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Peter Glaser: Zukunftsreich
05/21/2016

Ganz von selbst

Automatisierung ist ein zweischneidiges Schwert: Sie macht die Welt routinefreier, effizienter – aber auch Vandalensicherer und grob.

von Peter Glaser

Dass der Computer seine Wurzeln in der Büroautomatisation hat, merkt man, wenn man ein neues Namenschild fürs Klingelbrett anfertigen möchte. Früher, als ich noch Raucher war, habe ich ein Stück Zigarettenschachtelpappe mit der Schreibmaschine beschriftet. Heute muss ich ein ganzes Blatt für das Papierschnipsel vergeuden. Es ist meinem Drucker einfach zu klein, ein Rückschritt, wie ich finde. Der Drucker ist auf den automatischen Durchsatz von A4-Blättern ausgelegt. Und die Automatisierung treibt inzwischen kuriose Blüten.

Arbeiterlose Areale

Wie von alleine und ohne menschliches Zutun soll alles laufen. Arbeiterlose Areale breiten sich aus wie Tropfen auf einem großen Löschblatt. Roboter rackern rund um die Uhr in menschenleeren Werkshallen. Um gegen die algorithmisierte Konkurrenz bestehen zu können, müssen die verbleibenden Arbeiter den Maschinen immer ähnlicher werden. Die Picker bei Amazon etwa, die in riesigen Lagerhallen Waren aus den Regalfächern pflücken, werden von einem Scanner gesteuert, den sie in der Hand halten, und von ihren Vorgesetzten in Echtzeit per Software überwacht.

Aber nicht nur die klassisch Büro- und Arbeitswelt ist von Automatisierungstendenzen befallen. Seit Fahrkartenautomaten und Überwachungskameras auf Bahnsteigen zeigen sollen, dass man auch den öffentlichen Raum wie ein Unternehmen verschärften Effizienzkriterien unterwerfen kann, sind die teuren Mitarbeiter aus ihren Glaskabinen verschwunden. Hinterlassen haben sie einen unwirtlichen Ort mit Ticket- und Snackautomaten, deren Bauweise als „vandalismusresistent“ bezichnet wird und die auch genauso aussehen: festungshaft, brutalistisch und detailarm.

Die Verheißungen des Vollautomatischen

Bis in unser Beziehungsleben reichen inzwischen die verhängnisvollen Verheißungen des Vollautomatischen, das einem helfen soll, die Unbequemlichkeiten des sozialen Umgangs zu vermeiden. So gibt es Dienste, die einem die lästige Pflicht abnehmen, mit seinem Partner Schluss zu machen. Stattdessen sucht man sich aus vorgefertigten Abschiedsmails eine aus, ob lakonisch oder dreist, E-Mail-Adresse angeben, fertig. Auch auf Facebook, der neuen Grundstruktur virtueller Gemeinschaftlichkeit, kann man Leute, die man nicht mag, einfach abschalten wie eine Deckenlampe oder sie automatisch ausfiltern lassen.

Smart Reply

Jetzt setzt Google noch einen drauf und spendiert seinem E-Mail-Angebot Gmail ein Tool, das automatische Antworten erzeugt. Gute Neuigkeiten für alle, die statt „Liebe Grüße“ gern mit lg unterschreiben: „Smart Reply“ ist eine Weiterentwicklung der Gmail-Funktion, die Inhalte von E-Mails analysiert, dazu passende Werbung sucht und die Nachrichten anschließend in passende Ordner packt.

Kaum jemandem macht es etwas aus, wenn eine künstliche Intelligenz seine Post durchwühlt. Orientiert am Inhalt, macht die Software drei Antwortvorschläge, die, wie die „Computerwoche“ interessiert vermerkt, „direkt versendet oder nochmals individuell angepasst werden können“. Auf jeden Fall spare das Zeit gegenüber dem vollständig manuellen Beantworten. Erklärtes Ziel von Google ist die vollautomatische Antwort, bei der der Empfänger einer Mail überhaupt nichts mehr selbst tun muss.

Ich warte nun, dass die Biotechniker die Herausforderung annehmen und ihre Schöpfungen auch mit jener Art von zuvorkommender Intelligenz ausstatten, die wir von den digitalen Maschinen kennen. Mein Vorschlag für den ersten Wurf: Die Automate, die sich selbst aufessen kann.