Meinung
14.07.2012

Digitales Doping

Die Zeit, in der mit chemischen oder quasi-medizinischen Mitteln aufgeputscht wird, geht langsam zu Ende. Auch das Doping folgt dem Fortschritt – und das sogar beim Computerspielen.

Der Wunsch, die menschlichen Körper- und Geisteskräfte zu überschreiten, ist so alt wie die Kulturgeschichte. Durch Drogen oder Askese hervorgerufene Energieüberschwänge sind seit Jahrtausenden in Religion und Kunst gang und gäbe. Im Sport muß heute im übrigen gar nicht mehr chemisch oder mit Blutaufpeppung nachbelebt werden. Es geht inzwischen auch elektronisch oder pneumatisch.

Leistungsoptimierung übers Ohr
Professor Guang-Zhong Yang vom Imaging Sciences Centre am Londoner Imperial College hat beispielsweise gemeinsam mit Kollegen ein kleines Bluetooth-Gerät zu entwickelt, das die Performance von Leistungssportlern verbessern soll. Der „e-AR"-Sensor wird, wie der Name andeutet, hintem Ohr getragen, wie ein Hörgerät. Er übermittelt eine Reihe von Körperdaten wie Frequenz, Länge und Beschleunigung der Schritte oder die Reaktionen auf die Schockwellen, die den Körper nach jedem Auftreten durcheilen.

Ein Trainer kann damit auf einem iPad oder einem Laptop diese Daten nunmehr in Echtzeit verfolgen und die Bewegungsabläufe des Sportlers - und damit seine Leistung - maßgeschneidert verbessern. Anders als bisherige Körpersensoren läßt sich der e-AR unauffällig anbringen, tragen und sofort auslesen. „Wenn biomedizinische Daten nun jederzeit zur Verfügung stehen, etwa beim Training, kann das die Optimierung sportlicher Techniken sehr beschleunigen und vereinfachen", sagt Yang.

Biobooster und Doping-Detektoren
Kameras und Mobiltelefone (a.k.a. Abhörwanzen) lassen sich längst so verkleinern, dass man sie in Hemdknöpfe einbauen kann – es ist zu erwarten, dass man sie demnächst wird einatmen können. Als berührungslose Alternative zu umständlichen analogen Eintrittskarten lassen Menschen sich reiskornkleine RFID-Chips implantieren. Der nächste Evolutionsschritt, die Near Field Communication (NFC), mit der in einem Bereich von einigen Zentimetern zum Beispiel virtuelles Geld aus einer elektronischen Brieftasche abgesaugt werden kann, ist gerade in der Diskussion.

Der Tag ist nicht fern, an dem bei Sportwettkämpfen nicht mehr nur Körperflüssigkeiten von Athleten auf unerlaubte Mittel getestet werden, sondern die Sportler sich durch Detektorschleusen bewegen werden müssen, um heimlich eingepflanzte Hightech-Turbos und Biobooster zu orten.

Eine Grenze ist erreicht.
Auf der einen Seite steht das Ideal des mit nichts als seinem Körper agierenden Sportlers, der durch hartes Ausdauertrainung, windschlüpfrige Ausrüstung und Bewegungsoptimierung Rekorde inzwischen nur noch um Zehntel- oder Hundertstelsekunden überbieten kann. Auf der anderen Seite stehen die, welche die Grenze bereits überschritten haben. Die kollektiv dopen, wie man es vom Radsport annehmen darf – der eine macht`s, weil der andere es sicher auch macht, etc. Eine Lösungsmöglichkeit: So wie beim Wrestling nicht einmal Kinder mehr davon ausgehen, dass es sich um einen ehrbaren Ringkampf handelt, sollte man das Dopen legalisieren, dafür aber eine eigene Leistungsklasse einführen. Eine Art Überschallsport mit Unterhaltungscharakter.

Sieg der Technik
Beim Sport ohne Doping geht es darum, was ein Mensch zu leisten imstande ist. Beim gedopten Sportler geht es darum, was die angewendeten Tricks leisten. Die Fortschritte bei pharmazeutischen und technischen Hilfsmitteln – und die zunehmenden Begehrlichkeiten danach – stellt uns vor eine grundlegende Frage. Beim Fußball zum Beispiel gäbe es durchaus die Möglichkeit, durch weitgehende Digitalisierung des Schiedsrichters mehr Fairness und gerechtere Entscheidungen zu bekommen.

Man erkennt daran aber auch, welche Bedeutung der menschlichen Fehlbarkeit zukommt. Was Rechnern und Hightech-Hilfsmitteln abgeht, ist die Fähigkeit zur Tragödie. Die Möglichkeit, an einer Situation zu scheitern. Was passiert, wenn der Schiedsrichter automatisiert wird? Die übersichtlichen Regeln des Fußballs verlocken dazu, ihre Einhaltung an Kontrollchips, Sensoren und Kameras zu delegieren, wie auch die jüngste Entscheidung des International Football Association Board (Ifab) zur Einführung der sogenannten Torlinien-Technologie zeigt.

Für viele Spiele und Sportarten aber wäre zu viel technische Aufrüstung der Untergang. Um mit einem etwas martialischen Bild zu schließen: Beim Stierkampf macht es auch keinen Sinn, den Torero mit einer Maschinenpistole auszustatten.

Electronic Doping
Und gedopt werden nicht nur realkörperliche Sportarten. Auch bei Computerspielen gibt es kein Halten mehr. Mehr digitale PS durch Chip-Tuning sind völlig normal, ebenso Schummelzettel („Cheats"), mit denen man sich, wenn man gerade mal ein bißchen schwächelt, problemlos ins nächste Level weiterbeamen kann. Inzwischen fixen die Spielehersteller die Gamer regelrecht an – und natürlich kostet das ein bißchen.

Begonnen hat es mit dekorativen Items, mit denen die Spieler ihre Figuren schöner aussehen lassen können. Damit ist aber nicht mehr viel zu verdienen, heute verkaufen sich beispielsweise zusätzliche Level sehr gut. Was vor allem Geld bringt, sind Erweiterungen, die in das Spiel eingreifen und den Avatar schneller machen, höher springen oder genauer schießen lassen – digitales Doping eben.

Peter Glaser Zukunftsreich

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.