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Peter Glaser: Zukunftsreich

Die Uhr, die keine ist

Was für Menschen mit Bergsteigerbegeisterung die Achttausender im Himalaya sind, ist für meinen Besuch der Geldberg von Apple. Er ist davon restlos fasziniert. Vor allem ist er der Meinung, dass er als treuer Apple-Kunde seinen Anteil daran geleistet habe und also auch ein gewisses Anrecht an diesem Berg habe. Keinen Anspruch darauf, aber ein kleines Anrechtchen. Zum Beispiel, diese knapp 200 Milliarden Dollar Rücklagen ohne Sauerstoffgerät zu besteigen und dann von ganz oben aus über den weiten Horizont zu blicken und ein Gefühl von Zukunft und Macht zu empfinden.

Der Dagoberg

„Das ist doch ein neuer, emotionaldemokratischer Kapitalismus“, der Besuch machte eine überschwengliche Geste. „Wir können uns ganz mit dabei fühlen.“

Ich sah vor mir den Geldberg von Dagobert Duck. Im Geiste stand da ein Schild davor, auf dem zu lesen war: Dagoberg. Ich stellte mir vor, wie mein Besuch wie ein Seehund hineinsprang in das Geld, wie ein Maulwurf darin herumwühlte und es in die Luft schmiß, um es sich auf die Glatze prasseln zu lassen. „Das ist mein Bier“, sagte ich dann.

Wir waren in dem Gasthaus nebenan und mein Besuch trank mein Bier. „Oh, tut mir leid“, sagte er, „hab meine Brieftasche zu Haus vergessen.“ Zum Ausgleich durfte ich mir seine neue Apple Watch anschauen. „Damit kann man doch auch bezahlen“, sagte ich.

Rollkragenfollower

„Ist bei uns noch nicht freigeschaltet.“ Der Besuch zeigte mit zum Trost eine Fluginformations-App. Dann Twitter. Ein ideales Gespann. Minimeldung auf Minidisplay. Jemand machte eine Bemerkung über Steve Jobs, und ich las Rollkragenfollower statt Rollkragenpullover. Dann zeigte die Uhr wieder die Uhrzeit an.

Bisher war Zeit das zentrale Produkt einer Uhr. „Mit der Apple Watch verkauft uns Apple jetzt die moderne Zeit“, dozierte der Besuch. Eine Uhr, die nicht nur die Uhrzeit anzeigen kann, sondern von einem Software-Gärtchen aus Apps umrankt wird, mit denen man heute noch unvorstellbare kleine Bequemlichkeiten genießen kann. „Ich bin sicher, die Uhrzeit wird auf der Uhr bald so unwichtig sein wie das Telefonieren am iPhone.“

„Das ist sie ja jetzt schon“, sagte ich.

Eine gewisse Armbanduhrlosigkeit

Ich wunderte mich. Seit Jahren haben wir uns in eine gewisse Armbanduhrlosigkeit vorangearbeitet. Vor allem von den Jüngeren trägt heute keiner mehr eine Uhr, es sei denn aus Statusgründen – dann muß sie aber auch mindestens so teuer sein wie ein Einfamilienhaus. Wer wissen will, wie spät es ist, schaut auf sein Smartphone. Und diese Uhrlosigkeit hat ja auch etwas Befreiendes. Schließlich hat das Industriezeitalter damit begonnen, dass die Menschen mit Hilfe von Uhren in der Zeit gefangengenommen wurden. In einem strikten Ablauf, dem niemand sich mehr entziehen durfte.

„Und jetzt soll uns eine Uhr vom Smartphone befreien? Davon, dass man es immer rausnehmen muß? Ich weiß ja nicht.“

„Ich bin ganz sicher: Apple will nicht die Zeit neu erfinden, sondern das Geld“, sagte ich. NFC ist der Schlüsselbegriff – Near Field Communication. Und wer da im Nahfeld kommuniziert, das sind die Apple Watch und die Registrierkassen dieser Welt. Sie tauschen Bezahldaten aus, früher nannte man diesen Vorgang schlicht „Geld ausgeben“. Man geht an der Kasse vorbei und ist sein Geld los. Kein Graben nach der Brieftasche mehr, kein QR-Codegegrissel am Display, kein „Hätten Sie‘s vielleicht klein?“

Eine hyperbeschleunigte Kassierin

Neu ist das nicht. Die ehemalige Firma VeriChip (die inzwischen PositiveID heißt) hat es schon vor Jahren mit einem reiskornkleinen Chip in die Schlagzeilen geschafft, den man sich unter die Haut injizieren lassen kann. Gäste in einem Strandclub in Barcelona und in einer Bar in Glasgow hatten berührungslos VIP-Zugang, wenn sie sich von einem Disco-Arzt den Chip verpassen ließen. Aber neu war auch der Musik-Player nicht, auch nicht das multifunktionale Mobiltelefon und nicht der Tablettrechner. Trotzdem hat Apple mit iPod, iPhone und iPad je einen technologischen Umsturz verursacht.

Mein Besuch schaute versonnen durch seine Apple Watch hindurch. Der Kellner kam.

„Ich hab leider nur eine Milliarde“, sagte der Besuch, „können Sie rausgeben?“

„Warte nur, was passieren wird, wenn Apple Pay erstmal auch bei uns freigeschaltet wird.“ Ich lieferte die Zeitrafferpantomime einer hyperbeschleunigten Supermarktkassierin.

„Mach ich“, sagte der Besuch. „Kannst du mir bis dahin noch ein Bier auslegen?“

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Peter Glaser

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