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Peter Glaser: Zukunftsreich
08/26/2011

Digital sind alle Dichter

Kleines Zeichen eines großen Wandels – SMS und Twitter sind die Inbilder der neuen kulturellen Portionsgrößen. Aus Textpartikeln, Clips und einer Vielfalt weiterer Kurz- und Kürzestformen entsteht eine neuartige, feinkörnige Mikrokultur.

6,4 Milliarden SMS haben die Österreicher im letzten Jahr verschickt, zwölf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Auch in Deutschland liegt die SMS-Nutzung mit einer Zunahme um 20 Prozent auf 41,3 Milliarden auf Rekordniveau – pro Sekunde wurden im Schnitt 1.300 Kurzmitteilungen verschickt. Dass diese Methode, kleine Textschnipsel zu kommunizieren, so dermaßen erfolgreich geworden ist, und zwar weltweit, ist eine etwas genauere Betrachtung wert.

In den neunziger Jahren haben sich E-Mail und Internet ausgebreitet und Prognostiker gingen davon aus, dass mit zunehmender Rechnerleistung, Übertragungskapazität und fallenden Speicherkosten die verschickten Nachrichten immer multimedialer, aufwendiger und bunter werden. Zugleich verbreitete sich die Mobiltelefonie und Jugendliche erprobten als Vorreiter die interessanten Möglichkeiten des Kurztextens. Von erwachsener Seite wurde das Phänomen erst belächelt und als umständliche E-Mail für Arme abgetan – dreifach belegte Minitasten, ein winziges, einfarbiges Display und nur 160 Zeichen Platz.

Die einfachste, schnellstmögliche Nachricht
Aber weithin unbemerkt war eine vitale, kompakte Kommunikationsform von einem alten Träger, der sich überlebt hatte, auf einen neuen übergewechselt. Zur selben Zeit, als Mobiltelefone und SMS ihren Siegeszug antraten, endete die Ära des Telegramms – aber nur äußerlich. Das, was Telegramme so besonders gemacht hatte - die schnellstmögliche Beförderung einer schriftlichen Nachricht-, ging auf die SMS über. Der Beschränkung auf 160 Zeichen entsprach der aus Kostengründen beim Telegrafieren verwendete und sprichwörtlich gewordene Telegrammstil, bei dem alles Überflüssige einschließlich Höflichkeitsfloskeln weggelassen wird und keine ganzen Sätze mehr gebildet werden, nur knappe Wortaneinanderreihungen.

Um beim Durchtelefonieren einer solchen Nachricht an das Telegrafenamt sicherzustellen, dass das Ende einer Sinneinheit richtig erkannt wird, war es früher üblich, „stop” zu sagen – auf dem Telegramm standen dann an der Stelle drei Pluszeichen („schicket gelder +++ darbe +++ sohn”). Auch dieser alte Formalismus ist nun in neuer Form im Online-Journalismus untergeschlüpft und wird in den Echtzeittickern von Nachrichtenportalen verwendet, wenn wieder einmal atemlose Dringlichkeit signalisiert werden soll.

Ein weiterer Grund für den Erfolg der SMS, der gern übersehen wird: Um einen Kurztext von einem Handy aus zu senden, mußte man nicht erst den Umgang mit einem Betriebssystem lernen. Der Lernaufwand und Hardware-Anforderungen, um E-Mails zu lesen und zu schreiben, waren in der Zeit vor den Smartphones ungleich höher als das bißchen mehr Tippaufwand beim Simsen.

Technologie macht das Leben interessanter, aber nicht einfacher
Die SMS ist ein Symbol für den Medienwandel geworden, der immer mehr analoge Kultur- und Kommunikationsträger in digitale umformt, und zwar auch deshalb, weil sie anschaulich macht, dass die Entwicklung bei weitem nicht so linear oder exponentiell geradlinig verläuft, wie viele sich das gedacht haben – und dass die Kulturformen immer kleinteiliger werden, ob Tracks zu Klingeltönen schrumpfen oder lange Filme zu Dreiminutenclips auf YouTube. Und es hat damit zu tun, dass es ein Irrtum ist, zu glauben, der Mensch entwickle Technologien, um sich das Leben einfacher zu machen. Technologie macht das Leben interessanter, aber nicht einfacher. Es ist im Gegenteil so, dass mit Hilfe von Technologien die Schwierigkeiten zumeist erst einmal zunehmen – und dass das Absicht ist. Der Mensch mit seinen abermilliarden Synapsen im Kopf fühlt sich, auch wenn er manchmal über Multitasking-Zumutungen klagen mag, im Grunde unterfordert. Er sucht Herausforderungen, die seiner Fähigkeit entsprechen, mit Komplexität umzugehen.

Das Geheimnis der Technologie: ein umgedrehter Feldstecher
Als Kinder haben wir oft ein Spiel gespielt, bei dem man ein Fernglas umdreht und damit auf seine Beine schaut. Die sehen dann aus, als wären sie meterweit weg und dünn und hoch wie Stelzen. Aufgabe ist es dann beispielsweise, einen Teppichrand entlangzugehen, und da man durch den Feldstecher gesehen wie auf Stelzen geht, kommt man rasch ins Stolpern. Wer es am weitesten schafft, hat gewonnen. Würde man ohne den umgedrehten Feldstecher losmarschieren, könnte man ohne Probleme tagelang ohne eine Abweichung den Rand entlanggehen. Aber das wäre nicht innovativ.

Ein Telefonat zu führen oder eine in der Länge unbeschränkte E-Mail zu schreiben, kann jeder; das ganze in zwei, drei Sätze zu packen, ist schon um einiges schwieriger. Ähnlich beim Chat, wo man seine Individualität reduziert und eine Person weder an Handschrift noch an Stimme,  Aussehen oder Mimik zu identifizieren ist. Die Herausforderung besteht darin, aus den in unpersönlicher Schrift über den Bildschirm fließenden Äußerungen das Bild einer Person zusammenzusetzten. Da ich Schriftsteller bin, sind mir die kurzen Formen überhaupt lieb. Sie zwingen zum Dichten. Man lernt, wie man sprachlich die Luft zwischen den Atomen rausnimmt. Mit freundlichem Nachdruck fördern das Netz und die digitalen Kommunikationstechnologien auch hier die Demokratisierung von Kultur.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.