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Meinung
07/20/2013

Informationskubismus

Für Viele fühlt sich das Internet an wie ein Traum – eine Welt, der auf rauschhafte Weise von allen Seiten Anregungen, Inspirationen und Vielstimmigkeit zufließen.

Alltag im 21. Jahrhundert bedeutet, dass sich Hauptsachen zunehmend in Nebensachen verwandeln – und die Nebensachen immer mehr werden. Das Leben verwandelt sich in ein Gewölk von Zwischendurchs. Dazu haben wir uns ein neues Leiden zugezogen: moderne Ungeduld. Es sind Winzwartereien, die unseren Lebensfortlauf perforieren und uns in einer jeweils winzigen Handlungsleere hängenlassen. Diese kleinsten Leeren sind Einladungen in Augenblicke, in denen etwas Neues stattfindet: Mikrokultur.

Das Netz verheißt, dass ständig etwas Neues eintrifft – Nachrichten, kleine Zustandsberichte, Augenblickskommentare von Online-Bekanntschaften. Längst hat die Wirtschaft die Welt der Daseinssplitter entdeckt, in ihrem Windschatten hat auch die Kulturwelt das neue, wertvolle Granulat ins Auge gefaßt, das zuvor noch als banale „Schnipsel" abgetan worden war. Mikrokulturformen wie Klingeltöne, SMS, Tweets, Facebook-Statuszeilen oder Zweiminutenclips auf YouTube machen deutlich, dass man längst auch mit Kleinigkeiten groß rauskommen kann.

Die mächtigste Ablenkungsmaschine der Geschichte
Das verkürzte Längenmaß bedeutet keineswegs, dass nun weniger Denkstoff beim Leser oder Zuseher ankommen würde, im Gegenteil. Früher kam der Briefträger einmal am Tag, nun kommt er in Form von E-Mails und Newsfeeds ständig. Der Computer ist die mächtigste Ablenkungsmaschine der Geschichte – für die einen ein Schrecknis, für die anderen ein Potential voller Schöpfungskraft. Wohin uns diese neuen, zentrifugalen Richtungskräfte lenken, ist umstritten. Für die einen bedeutet es unproduktive, vertrödelte Zeit, für die anderen ein Kraftschöpfen. Wenn man ein Haus baut, kann man anhand der verbauten Ziegel die Produktivität messen. Wir leben inzwischen aber in einer Wissensökonomie, in der sich erbrachte Qualität nicht mehr nach Wortanzahl oder Tastaturanschlägen pro Minute messen läßt.

Effizienz und Rauschhaftigkeit
In der Debatte um den angeblich nicht multitaskingfähigen Menschen wird das Denken auf einen einzigen seiner vielen Aspekte reduziert: Effizienz. Der Mensch vergleicht sich mit einer Maschine, die eine Anzahl von Rechenschritten zugleich abarbeiten kann (einer Maschine, die er selbst erdacht hat). Aber das Denken auf einen Fließbandvorgang zu verkürzen, der an einem Aufmerksamkeitsflaschenhals unüberwindbar gebremst wird, ist dumm.

In „Paris – ein Fest fürs Leben" erinnerte Ernest Hemingway sich an seine Zeit im Paris der zwanziger Jahre, wo er sich ein kleines Zimmer gemietet hatte, in dem er arbeitete: „In diesem Zimmer war es auch, wo ich lernte, von dem Augenblick an, in dem ich mit Schreiben aufhörte, an nichts, worüber ich schrieb, zu denken, bis ich am nächsten Tag wieder anfing. Ich hoffte, dass mein Unterbewußtsein daran arbeiten und ich gleichzeitig anderen Leuten zuhören und alles beobachten würde."

Eine ganz andere Art des Denkens kommt hier zum Vorschein, die den schöpferischen Kräften jenseits der Förderbandfleißigkeit des Tagesbewußtseins vertraut und ihnen die Kontrolle über das, was zu denken ist, übergibt. Dieser Art von Arbeit kommen Computer und Kommunikationsmedien sehr entgegen. Nicht zuletzt fühlt das Internet sich für viele an wie ein Traum. Eine Innenwelt, der auf geradezu rauschhafte Weise ständig Anregungen, Inspirationen und Vielstimmigkeit zufließen.

Aus dem Einen ins Viele
Künstler haben bereits vor 100 Jahren die heutige Lage vorausgesehen. Die Kubisten etwa haben die Notwendigkeit einer Multiperspektive deutlich gemacht, die mehr als nur eine Ansicht erfaßt – ein Gesicht ist zugleich von vorn und im Profil zu sehen. Autoren wie Lawrence Durell mit seinem „Alexandria-Quartett" oder der ägyptische Nobelpreisträger Nagib Machfus mit „Pension Miramar" haben Romane geschrieben, in denen eine Geschichte aus mehreren Blickwinkeln erzählt wird. Arno Schmidts „Zettels Traum" ist eine 1330 Seiten umfassende, geradezu orchestrale Textpartitur.

Im Film, dieser linearen Schrift aus Bildern, wird die zunehmend Bewegung hinein ins Viele besonders deutlich. Keine dekorative Explosion, die nicht, von mehreren Seiten gefilmt, quasi gleichzeitig in Rundumsicht zu sehen wäre. In Streifen wie „Und täglich grüßt das Murmeltier" oder „Lola rennt" bewegt sich eine Geschichte in jeweils mehreren Verläufen. Und all diese Versuche beginnen sich jetzt im Internet global miteinander zu verbinden. Das Zeitalter des Informationskubismus beginnt.

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.