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Peter Glaser: Zukunftsreich
05/17/2014

Die Zeitmaschinenpistole

Es „socialt“ und Unternehmer möchten mit dabeisein. Mit einer schnöden Facebookseite wollen manche sich aber gar nicht erst abgeben.

von Peter Glaser

Wie wird man 100 Jahre alt? Man lässt die Nahrungsmittel weg und ißt nur noch die Konservierungsstoffe. Wie schafft man Frieden im Kongo? Man lässt abgelegte Kalaschnikows einschmelzen und fertigt daraus Luxusuhren für Reiche. Alle sind glücklich – die Afrikaner, weil sie noch Flaschenpfand für ihre alten Schießeisen bekommen; die Käufer, weil sie sowohl eine Uhr mit maskuliner Waffenästhetik erhalten, als auch das stolze Empfinden, zur Entmilitarisierung des schwarzen Kontinents beigetragen zu haben; und schließlich Designer, Uhrmacher und vor allem die Ideengeber, weil sie ordentlich Geld machen.

Eine Uhr zum Preis eines Einfamilienhauses

Von der Uhr, die auf den Namen „Inversion Principle“ („Umkehrprinzip“) hört, sollen jeweils zehn Exemplare in Weißgold und zehn in Rotgold hergestellt werden. Bei einem Stückpreis von knapp 270.000 Euro wären das 5,4 Millionen Euro Umsatz. Patron dieser Idee „liederlicher Verschwendung“ - so die lateinische Wurzel des Begriffs Luxus - ist der amerikanische Geschäftsmann und Menschenfreund Peter A. Thum, der im Zeitalter von Greenpeace, Facebook und CO2-Fußabdruck seine Bestimmung als „Social Entrepreneur“ sieht, als Vertreter eines sozialen Unternehmert(h)ums.

Die von ihm gegründete Juwelier-Unternehmung Fonderie 47 („Gießerei 47“) hat ihren Namen von der rohstoffliefernden AK-47 („Awtomat Kalaschnikowa, obrasza 47“), der weltweit weitestverbreiteten Handfeuerwaffe. Fonderie 47 poduziert neben Uhren zum Preis von Einfamilienhäusern noch Armbänder, Ohrringe und Halsketten aus dem „transformiertem“ Metall der Maschinenpistole. Diesen Schmuck als Friedenssymbol anzusehen, ist schon ziemlich vermessen.

Wasser mit einem Schuss guten Gewissens

Das Social Entrepreneurship von Peter Thum hat seine Wurzeln im Wasser. 2001 war der damalige McKinsey-Berater nach einem Aufenthalt in Südafrika, wo viele Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, auf die Idee gekommen, Wasser in Flaschen mit einem Schuß guten Gewissens zu versetzen und zu verkaufen. 2002 verließ er McKinsey und begann im Jahr darauf von New York aus mit dem Verkauf von „Ethos“-Wasser. Kümmerliche 2,8 Prozent des Verkaufspreises von 1,80 Dollar gehen in Charity-Programme für sauberes Wasser. Das Ganze ist primär ein Business. Viele Käufer glauben der Verheißung der Marke und sind der Meinung, mit „Ethos“ auch etwas ethisch wertvolles zu tun.

2005 kaufte Starbucks die Firma für acht Millionen Dollar – für ein Trinkgeld. Tatsächlich lief seit 2004 eine von einer Mitarbeiterin angestrengte Sammelklage, die sich gegen die Praxis richtete, Vorgesetzte in Starbucks-Shops an den Trinkgeldern der Mitarbeiter zu beteiligen. Im März 2008 wurde der Konzern dazu verurteilt, etwa 100 Millionen Dollar einbehaltener Trinkgelder an Beschäftigte zurückzuzahlen. Im Oktober 2008 berichtete der britische Guardian, dass Starbucks täglich Millionen Liter Wasser vergeudet. Einer Anweisung der Geschäftsleitung zu Folge hatte sich aus Hygienegründen in jedem Starbucks-Shop weltweit ein konstant laufender Wasserhahn zu befinden.

Bewaffnet zum Einkaufen

Auch das Verhältnis von Starbucks zu den amerikanischen Waffengesetzen bleibt von dem Social Entrepreneur und angeblichen Abrüster Thum unkommentiert. In 43 US-Bundsstaaten gehen die Leute inzwischen zum Teil auch bewaffnet zum Einkaufen. Viele Geschäfte haben darauf reagiert, indem sie das Tragen von Waffen nach ihrem Hausrecht untersagen. In Starbucks-Shops ist das Waffentragen nach wie vor erlaubt, was bereits zu Boykottaufrufen geführt hat.

Nun ist Peter Thums also mit anhaltendem Rauschen in den sozialen Netzen angetreten, Sturmgewehre in Schmuck und Uhren zu verwandeln und „die Zahl der Handfeuerwaffen auf der ganzen Welt zu reduzieren“ – 25.000 Gewehre sollen bereits zerstört worden sein. Überprüfen läßt sich das nicht, unbeantwortet bleibt auch die Frage, ob es sich nicht vielleicht um bereits ausgemusterte oder ohnehin defekte Waffen handelt und wie sichergestellt wird, dass von dem Geld nicht neue Waffen gekauft werden.

Gleichfalls unbeantwortet bleibt die Frage, weshalb Peter Thum mit seinen Bemühungen um Demilitarisierung nicht bei sich zu Hause in den USA beginnt.