissen, Kultur und Unterhaltung, den das Internet darstellt, zugleich auch die menschliche Lebenszeit erweitert werden kann, damit man eine Chance hat, sich mit den unzähligen großartigen oder zumindest bemerkenswerten Dingen befassen zu können. Wo sind die Biotechniker, wenn man sie einmal wirklich braucht?