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Peter Glaser: Zukunftsreich
12/19/2011

Hyperbeschleunigung

Manchen schwindelt vor der zunehmenden digitalen Geschwindigkeit. Andere sehen darin nur das Symptom eines Übergangs. Und am Rand der Strecke, wie die Strohballen beim Formel-1-Rennen: Berge von Papier.

Nathan Mayer Rothschild konnte seine immensen Börsengewinne nach der Schlacht von Waterloo im Jahre 1815 noch in aller Ruhe machen, weil ihm die dazu nötigen Informationen von Brieftauben überbracht wurden anstatt auf dem Postweg. Das sicherte ihm den Vorsprung vor der Konkurrenz. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts griffen Geschäftsleute in London und Antwerpen auf Brieftauben zurück, einige Bankhäuser unterhielten sogar eigene „Kurstauben“. Heute sieht der Wettbewerb der Informationsmittel, der einem die nötigen Geschwindigkeitsvorteile liefern soll, deutlich anders aus.

Die rasende Geldmaschine
Die teuerste Gewerbefläche der Welt ist kein Büro in London, Hongkong oder Tokio. Es ist ein Data Center in Chicago, für das High-Frequency Trader Mieten von 43.000 Dollar pro Quadratmeter bezahlen. Über die hochgerüsteten Rechner läuft der Wertpapierhandel beispielsweise der Chicago Board Options Exchange (CBOE), einer der weltgrößten Options-Börsen mit einem jährlichen Handelsvolumen von über einer Milliarde Kontrakten. Pro Sekunde werden tausende von Geschäften abgeschlossen, die auf speziellen geschwindigkeitsoptimierten Algorithmen basieren.

Der extrem hohe Mietpreis für diese Immobilie hat mit der unmittelbaren Nähe zu den Computern der Börsenhändler zu tun. In der Kommunikation zwischen Menschen spielen die Laufzeiten der Signale zwischen den verschiedenen Rechnern keine Rolle. Bei dieser neuen Art, Geld zu machen, kann es aber von ausschlaggebender Bedeutung sein, ein paar Meter weniger Kabel zu haben und damit den Bruchteil einer Sekunde schneller sein zu können. 2010 soll der Anteil dieses Hochfrequenz-Handels bereits über die Hälfte des Umsatzvolumens amerikanischer Aktiengeschäfte betragen haben.

Im Aufrauschen der Neuigkeiten
Mancher fühlt sich von einer neuzeitlichen Beschleunigung erfasst, die immer weiter zuzunehmen scheint und sich als eine große Unruhe ins Gemüt und die planende Absicht gräbt. „Früher“, sagt ein Verlagsmann, „hatten wir einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand.“ Mancher fürchtet, daß die Geschwindigkeit, ähnlich wie die Schnittfrequenz von Videoclips, immer weiter zunehmen könnte, bis er schließlich von einem übermächtigen Fahrtwind jählings von seinem Platz an der Front der Moderne fortgerissen würde.

Im Aufrauschen der Neuigkeiten entsteht eine Erregung, die zu oszillieren beginnt und die statt Zeit Gleichzeitigkeit erleben möchte, statt Aktion Parallelhandlungen. Die Frequenz nimmt aber nur bis zu einem bestimmten, kritischen Punkt zu, an dem sich eine neue Struktur ausgeprägt hat, ein neuer Grad an Ordnung, und wieder Ruhe eintritt. Es ist wie mit dem Monitorflimmern, das Augen und Nerven strapaziert. Ab einer bestimmten Beschleunigung respektive Bildwechselfrequenz (über 72 Hertz) verschwindet das Flimmern und das Bild wird still und klar; beschleunigt man weiter, wird das Bild nur noch stiller und klarer.

Vielen erscheint das Netz, als ob man ihnen tausend Zeitschriftenabonnements schenken würde. In der analogen Welt würde es rasch unangenehm, wenn einmal pro Woche der LKW mit der Zeitschriftenlieferung käme und die Zeitschriftenkubikmeter ins Wohnzimmer kippte. Ernüchterung stellte sich ein. Die ganz leicht und meist umsonst aus dem Netz mitgenommenen Informationen kosten das Wertvollste, das wir haben: Zeit. Textfluten fluktuieren heute durch Leitungen und Speicher, die schon aufgrund der schieren Menge nicht mehr gelesen sondern nur noch in Kilo-, Mega-und Gigabyte gewogen werden können. Die Mobilität geschriebener Sprache führt streckenweise zu Kollapssymptomen im Netz ähnlich denen, die wir im Straßenverkehr beobachten.

Revolution als Standard
Revolution, eigentlich die radikalste Form von Geschwindigkeit und Veränderung, ist längst ein Standard in der Werbung geworden. Die Verwendung des Begriffs „Revolution“ möchte von sich behaupten, dass von etwas aufregend Neuem die Rede ist. „Es wird Zeit, dass einmal ein Kapitalist die Welt revolutioniert“, hieß es 1984 zur Deutschland-Einführung des Apple Macintosh. Daneben gibt es Revolutionen im Fahrzeugbau, in der Körperpflege und so weiter. Revolution steht nicht mehr für gesellschaftliche Veränderung, sondern nur noch für Produktinnovationen.

Ebenso wird uns, seit Computer zum Massenprodukt und die Digitaltechnik zur Hyperindustrie geworden ist, eine Revolution in Aussicht gestellt, die mindestens so bedeutend sein soll wie die Erfindung des Buchdrucks. Erinnert sich noch jemand an das papierlose Büro, das Schluss mit Gutenbergs segensreicher Erfindung machen sollte? Mehr Papier denn je wird bedruckt. Mehr Zeitschriften und Bücher denn je erscheinen. Berge von Papier türmen sich auf unseren Schreibtischen. Und ja, und ein großes, papierloses Etwas ist hinzugekommen – das Online-Universum.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.