Meinung
27.08.2016

Frauenverstärker

Kassiert die digitale Technologie nicht nur immer mehr Jobs ein, sondern auch die männliche Dominanz?

Der Umgang mit Hightech war lange eine Männerdomäne. Noch in den siebziger Jahren waren Computer ernsthafte Maschinen in hammerschlaglackierten Blechgehäusen, überwacht von echten Männern in gebügelten weißen Hemden. Frauen, die Nylons trugen, wurden in Rechenzentren nicht gern gesehen, da sie (die Strümpfe) sich reibungselektrisch aufluden und die empfindlichen Elektronengehirne störten.

Mit dem Aufkommen der PCs geriet das digitale Großgeräte-Machotum in die Krise. Als 1984 der Macintosh auf den Markt kam, stand der Untergang des Abendlandes kurz bevor: Nun fingen junge Frauen auch noch an, sich massenhaft für kleine Computer zu interessieren. Der Mac war schick und der erste Computer, der ohne die Eingabe von undurchsichtigem Brimborium zu benutzen war. Maus und grafische Benutzeroberfläche entfachten einen Glaubenskrieg. Die einen sahen die Maus als fahrbare Hilfe-Taste für Doofe, für die anderen war es die tollste Maus seit Minnie. Der Kampf ist längst entschieden, die Maus hat uns alle klicklich gemacht.

Intelligente Maschinen können inzwischen mehr als nur Fließbandjobs ausführen. „Roboter werden heute eingesetzt, um unser Land zu verteidigen und um chirurgische Operationen durchzuführen”, ist dem US-Kongressabgeordneten Mike Doyle aufgefallen - „sie stellen Rezepte aus, sorgen für Nachschub und helfen sogar, unsere Kinder zu erziehen.” Doyle setzt sich deshalb für die Einrichtung eines Robotik-Ausschusses im US-Kongress ein. Es riecht nach metallischer Konkurrenz.

Das Cockpit für’s eigene Leben

Demokratisierung heißt auch: Aristokratische Privilegien für alle. Waren Dienstboten früher den oberen Schichten vorbehalten, so gab die zunehmende Maschinisierung von Haushalt und Privatleben immer mehr Menschen Unterstützung und Unterhaltung an die Hand. Waschmaschine und Spülmaschine ersetzten das Hausmädchen, Convenience Food die Köchin, das Babyphone die Nanny. Und während früher ein Butler die Visitenkarte des Besuchers entgegennahm hat, um nachzusehen, ob die gnädige Frau zu Hause ist, haben wir heute Sprachbox und Email bequem zwischen uns und die lästige Umwelt geschoben. Immer mehr an Kommunikations- und Computertechnik hilft einem dabei, sein Leben auch allein zu steuern.

Technology is a Girl's Best Friend

Auf der jährlichen Consumer Electronics Show in Las Vegas wird eine Auszeichnung namens „Technology is a Girl's Best Friend“ (kurz: Techgirl) für Geräte verliehen, die bei Frauen ankommen. Rund 65 Milliarden Dollar geben Konsumentinnen jährlich allein in den USA für technisches Equipment aus. Für eine Studie („What Women Want”) gaben 1600 Frauen darüber Auskunft, welche Features sie bei Gadgets und Unterhaltungselektronik mögen. Es sind Dinge wie einfache Bedienung, Zuverlässigkeit und geringes Gewicht.

Immer ausdifferenziertere Roboter schwärmen aus, um der Frau des Hauses Routinearbeit abzunehmen. Mäh-Robots pflegen den Rasen, anverwandte Artgenossen bewachen das Haus oder saugen Staub. Die besseren unter den Staubsaugrobotern sind fast so pfiffig wie eine Cruise Missile und wissen, wo die teure Ming-Vase steht, die nicht umgefahren werden soll und auch, dass der Hamster nicht eingesaugt werden darf.

MARK I und die Motte

Ein Spezialfall des Saubermachens, nämlich die Ungezieferbeseitigung, führt uns an die Wurzeln der Computertechnik. Im Juli 1944 hatte die damals 37jährige Grace Murray Hopper, Mathematikerin und US Navy Lieutenant, an der Universität Harward mit dem ersten elektronischen Computer MARK I zu arbeiten begonnen. Sie war die erste Frau in den Vereinigten Staaten, die einen Computer programmierte. Das Elektronengehirn war 15 Meter lang, hatte 72 Byte Speicher und konnte drei Additionen pro Sekunde ausführen.

An einem heißen Augustnachmittag des Jahres 1945 fand Grace Hopper den ersten „Bug”. Im Protokollbuch ist neben einem Eintrag um 15 Uhr 45 mit Klebstreifen ein Tier fixiert: „Schalttafel F - Motte im Relais.” Das Insekt hatte einen Kurzschluss zwischen zwei Röhren ausgelöst. „Von da an sagten wir immer, wenn der Computer gerade nicht lief, wir seien dabei, Bugs zu entfernen.”

Das gewebte Netz

Sigmund Freud habe behauptet, die einzig namhafte, von Frauen hervorgebrachte Technik sei das Flechten und Weben, so die österreichische Politologin Beatrix Beneder. Die britische Kulturphilosophin Sadie Plant sieht genau in diesem webenden, Verbindungen herstellenden weiblichen Charakter die Kernidee des Internets. Fest steht aber auch: Die Akteure im Netz sind nach wie vor mehrheitlich männlich – „die Open Source Community gleicht dem Duschraum eines Football-Teams” (Beneder).

Die Waschmaschinen-Tragödie

Ein eigenwilliger Entwurf des vor uns liegenden blechgeschlechtlichen Jahrtausends stammt von dem Science-Fiction-Großmeister Stanislaw Lem. In seinen „Sterntagebüchern” berichtet er in der Erzählung „Die Waschmaschinen-Tragödie” vom Konkurrenzkampf zweier Waschmaschinenkonzerne – der Firmen Snodgrass und Nudlegg –, die ihre Maschinen mit immer neuen Features ausstatten, die allerdings immer weniger mit Wäschewaschen zu tun haben. Am Ende baut einer der Konzerne Waschmaschinen für Junggesellen, die aussehen wie schöne Frauen.

Kein Mann weiß nun mehr genau, ob er an der Bar gerade neben einer Frau oder einer Waschmaschine sitzt. Die Krise spitzt sich zu, als der Bordcomputer eines Raumschiffs einen Roboterstaat ausruft und eine Sekte von Robotersympathisanten gründet. Anlässlich einer parlamentarischen Anhörung, in dem es um ein Wahlrecht für Roboter geht, wird schließlich mithilfe der Magnetnadel eines Saaldieners ein Redner nach dem anderen als Roboter enttarnt.