Meinung
03.09.2013

Ein trojanisches Pferd zerstörte Nokia

Eine Weltmarke ist am Ende. Stephen Elop hat Nokia so heruntergewirtschaftet, dass er für Microsoft leistbar wurde. Der Ausverkauf Europas erlebt einen neuen Höhepunkt.

Europa war einmal ein Mobilfunk-Kontinent. Er wurde nicht nur von uns erfunden, sondern die gesamte mobile Innovation ging von Europa aus. Hersteller wie Siemens, Ericsson, Alcatel und Nokia bauten Handys, die global jeder wollte, Europäer bauten Mobilfunknetze – weltweit. Vor allem die skandinavischen Länder zeigten der Welt, wie ein Handy auszusehen hat, wie man Netze aufbaut und rasch ein ganzes Land mit Mobilfunk versorgt. Aber das war einmal. Seit gestern ist eine der renommiertesten europäischen Marken, die einmal beinahe 40 Prozent globalen Marktanteil hatte und somit eine Weltmarke war, nicht mehr europäisch. Nokia stand für Qualität und Innovation. Nun ist Nokia Microsoft.

Von 303 auf 5,5 Milliarden Wert


Jahr 2000, am Höhepunkt der Dotcom-Blase, war Nokia 303 Milliarden Euro wert. 2010 nur noch 30 Milliarden und heuer im Frühjahr 10 Milliarden. Gestern – etwa 5,5 Milliarden – dann schlug Microsoft zu.

Elop wurde ja schon seit seinem Amtsantritt als „trojanisches Pferd“ Microsofts bezeichnet, der als ehemaliger Microsoft-Manager und neuer Nokia-Chef Entscheidungen so fällen soll, dass der Wert sinkt und Microsoft den ehemals finnischen Mobilfunkgiganten günstig kaufen kann. Tatsache ist, dass Nokia im Jahr 2010 zwar schon geschwächelt und unter dem iPhone gelitten hat, aber rein wirtschaftlich betrachtet noch gesund war. Der Aktienkurs stand bei Elops Amtsantritt bei etwa 12 Euro, den Tiefpunkt gab es im Sommer 2012 mit 1,50 Euro – damals wurde die Aktie schon als Pennystock bezeichnet. Gestern stand die Aktie bei etwa 3 Euro – ein Viertel des Wertes bei Elops Amtsantritt. Schon im Juni 2013 sollte Microsoft Interesse an Nokia bekundet haben, damals war aber der Preis offenbar noch zu hoch.

Das Elop-Memo


Elop hat jedenfalls ganze Arbeit geleistet, denn schon im Februar 2011 wurde ein internes Memo, das Elop an die Nokia-Belegschaft schickte, - wenig überraschend - nach Außen gespielt. "The first iPhone shipped in 2007, and we still don't have a product that is close to their experience. Android came on the scene just over 2 years ago, and this week they took our leadership position in smartphone volumes. Unbelievable." Nokia stehe mit Symbian auf einer brennenden Plattform. Der Untergang wurde damit besiegelt. Stephen Elop mit der Funktion des CEO von Microsoft zu belohnen, wäre eine ganz schlechte Entscheidung, denn erstens wird er ständig mit der Altlast des Nokia-Vernichters in Verbindung gebracht werden und zweitens fehlt ihm – so wie Ballmer auch – das Charisma, ein Technologie-Unternehmen, das mit Innovationen die Welt bereichert, zu führen.

Hochmut & Fall


Genau genommen hatte Elop ja recht, denn das, was er im Memo thematisierte, haben Journalisten bereits Jahre davor bei diversen Nokia-Pressekonferenzen angesprochen. Allerdings haben die damaligen Nokia-Granden mit Überheblichkeit reagiert, wenn man sie auf iPhone, Touchscreen und Smartphones angesprochen hat. Ob das nun Anssi Vanjoki oder Niklas Savander waren, die damalige Nokia-Führungsriege war der eigentliche Totengräber dieses Konzerns. Wer diese beiden Manager in Interviews kennenlernen durfte, und das durfte ich, saß der menschgewordenen Arroganz gegenüber, die auf kritische Fragen nicht eingingen und meinten: „So lange die Menschen Mobiltelefone kaufen, auf denen Nokia steht, werden wir nichts an unserer Strategie ändern.“ Und: „Wir verkaufen mehr Mobiltelefone an einem Tag als Apple in einem Monat.“

Der Ferner-Liefen-Konzern


Das war einmal. Sowohl Vanjoki als auch Savander gibt es nicht mehr, sie ruhen sich nun auf ihren zig Millionen aus, die sie vor ihrem Abgang noch abstauben konnten. Ein europäisches IT-Bewusstsein hatten sie nie, es ging ihnen nur um den eigenen Vorteil. Und daher wurde aus dem einst coolen Unternehmen, das wirklich tolle Handys herstellte, ein Ferner-Liefen-Konzern.

Traurige Zukunft


Es ist traurig, was aus Europas Technologie-Industrie geworden ist. Europa wird technologisch eine immer geringere Rolle spielen, wird zum kulturellen Disneyland/Disneykontinent der Welt, das/den man besucht, um die verschiedenen Kulturen zu bestaunen. Europa, nein, den Regierenden, fehlt es an Innovations- und Gestaltungswillen. Europa ist überreguliert, es gibt keine Venture Capital Kultur, es fehlen Investitionsanreize. Es ist auch keine Technologie in Sicht, die Europa retten könnte, bei der wir tonangebend werden könnten. Wir haben noch Siemens, SAP, Airbus Industries und dann? Weit und breit – abgesehen von kleinen Nischenmärkten – kein Unternehmen zu sehen, das ein technologisches Aushängeschild Europas werden könnte. Noch verbleibt Europa die erfolgreiche Auto-Industrie. Noch. Aber auch diese Tage werden bald vorbei sein.