© Britta Pedersen, apa

Peter Glaser: Zukunftsreich
04/26/2014

Drogen und Drohnen

Auch Finsterlinge wollen fortschrittlich sein: Einige Anmerkungen über die Zukunft des Verbrechens.

von Peter Glaser

Die Bekämpfer von Hightech-Kriminalität versuchen ebenso mit der Technik Schritt zu halten wie die Gegenseite. So verbietet im US-Bundesstaat Colorado das Gesetz Nr. 01-1221 unter anderem das Tragen von Aluminium-Unterwäsche. Ladendiebe sollen dadurch abgeschreckt werden, gestohlenes Gut durch die Sicherheitsschleusen an den Ausgängen zu schmuggeln.

Der bedrohte Bankomat

Die ersten Konfrontationen krimineller Energie mit den Möglichkeiten der Zukunftstechnologien verliefen glücklos. Im Jahr 1969 überfiel ein Mann in Los Angeles einen der ersten videoüberwachten Bankautomaten und versuchte erfolglos, die Herausgabe von Geld zu erzwingen, indem er seine Waffe auf das Kameraauge gerichtet hielt.

Anfang der Neunzigerjahre ertappte die New Yorker Polizei eine Maschine bei dem Versuch, eine Bank auszurauben, auf frischer Tat. Der Roboter hatte nachts versucht, die Wand in einen Tresorraum zu durchbrechen. Wie Ermittlungen ergaben, hatte der Bohr-Bot allerdings nicht aus eigenem Antrieb gehandelt, sondern war von drei Männern ferngesteuert wurde, die in einem Lieferwagen vor dem Gebäude warteten.

Das Verbrechen aber war unaufhaltsam dabei, sich die Instrumente des digitalen Zeitalters zueigen zu machen. Die Drogenbarone in Medellin ließen sich für ihre transnationale Logistik eigene Rechenzentren einrichten und entwickelten eine geradezu vorbildlich sensible Auffassung von Privatsphäre: Jedes Handy wurde vom Führungspersonal jeweils nur für einen einzigen Anruf benutzt.

Der mediengestählte Mensch des 21. Jahrhunderts

Untaten werden ständig virtueller (ich spreche hier nicht von einfachen „Black Hat”-Hackern) und beide Seiten spüren die Zeitenwende, die braven Bürger als auch die Unholde. Etwas verändert sich. An einer kulturhistorischen Beobachtung läßt sich das Gefühl festmachen: Der Computer ist das erste Werkzeug in der Geschichte, mit dem man keine Bierflasche mehr aufmachen kann.

Als mediengestählte Menschen des 21. Jahrhunderts stellen wir aber auch neue Ansprüche an das Verbrechen. Es genügt nicht mehr, dass kriminelle Vorgänge unser Unterscheidungsvermögen zwischen Moral und Verwerflichkeit schärfen. Verbrecher haben auch eine gewisse Unterhaltungsverpflichtung zu erfüllen, der sich beispielsweise drei Räuber in Südafrika bewußt gewesen zu sein scheinen. Sie fesselten einen Mann, den sie überfallen hatten nicht einfach konventionell mit Schnur oder Isolierband, sondern klebten ihn mit Superkleber an einem Fitneßrad in seinem Haus fest.

In einem Video führt ein junger Franzose die Modernisierung des Eigentumsdelikts vor. Mithilfe eines selbstgebauten Robotarms, der über den modifizierten Controller einer Spielkonsole gesteuert wird, entwendet er eine Dose Limonade aus einem Getränkautomaten. Wobei man sich in diesem Fall fragen muß, ob es sich bei der Gerätschaft nicht eher um die futuristische Version einer Rube-Goldberg-Maschine handelt (die mit möglichst großem Aufwand einen möglichst kleinen Effekt erzielt). Wie viele Dosen Limonade müßte der Bastler wohl klauen, ehe sich die Konstruktion amortisiert?

Gadgets mit Ganoven-Geschick

Auf dem Weg in das digitale Zeitalter wird eine Innovationslücke sichtbar. Der klassische Finsterling ist konservativ der analogen Welt verhaftet. Er handhabt oft immer noch Materie, statt seinen gesellschaftlichen Beitrag zur digitalen Revolution zu leisten. Und ich meine nicht Off-Shore-Banking zur Verschleierung globalisierter Schwarzgeldströme, nicht schwerfällige organisierte Kriminalität, sondern den frischen Elan von Startups. Was fehlt, sind kleine, pfiffige Ideen.

Nehmen wir etwa sowas wie einen elektronischen Zechpreller (mit Digitalanzeige), den man sich als ein schickes Gadget vorstellen könnte. Oder sich vermittels Künstlicher Intelligenz halbautonom durch die Stadt bewegende Überfallsroboter, denen die Beute – Münz- und Papiergeld sowie Karten aller Art – einfach auf einen geräuschlos sich einziehenden Schlitten gelegt werden kann. Keine Schnapsfahnen mehr, keine unschlüssigen oder launischen Räuber. Fast könnte man sich vorstellen, dass das Leben mit Hilfe digitaler Technik angenehmer würde.

Mit Drohnen gegen die Dröhnung

Auf neue Weise unangenehm wird es nun für Menschen am Rande der Legalität durch sozusagen reguläre Schurken, die ihnen technisch hochgerüstet das Spiel verderben. In der britischen Grafschaft Shropshire im Umland von Birmingham arbeiten Ganoven einem Bericht zufolge mit unbemannten Drohnen, die mit Wärmebildkameras ausgerüstet sind, um Cannabis-Plantagen ausfindig zu machen und die Ernte zu klauen oder die Betreiber zu erpressen. Da für die Aufzucht der Pflanzen viel Licht und Wärme benötigt wird, werden die Hanfbauern leichte Opfer moderner Sensorik.

Einer Polizeistatistik zufolge wurden 2012 in England im Schnitt 21 Cannabis-Farmen pro Tag entdeckt. Die Anzahl der Farmen hat sich seit 2008 etwa verdoppelt. Für Tom Watson, Abgeordneter des Regionalparlaments und Vorsitzender einer Allparteien-Arbeitsgruppe zum Thema Drohnen, ist es „keine Überraschung, dass geschäftstüchtige Kriminelle in der Unterwelt die Oberhand behalten wollen, indem sie Drohnen einsetzen.“

Die Gesellschaft werde sich in den kommenden Jahren mit den Auswirkungen der Drohnen auf Gesetze und Vorschriften auseinandersetzen müssen. Es werde Zeit, dass die Regierung „auf die Besorgnis über die Gefährdung der Privatsphäre durch den Missbrauch von Drohnen hört.“