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Serie
12/20/2011

Haben Sie das Internet im Griff?

Die Zeit der Missionierung ist vorbei: Wir leben in einer post digitalen Gesellschaft. Wer die Digitalisierung für das liebt, was sie an Mehrwerten bieten kann, muss sich heute fragen, ob er seine tägliche digitale Kommunikation im Griff hat – oder sie ihn. Die Antwort auf diese Frage entscheidet über privaten und beruflichen Erfolg und über das wertvollste, was wir im Leben verschwenden können: unsere Zeit. Eine Gastkommentar-Serie von Anitra Eggler.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich liebe digitale Kommunikation. Ich liebe das Internet. Ich liebe E-Mails, Soziale Netzwerke, Instant Messaging, Apps, Gadgets und teste jeden neuen heißen Scheiß, der digitale Mehrwerte verheißt, die das Leben und Arbeiten einfacher, schneller und/oder freudvoller machen. Und ja, ich unterhalte mich auch mit Siri und freue mich, wenn sie meine Frage nach einem Auftragskiller versehentlich mit „Ich finde keinen Kontakt mit dem Namen ,Auftragskiller’“ beantwortet.

Siri, wo kann ich eine Leiche entsorgen?
Wenn Sie Siri allerdings fragen, ob wir post digitalen Menschen unsere digitale Kommunikation im Griff haben oder die digitale Kommunikation uns – dann lässt sie die Frage inhaltlich so unbeantwortet wie „Wo kann ich eine Leiche entsorgen?“. Im zweiten Fall liegt das an der Gesetzlosigkeit des Inhalts. Im ersten daran, dass die Frage viel zu selten gestellt wird und die möglichen Antwort darauf so mannigfach ist wie wir Menschen sind.

Wenn Siri schweigt, müssen wir antworten
Dennoch oder genau deshalb ist der Versuch einer Antwort für den Einzelnen so lebenswichtig wie Sauerstoff für die Leistungsfähigkeit seines Hirns. Und das bleibt in unserem täglichen Hochgeschwindigkeits-Kommunikationsmarathon vor lauter rechts überholenden „Dringlichkeiten“ oft auf der Strecke. Und dann qualmt der Motor, weil man in der Hitze des Kommunikationsgefechts vergessen hat, Kühlwasser nachzufüllen. Oder das Benzin geht aus, weil man in der Zeitlosigkeit der ständigen Erreichbarkeit vergisst, aufzutanken.

Sind Sie ein Fall für Dr. Edward Hallowell?
Wenn die eigene Leistungsfähigkeit auf dem Pannenstreifen parkt, schlägt die Stunde des Abschleppdiensts. Am Steuer sitzen Ärzte wie Dr. Edward Hallowell – interessant wäre an diesem Punkt eine Diskussion zum Thema, ob sein Nachname vor dem Beruf da war oder zur Berufung wurde, aber das führt zu weit. Harvard-Doktor Hallowell ist der Namenspate der neuen Kommunikationskrankheit „Attention Deficit Trait“ (ADT). Dahinter verbirgt sich zwanghafte Ablenkungssucht und damit einhergehend: dauerhafter Konzentrationsverlust. Die Folgen? Ineffizienz, Leistungsunfähigkeit und das peinigende Gefühl, ständig überkommuniziert, aber dennoch uninformiert zu sein. Persönlich heißt das: Dauerstress. Zeithungersnot. Kommunikationskrampf. Kontrollverlust. Jobfrust. Wirtschaftlich heißt das: Produktivitätsverlust oder auf Finanzer-Sprech: Geldvernichtung.

Sinnlos-Surf-Syndrom, Meeting-Malaria und Präsentations-Pest
Hallowell schätzt, das inzwischen jeder zweite Manager unter ADT leidet. Die Ursache dieser Krankheit entsteht im Teufelskreis von vier digital befeuerten Kommunikations-Krankheiten, die ich „E-Mail-Wahnsinn“, „Sinnlos-Surf-Syndrom“, „Meeting-Malaria“ und „Präsentations-Pest“ nenne. Andere Menschen nennen das Quartett: „Mein ganz normaler Arbeitstag“.

E-Mail-Wahnsinn: Wie aus Segen Fluch wurde
E-Mails an sich sind ein Segen. Sie helfen uns, Zeitzonen und Kontinente zu überwinden und ermöglichen grenzenlosen Datenaustausch binnen Nano-Sekunden – beste Voraussetzungen für mehr Kommunikationseffizienz, Produktivität und Spaß. Jede Software ist jedoch nur so effizient wie das, was wir aus und mit ihr machen. Heute, 37 Jahre nachdem die erste E-Mail Deutschland in meiner Geburtsstadt Karlsruhe erreichte, ist von der segensreichen Innovation nicht viel übrig: Die intelligentesten Menschen verblöden heute in der Flutwelle sinnentleerter Überkommunikation. E-Mail wird als Synonym für Projektmanagement missbraucht. Weltweit werden pro Sekunde 2,8 Millionen E-Mails durch die Leitungen gejagt – die Mailboxen kollabieren unter dem Druck nie verebbender Kommunikationsflut.

„Weiß jemand, was ich mit dieser E-Mail anfangen soll?“
Über 100 E-Mails erhält der durchschnittliche Büro-Krieger am Tag, alle paar Minuten macht es „Pling“ im Postfach. Dabei ist jede zweite E-Mail ist so unnötig wie Sonnenallergie. Weil ihr Inhalt im falschen Medium transportiert wird, zu viele Menschen in Kopie stehen oder der Text so missverständlich und hirnlos getextet ist, dass er zu Dutzenden von Rückfragen führt, Betreffzeile: „Weiß jemand, was ich mit dieser E-Mail anfangen soll?“, Verteiler: „an alle“.

