© AP Photo/Paul Sakuma)

Meinung
04/05/2011

Eric Schmidts verbrannte Erde

Warum es auch Gründer und Neu-CEO Larry Page nur sehr schwer gelingen wird, Google jenes Image zurück zu geben, das das Unternehmen noch vor zehn Jahren hatte.

Zehn Jahre lang war Eric Schmidt CEO des bekanntesten Web-Unternehmens der Welt. Zehn Jahre lang war er „Aufpasser“, überwachte den Giganten aus Mountain View, damit alles so läuft, wie es sich die Aktionäre und Investoren wünschen. Denn Eric Schmidts Aufgabe war, die Google-Gründer Page und Brin zu kontrollieren, ihnen die Finanzwelt näher zu bringen. Beide waren anfangs wenig angetan von der Bedingung, die Financiers gestellt hatten, ihnen einen erfahrenen CEO an die Seite zu stellen. 2001 holten sie den ehemaligen Sun-CTO und späteren Novell-CEO Eric Schmidt an Bord, unter dessen Leitung Google von der 200-Mitarbeiter-Firma zum 24.000-Mitarbeiter-Konzern herangewachsen ist. Zugegeben ein Verdienst Eric Schmidts.

Fürchtet euch nicht
Doch Schmidt machte nicht alles richtig, vielmehr sind dem „Google-Sprachrohr“ auch einige Fehler passiert, von denen sich Google bis heute imagemäßig nicht so richtig erholt. Schmidts Verhältnis zu Privatsphäre und Datenschutz ist eines, das die meisten der Europäer nicht wirklich sympathisch finden. “If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place”, sagte er Anfang Dezember 2009 in einem Interview mit der US-Station CNBC. "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun." Dies ist eine Argumentation, die man sonst eigentlich nur von menschenverachtenden Regimen kennt. Und zudem ein Widerspruch. Eric Schmidt selbst hatte der CNET-Journalistin Elinor Mills ein Hausverbot erteilt, weil sie 2005  Informationen, die über Schmidt im Web zu finden waren, einfach in einem Artikel veröffentlicht hatte.

Kein Schaden, kein Foul
Auch beim WLAN-Skandal im Rahmen der Streetview-Aufnahmen – bei den Fahrten wurden „unabsichtlich“ auch Nutzer- und Nutzungsdaten aus ungeschützten WLAN-Netzen aufgezeichnet – hatte Schmidt wenig Fingerspitzengefühl. „Wer wurde geschädigt? Sagt mir den Namen“, sagte er. „Wo kein Schaden, auch kein Foul.“ Dieses Verhalten brachte nicht nur Schmidt, sondern auch Google große Kritik und letztlich einen Imageschaden ein. Larry Page, der immer im Hintergrund blieb, sprang nach dem WLAN-Skandal das erste Mal ein und entschuldigte sich für die Aktion. Schmidt hinterlässt verbrannte Erde, was diese heiklen Themen anlangt. Auf Larry Page kommt ein hartes Stück Arbeit zu, Googles Image der Datenkrake wieder loszuwerden.

Googleplex
Wer den Googleplex in Mountain View besucht, merkt an der gemütlichen Ausstattung mit Sitzpolstern, Massagebällen etc., dass die zwei Gründer Spaß an der Arbeit haben, fast spielerisch an Projekte herangehen und sich in ihrer Lebens- und Arbeitskultur von anderen Firmengründern unterscheiden. Ihr Büro im Gebäude 43 ist eben kein Büro wie man es hierzulande kennt.

Larry Page hat sich bislang nicht wirklich wohl gefühlt in der ersten Reihe. Bei der CES 2007 hielt Page eine der wenigen Keynotes. Danach traten er und Sergej Brin noch bei der Premiere des ersten Google-Phones in New York auf. Auf der Bühne bei der CES stand seinerzeit das Roboterauto „Stanley“ und Schauspieler Robin Williams. Der sorgte nicht nur für die Gags zwischendurch, sondern unterstützte Page nach der offiziellen Rede bei der Beantwortung der Journalistenfragen. Page, wie auch Google Miterfinder Sergej Brin, stellen sich Journalisten sehr selten, vor allem europäischen, da wir für die Themen Privatsphäre und Datenschutz mehr übrig haben als unsere US-Kollegen. Waren Fragen Google-politisch unkorrekt, gab Page Williams ein Zeichen und der brachte das Auditorium mit Scherzen über den Fragesteller oder mit seinen clownhaft-pantomimischen Schauspiel-Fähigkeiten vom Thema ab und auf andere Gedanken – weit weg von der ursprünglichen Frage.

Schwere Zeiten
Page übernimmt das Ruder zu einer Zeit, in der Google zum Teil schwer zu kämpfen hat. Der Aktienkurs ist seit der Ankündigung, dass er der neue CEO wird, von etwa 630 Dollar kontinuierlich gesunken und hat sich bis dato nicht wirklich erholt. Aktueller Stand: 593 Dollar. In den vergangenen Jahren hat Google zudem auch einige Misserfolge einfahren müssen. Das Google`sche soziale Netzwerk Orkut ist nur in Südamerika ein Erfolg. Googles Video Player wurde 2007 eingestellt, der Web Accelerator 2008 und Google Catalog 2009. Google Wave wurde nach nur zwei Jahren 2010 zu Grabe getragen und verschwand wie Wiki Search in der Versenkung. Bei Google Buzz kann man vermutlich auch schon die Tage zählen.

Dabei war Google immer schon eine Firma der Innovationen. Die 80/20-Regelung etwa war auch eine Idee von Larry Page – jeder Entwickler darf 20 Prozent seiner Arbeitszeit für Projekte nutzen, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit der Firma stehen. Sei es ein Blog, ein Service im Web oder eine Innovation, die dem Wohl aller Mitarbeiter zugute kommt. Daraus entstanden auch Ideen, die 60 Prozent aller Internet-User in der einen oder anderen Form heute nutzen.

Einfach zu groß
Das Problem ist heute aber, dass Google kein Start-up mehr ist, sondern ein Koloss. Einem Konzern mit 24.000 Mitarbeitern kann man nicht „das Tempo, die Seele und die Leidenschaft“ eines Start-ups einhauchen. In der Anfangszeit kannte Larry Page wohl alle seine Angestellten beim Namen. Die Gründer waren für jeden per Mail immer und überall erreichbar. Heute dürfte dieser Anspruch nur schwer aufrechtzuerhalten sein.

Google ist zu groß geworden. Zudem muss Google mit einem anderen Problem kämpfen. Nein, es ist nicht (nur) Facebook, sondern es ist das wirtschaftliche Auf und Ab. Ein Unternehmen, das heute ganz oben ist, ist morgen im Mittelfeld oder ganz unten. Wenn Larry Page dieses Bravourstück gelänge, Nummer 1 zu bleiben, wäre er der erste in der Wirtschaftswelt. Aber bei der Internetsuche ist ihm dieses Meisterstück schon gelungen. Diese Dominanz wird nicht so bald zu brechen sein.