Leider sind viele von uns aber faule Beckenrand-Griller und die Sache mit dem Holz ist ihnen zu aufwendig. Also greift man zu Holzkohle (vorgebranntes Holz) oder Briketts. Letzere ergeben ein besonders glattes Glutbeet. Die Hitze hält länger.

© dpa/Horst Ossinger

Peter Glaser: Zukunftsreich
06/21/2014

Die Verhörungstheorie

Der Sommer bringt es an den Tag: Faulheit und das Internet treiben die Weltwirtschaft an. Und nur in Ghana ist die Musik wirklich eingesperrt.

von Peter Glaser

Es gab was zu essen. Was, das sage ich nicht. Sollen die bei der NSA doch was tun für ihr Geld.

„Es ist so stickig“, beschwerte sich mein Besuch.

„Sie nennen es Sommer“, sagte ich.

„Ich bin so faul“, klagte mein Besuch. „Ich möchte, dass sich mein Essen von allein isst. Essen mit Auto-Modus.“

„VW-Kefir“, schlug ich vor.

Faulheit ist ein bedeutsamer und unterschätzter Antrieb des menschlichen Lebens, so paradox sich das vielleicht anhört. Was ich meine, wird klar, wenn man einen wirklich faulen Menschen (WFM) betrachtet. Der WFM ist meist extrem fleißig, denn er will möglichst schnell wieder faulsein.

Aus Faulheit lässt sich immer ein Geschäft machen

Eine der Leitströmungen der Weltwirtschaft hat mit den vielfältigen Verwertungsformen von Faulheit zu tun. Bei Ökonomen und Marketingmenschen heißt sie Convenience, weil sich das besser anhört. Zu den Bequemlichkeiten zählt fast alles, was einem Arbeit abnimmt, vom rechtwinklig Schneiden von Fischstäbchen bis zum Kauf eines gebrauchten Flugzeugträgers bei Ebay. Das Internet ist ein schwieriger Markt, aber es ist die mächtigste Convenience-Industrie des Planeten. Und aus allem, das der Faulheit entgegenkommt, lässt sich ein Geschäft machen.

Ich hatte mal einen Kumpel, der so faul war, dass er nur vom Sofa aufstand, wenn sich gerade neben ihm jemand erhob und er sich eine gewisse Windschattensaugwirkung erhoffte. Er aß am liebsten Joghurt, weil ihm jemand erklärt hatte, dass Joghurt lebt und er davon ausging, dass er es nicht selber schlucken muss, sondern es aus eigenem Antrieb in ihn hineinkriecht.

Musik am Rand des Abgrunds

„Los, ernähr‘ mich!“, herrschte mein Besuch sein Essen an.

Wir hörten Musik. Die Tracks fuhren vorbei wie Loren aus einem Bergwerk, in dem gute Musik abgebaut wird, und sie kippten ihre Sounds vor uns aus. Was so groß daherkam, war klein anzusehen. Die Musik kam aus einem iPod in einem schlichten Dock und winzigen Boxen.

Mein Besuch hat eine Verhörungstheorie. Er ist der Auffassung, dass Apple mit der Popularisierung von MP3-Audiodateien das Musikhören an den Rand des Abgrunds geführt hat. Damit die Downloads schnell genug vonstatten gehen, wurde die Qualität der Musik reduziert, sagt er. Wurde der Umfang der Dateien reduziert, sage ich. Vor allem behauptet er, sie hielten bei iTunes die Musik gefangen. Das sei ein System wie eine Schneekugel – sieht transparent aus, ist aber in Wirklichkeit geschlossen.

Alles aufgeklappt

Mein Besuch hat seit jeher ein spezielles Verhältnis zur Musikwiedergabe. Wir kennen uns schon lange, und als ich meinen Besuch kennenlernte, lag überall in seiner Wohnung aufgeklapptes Musikequipment herum, Plattenspieler, Ghettoblaster, Boxen. Erst dachte ich damals, dass er sie repariert, aber dann sah ich Staubwolle im Gedärm der Geräte und erkannte: Er klappt sie einfach nur auf. Er war wie der Mann in der chinesischen Legende, der auf dem Markt Vögel in Käfigen kauft, nur um sie freizulassen. Mein Besuch will die Musik freilassen.

„Aktntasche Aktntasche Aktntasche“, sagte die Musik. Sie war rhythmisch und gut.

Ich schenkte uns kalten Schnaps ein. „Doppeltgebrannt aus der Dolbysurroundbeere“, sagte ich. „Mit Rauschunterdrückung.“

Perfektion und Trittschall

Nach seiner Aufklapp-Phase war er erst einmal ins audiophile Lager gewechselt. Das heißt, er hatte eine unglaubliche Aparatur von Plattenspieler, die er erst in Betrieb nahm, wenn Frau und Kind aus dem Haus waren, um störende Trittschwingungen auszuschließen und er sich bei der lokalen Erdbebenwarte eine seismischen Kurzzeitprognose eingeholt hatte. Erst dann durfte die Musik losgehen.

Aber die ganze Überperfektion machte ihn unglücklich. Da saß er dann und hörte eine brilliante Live-Aufnahme und die mit der Musik ebenfalls kristallklar hervorgehobenen Störgeräusche. Bühnenbodenknistern. Hüstelnde Leute. Umblättergeräusche. Inzwischen ist er immerhin iPod-Dulder.

Dann erzählte ich ihm meine Verhörungstheorie, nämlich dass er den Frust über seinen Perfektionismus einfach auf die unschuldige Apple-Hardware gelenkt hatte.

„Alles App-gekapselt“, sagte mein Besuch grimmig.

Musik im Käfig

Dass iTunes sowas wie ein Musik-Guantanamo sein sollte, will sich mir aber nicht erschließen. Ich erzählte ihm, dass in Ghana Bands bei ihren Auftritten auf dem Land meist in Käfigen spielen. Das hat damit zu tun, dass die Musiker keine eigenen Instrumente haben und mit den Instrumenten spielen, die ihnen der Veranstalter zur Verfügung stellt. Nachdem immer wieder Instrumente geklaut worden waren, hatte sich die Käfighaltung von Musikern eingebürgert.

„Eingesperrte Musik gibt es also nur im wirklichen Leben“, sagte ich. Ich höre so viel Musik wie noch nie. Klar, das Musikhören hat sich verändert. Wie die meisten hör ich lieber einzelne Tracks als ganze Alben. Soweit waren wir übrigens schon mal, bis in die Fünfzigerjahre haben Singles den Musikmarkt dominiert, nicht Alben. Als die Vinyl-Alben aufkamen, regten die Puristen sich dann über das musikalische Zuviel auf, das da untergebracht würde.

Mein Besuch kratzte an meinem iPod. Er wollte das Gerät aufklappen und ich dankte den Designern bei Apple, dass es eine so schön glatte Oberfläche hat, und dass es Musik zu uns herauspumpte in den Sommer.