Meinung
17.10.2017

Eingekochtes Energiewasser

Neues aus der Wunderwelt der Esoterik: Wenn man Tomaten einkocht, bekommt man Tomatenmark. Aber wenn man Wasser einkocht, dann geht der Spaß erst richtig los.

Die buntglänzenden Zeitschriften, gegen die man sich bei Friseurbesuchen kaum wehren kann, sind ein allgemein unterschätzter Quell der Weisheit. Man findet dort nicht nur präzise Horoskope und fachkundige Analysen über den Fortpflanzungsstatus europäischer Königshäuser, sondern auch wertvolle Lebenstipps für den Alltag. Nun wurde ein besonders bahnbrechender Ratschlag aus dieser Kategorie bekannt: Ein Rezept für eingekochtes Wasser aus dem „Bild der Frau“, das derzeit von begeisterten Lesern weiterverbreitet wird.

Aufs Wesentliche reduzieren

Bei mittlerer Hitze, so kann man da lesen, soll man einen Liter Wasser ohne Deckel auf 875 ml einkochen. Wer glaubt, das übrige Wasser würde dabei einfach verdampfen, der irrt: Der Prozess ordnet nämlich die Wassermoleküle neu und verdichtet ihren Molekularverbund.

Dieses eingekochte Wasser soll man dann in eine Thermoskanne füllen und alle dreißig Minuten in kleinen Schlucken trinken, über den ganzen Tag verteilt. Das klingt ganz großartig! Und wenn am Ende etwas übrig bleibt, dann kann man es einfrieren und für später aufbewahren – heißes Wasser kann man schließlich immer mal brauchen.

Ich habe mich nun an ein Experiment gewagt und versucht, einen Schritt weiter zu gehen: Ist bei 875 ml Schluss, oder kann man das Wasser noch mehr konzentrieren? Der Erfolg war grandios: Durch längeres Kochen gelang es mir, das Wasser noch viel stärker einzukochen und einen ganzen Topf Wasser auf die Menge eines Schnapsglases zu verdichten.

Das eröffnet unglaubliche Möglichkeiten: Auf Wanderungen muss man statt schwerer Flaschen nur noch eine Pipette mitnehmen. Gefüllt mit hochkonzentriertem Wasser wird sie den Durst der ganzen Wandergruppe stillen. Die Feuerwehr braucht keine umständlichen Wassertank-Autos mehr, stattdessen kocht man einige Kubikmeter Wasser ein und füllt sie in eine handliche Sprühflasche. Ob olympische Schwimmbewerbe vielleicht künftig in einer Badewanne mit Wasserkonzentrat abgehalten werden könnten? Das muss man noch sorgfältig testen.

Wie jede große Weisheit beruht auch die Erkenntnis vom Wassereinkochen auf uraltem Erfahrungswissen: Heißes Wasser spielt in der ayurvedischen Medizin eine wichtige Rolle. Dort fügt man dem Wasser allerdings Gewürze bei, sodass ein Getränk entsteht, das gemeinhin „Tee“ genannt wird. Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich Tee recht gut von gewöhnlichem Wasser unterscheiden, schon aus geschmacklichen Gründen. Doch darum geht es hier nicht: Entscheidend ist, dass unser Wasser durch das Kochen mit Energie angereichert wird. Tatsächlich! Das kann auch die Schulbuchphysik bestätigen, die sich mit dem Anerkennen von eingedampften, verdichteten Molekülstrukturen leider noch schwer tut.

Denkt bitte auch an die Umwelt!

Großartigerweise ist das eingekochte Wasser völlig vegan, glutenfrei und laktosefrei. Es löst keine Allergien aus und hat keinen Einfluss auf die Wirksamkeit homöopathischer Präparate. Nur ein einziges Problem fällt mir auf: Der Stromverbrauch bei der Herstellung des Wasserkonzentrats ist doch beträchtlich. Was die CO2-Bilanz betrifft, gibt es hier also noch Optimierungsbedarf.

Und so arbeite ich nun an einer umweltfreundlicheren Alternative: Anstatt das Wasser einzukochen kann man es auch pressen. Ich habe mehrere Liter Wasser durch eine Knoblauchpresse gequetscht und wie sich herausstellt hat das Endprodukt genau dieselben Eigenschaften wie das eingekochte Wasserkonzentrat. Ein weiterer Durchbruch in der Energiewasserforschung! Wenn nun auch mein Plan für einen telekinetischen Versandhandel aufgeht, dann ist mein Aufstieg zum reichen und berühmten Wasserkonzentrat-Großhändler wohl nur noch eine Frage der Zeit. Prost!

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.