Der tägliche E-Mail-Wahnsinn kostet die Weltwirtschaft jährlich Milliarden. Die New Yorker Beraterfirma Basex hat bereits 2008 ausgerechnet, dass Angestellte durch unnötige digitale Kommunikation am Tag 2,1 Stunden Arbeitszeit verplempern und den Produktivitätsverlust mit 588 Milliarden US-Dollar pro Jahr beziffert. In den vergangenen drei E-Mail-Jahren hat sich das Nachrichtenaufkommen verdoppelt …

Software ist kein Allheilmittel
Viele Firmen haben erkannt, dass E-Mails Zeit kosten, Geld kosten und Mitarbeiter in den Wahnsinn treiben. Die wenigsten wissen jedoch, wie Sie den digitalen Kommunikationsstier bei den Hörnern packen sollen. IT-Firmen wie das französische IT-Serviceunternehmen Atos versuchen, den Mailverkehr durch Verbote einzudämmen. Sie verbieten interne E-Mails, implementieren neue Software-Lösungen und sehen das Kommunikationsheil in internen kollaborativen Firmen-Netzwerken, deren Mitteilungswerkzeuge aus der Facebook- und Twitter-Welt stammen. Dabei übersehen sie, dass jede Software nur so gut ist, wie ihre Anwender.

Digitale Kommunikation ist, was WIR daraus machen
Zu glauben, dass eine Symptomverschiebung von einer Plattform zur nächsten etwas ändert, ist naiv. „Nur“ durch neue Software wird kein Kommunikationsproblem gelöst. Dadurch werden die Inhalte nicht besser und die Menschen nicht klüger. Wir müssen unser Kommunikationsverhalten ändern, damit sich was ändert. Wir müssen sinnvoller kommunizieren, damit wir sinnvoller arbeiten. Und das beginnt beim simplen Hirn-Anschalten zum Thema: wichtig und dringend? Oder nur denkfaul und bequem?

Damit Sie etwas ändern können und das neue Jahr stressfreier beginnen, starten wir heute mit der Anamnese Ihres ganz persönlichen E-Mail-Wahnsinns.

Wieviel E-Mail-Wahnsinn steckt in Ihnen?
( ) Ihre Arbeit wird häufiger durch E-Mails unterbrochen als durch Pipi-Pausen.
( ) Sie rufen E-Mails ab, auch wenn Sie gar keine Zeit haben, zu antworten.
( ) Die erste E-Mail beantworten Sie morgens im Bett.
( ) Was Sie zu tun haben, entscheidet zu 50 Prozent Ihr Posteingang.
( ) Sie kommunizieren mehr per E-Mail als persönlich.
( ) E-Mail! Sie widerstehen max. fünf Minuten dem Drang „kurz nachzusehen“.
( ) Sie mailen nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub.
( ) Sie verbringen mehr Zeit mit E-Mails als mit Ihrer Familie.
( ) Sie kommunizieren vermeintlich Unangenehmes lieber per E-Mail als persönlich.
( ) Sie werden nervös bis aggressiv, wenn Sie keinen E-Mail-Zugang haben.
( ) Sie fühlen sich überkommuniziert und gleichzeitig uninformiert.

Mehr als 3 zutreffende Aussagen:

ALARMSTUFE EINS: Sie kommunizieren sich noch nicht um Ihren Verstand, zeigen aber bereits erste Anzeichen, dass es soweit kommen könnte. Sie sind noch so produktiv, dass Sie Ihr E-Mail-Verhalten ändern können, ohne sich dadurch überfordert zu fühlen oder von Entzugserscheinungen gepeinigt. Teilen Sie Ihre Tatkraft mit allen, die sie nicht mehr haben, aber dringend brauchen. Wer ist das? Die Mehrheit.

Mehr als 5 zutreffende Aussagen:

HERZLICHES BEILEID: Sie sind der Hamster im digitalen Kommunikationsrad, der Amboss unter den Hammerschlägen des E-Mail-Wahnsinns. Ändern Sie das! Starten Sie sofort: Deaktivieren Sie automatischen E-Mail-Abruf, akustische und optische Signale an Computer und Handy. Starten Sie Ihren Tag offline, bearbeiten Sie E-Mails nur noch zu fixen Zeiten, schließen Sie das Mail-Programm außerhalb Ihrer E-Mail-Öffnungszeiten.

Anlässlich ihrer Buchveröffentlichung „E-Mail macht dumm, krank und arm“ hat Autorin Anitra Eggler eine mehrteilige Serie zum Thema Digitale Kommunikation für die futurezone verfasst. Eine 77-seitige Leseprobe des Buches findet sich auf Slideshare.

Anitra Eggler (38) ist Autorin, FH Dozentin und Expertin für digitale Kommunikation, Marketing, Medien und PR. Sie war als Journalistin, Start-up-Managerin, Kreativdirektorin, Agentur-Chefin und zuletzt Online-Verlagsgeschäfts-führerin tätig.  Sie hat in Passau Kulturwirtschaft und Journalismus studiert und in München den ersten Internet-Boom an vorderster Front erlebt. Im Jahr 2010 wurde Anitra Eggler von Österreichs Frauenzeitschrift „Woman“ zur Nummer eins der Kategorie „Werbung und PR“ gekürt.

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