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Peter Glaser: Zukunftsreich Die Zukunft im Keller.

Ob dunkle Ubahn-Tunnel schon bald belebten Oasen weichen werden?
Ob dunkle Ubahn-Tunnel schon bald belebten Oasen weichen werden? - Foto: APA/WIENER LINIEN
Der Platz in den Städten wird knapp: Unser künftiger Lebensraum könnte unter der Erde liegen.

In den James-Bond-Filmen ist es das Reich des Superbösewichts, das weiträumig unterirdisch gelegen ist. Auch Bunkeranlagen oder Kontrollzentren wie das legendäre Cheyenne Mountain Operations Center, in dem bis 2006 das Nordamerikanische Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando NORAD in Betrieb war, erstrecken sich unter der Oberfläche. Als Zivilist kommt man mit tiefergelegten Lebensbereichen täglich in U-Bahnen, Unterführungen und Tiefgaragen in Berührung.

Supermoderne Höhlenstadt

Die Vorstellung, dass Untergrund-Städten die Zukunft gehört, gibt es schon lange. 1934 veröffentlichte die Zeitschrift „Popular Science Monthly“ eine etwas unüberlegte Idee über eine supermoderne Höhlenstadt, die mehr als 30 Stockwerke unter die Erde führen und mit künstlichem Sonnenschein erhellt werden sollte. Die Erdmassen, die für den Aushub zu bewegen gewesen wären, entsprechen etwa 25.000 Cheopspyramiden oder 5.400 Empire State Buildings. Von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet wäre  es billiger und einfacher, eine Stadt in den Grand Canyon zu bauen und ihn dann zuzuschütten.

Anfang der Vierzigerjahre gab es in den USA sogar Konzepte für unterirdische Flughäfen. Begünstigt wurden diese Überlegungen zweifellos durch die Tatsache, dass Krieg in Europa herrschte und der Bombenkrieg zunehmende Fortschritte machte. 1969 schlug der Stadtplaner Oscar Newman vor, durch Atomexplosionen Hohlräume unter Manhattan zu schaffen, um darin Untergrundstädte bauen zu können. Auf das Problem angesprochen, dass man unter der Erde ja keine Aussicht habe, entgegnete er: „Was die meisten Leute sehen, wenn sie aus dem Fenster schauen, ist die Wand des Hauses gegenüber.“

Bald leben zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten

Inzwischen nimmt die Übervölkerung der Städte und Metropolen rasant zu, das Thema steht wieder auf der Agenda. 2050 sollen zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Urbane Wohnfläche wird zu einer zunehmend knappen Ressource. Der kalifornischen Stadtforscherin Annette Kim zufolge leben schon heute allein in Peking etwa eine Million Menschen in ehemaligen Schutzräumen und Kellern auf wenig luxuriöse Weise unterirdisch.

In Singapur, einer der am dichtesten bevölkertsten Regionen der Welt, leben auf 710 Quadratkilometern 5,5 Millionen Menschen – pro Quadratkilometer knapp 7800 Einwohner. (zum Vergleich: In Wien leben etwa 4300 Einwohner pro Quadratkilometer, in Berlin 3900).

Für Zhou Yingxin, Mitatbeiter des Associated Research Centers for the Urban Underground Space in Singapur, ist die Landknappheit der Hauptgrund dafür, in die Tiefe zu gehen. Die Herkömmlichen Methoden der Landgewinnung durch Aufschüttung sind weitgehend ausgeschöpft. Nun ist auf 300.000 Quadratmeter eine Underground Science City geplant, in zwischen 30 und 80 Metern Tiefe gelegen, die Biotechnologie-Unternehmen und Arbeitsplätze für 4.200 Menschen beherbergen soll.

Der Earthscraper - ein umgekehrter Wolkenkratzer

Für Mexico City, wo im historischen Stadtkern strikte Denkmalschutzvorschriften befolgt werden müssen, hat das einheimische Architekturbüro BNKR Arquitectura eine 300 Meter tiefe, umgekehrte Pyramide entworfen, den sogenannten Earthscraper, der 5.000 Bewohner beherbergen soll, die - bis auf die untersten Geschoße - natürliches Licht durch eine riesige Glasdecke über einem zentralen Schacht bekommen.

In Helsinki haben auch die Temperaturen eine Rolle dabei gespielt, neun Millionen Kubikmeter unterirdischen Raum unter anderem für Läden, eine Laufstrecke, ein Schwimmbad und eine Eishockey-Halle zu schaffen: „Angesichts des finnischen Wetters“, sagt Helsinkis oberster Untergrundgestalter Eija Kivilaakso, „ist es viel netter, unterirdisch zu arbeiten oder dort seinen Kaffee zu trinken. Man muss dann nicht raus in den Regen oder die Kälte.“

Um Menschen dazu zu bringen, längere Zeit in der Tiefe zu verbringen, müssen allerdings einige Ängste und Phobien behoben werden. „Unterirdisch“ wird meist assoziiert mit einer dunklen, engen, höhlenartigen Umgebung und der Sorge, lebendig begraben zu werden.

Oasen im Tunnel

Gunnar Jenssen hat sich für die skandinavische Forschungseinrichtung SINTEF mit der Psychologie und Gestaltung von Räumen im Untergrund befasst. Er hat zuvor schon am Bau von vier der längsten Straßentunnels der Welt mitgewirkt. Um in der Tunnelröhre eine Illusion von Raum zu schaffen, hat er beleuchtete Oasen mit Palmen einrichten und einen Pseudo-Himmel entlang der Fahrtstrecke aufmalen lassen. „Man hat das Gefühl, draußen zu sein“, so Jenssen, „auch wenn man 1000 Meter unter Tage ist und sich durch einen Berg bewegt.“

(futurezone) Erstellt am 18.07.2015, 06:00

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