Meinung
30.11.2013

Ist es o.k., ein Maschinenverwender zu sein?

Angesichts der Wucht, mit der sich die digitale Technologie über den Planeten ausbreitet, fragt man sich, warum es eigentlich keine wahrnehmbarere Opposition dagegen gibt. Die Maschinenstürmer kriegen das jedenfalls nicht hin.

Im Februar 1994, als das Internet gerade im Anmarsch war, erreichte die Los Angeles Times das Manifest eines „Lead Pencil Clubs“. Der von dem Verleger Bill Henderson gegründete „Bleistiftclub“ sah sich als ein antitechnisches Gegengewicht zu der aufbrandenden Begeisterung an elektronischer Kommunikation: „Wir empfangen keine E-Mail und wir verschicken keine. Wir unterhalten uns von Angesicht zu Angesicht. Wenn direkter Kontakt zwischen Menschen nicht möglich ist, werden wir Briefe von Hand schreiben, denn die Handschrift ist ein Ausdruck unserer Persönlichkeit.“ Handerson sah die vornehmste Aufgabe des Bleistiftclubs darin, „ein Schlagloch auf dem Information Superhighway zu sein.“

Kaum hatte die digitale Revolution Form angenommen, warf die Konterrevolution ihre Schatten voraus. Bizarre Bundesgenossen fanden sich ein. 2001 berichtete die pakistische Zeitung The International News von einer Taliban-Gruppe, die in der Kleinstadt Wana in Süd-Waziristan zum Leidwesen der Bewohner 300 Handys und mehrere Computer beschlagnahmte und verbrannte.

Die Motive der Maschinenstürmer sind sehr unterschiedlich. 2009 drang ein 24-jähriger Mann in Tokio, nachdem er ein hölzernes Schwert vor einer Rezeptionistin geschwungen hatte, in das - leere - Büro des damaligen Premierministers Yukio Hatoyama vor und zerschlug dessen Computer. Er hatte einen Wutanfall bekommen, nachdem er im Internet von Zusagen des Premiers gelesen hatte, ausländischen Bürgern das Wahlrecht und verheirateten Paaren das Tragen unterschiedlicher Familiennamen zu gewähren.

Manchmal passiert es auch ungeplant. So wurde im Frühjahr 2011 in der Nähe der georgischen Hauptstadt Tiflis eine 75-jährige Frau festgenommen, nachdem sie die Internetverbindung in Teilen Georgiens und Armeniens unterbrochen hatte. Auf der Suche nach Altmetall war die Frau auf ein Glasfaserkabel gestoßen und hatte es durchgeschnitten, um es an einen Händler zu verkaufen.

Ein paar Monate später in Berlin war es dann Absicht. Ein gezielter Brandanschlag auf eine Kabeltrasse der Bahn verursachte ein formidables Verkehrschaos, zehntausende Pendler kamen nicht mehr weiter. An einer Reihe von Bahnhöfen und Stellwerken funktionierten die Signale und der Fahrstrom für die Züge nicht mehr. Die Maschinerie war an einem neuralgischen Punkt getroffen worden. „Dabei“, so das Bekennerschreiben einer Gruppe, die sich nach dem isländischen Vulkan „Das Grollen des Eyafjallajökull” nannte, „haben wir die Gefährdung von Menschen nach bestem Wissen ausgeschlossen.“

Bomben aus Holz

Der wütende Vulkan steht für einen Berg von Missmut einer technologischen Welt gegenüber, die sich immer weiter und immer tiefgehender ausbreitet, die sich unvermeidlich machen will – und die ein plakatives Angriffsziel abgibt. Wie bei einer negativen Akupunktur können moderne Maschinenstürmer, wenn man weiß, wo der richtige Punkt liegt, mit einem Nadelstich ganze Bereiche des sozialen Organismus lahmlegen.

Es gibt radikale Vertreter, die auch auf Menschenleben keine Rücksicht nehmen. Einzelkämpfer wie den amerikanischen Mathematiker Ted Kaczynski, der fast zwei Jahrzehnte lang als UNA-Bomber gesucht wurde (UNA steht für seine bevorzugten Anschlagsziele, UNiversitäten und Airlines). Durch seine - aus Holz gefertigten - Briefbomben wurden drei Menschen getötet und 23 verletzt. 1995 hatte Kaczynski unter dem Titel „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ ein Manifest verschickt und angeboten, seine Attentatsserie zu beenden, falls sein Text veröffentlicht würde. Im September 1995 druckten die New York Times und die Washington Post seine Vorschläge, das „technologisch-industrielle System“ zu überwinden. Der Abdruck führte zur Festnahme Kaczynskis: Sein Bruder erkannte den Schreibstil und wandte sich an die Behörden.

Das Missverständnis beginnt an der Wurzel

16 Jahre später verschickte der Norweger Anders Breivik, ehe er in einem Jugendlager 77 junge Menschen tötete, ein 1500-seitiges Pamphlet, in das er mehrere Passagen aus dem Manifest von Kaczynski einkopiert hatte – aus „Schwarzen“ werden bei Breivik allerdings „Moslems“, und „Linke“ verwandeln sich in „Kulturmarxisten“.

Haben wir es mit Rebellen zu tun? Mit einer verzweifelten Revolte gegen die Technisierung und Digitalisierung der Welt, die den zivilisatorischen Fortschritt wieder in eine richtige, menschgemäßere Richtung lenken will? Das Missverständnis beginnt schon an der Wurzel. Im Gegensatz zur modernen Vorstellung vom Maschinenstürmer hatten die ursprünglichen „Ludditen“ - wie sie sich, nach einem fiktiven Anführer und Kollektiv-Pseudonym namens Ned Ludd, auch nannten - weder etwas gegen Technik noch dagegen, sie zu nutzen. Viele von ihnen waren versierte Maschinenbediener in der britischen Textilindustrie. 1811 formierte sich eine Protestbewegung gegen schlechte Bezahlung und existenzbedrohende Lebensbedingungen, deren Angriffsziele bevorzugt Industrie-Strickmaschinen waren. Diese Technologie war nicht neu, sondern bereits mehr als 200 Jahre alt. Sie hatte zu einer Blüte der Textilindustrie geführt, in der viele neue Arbeitsplätze entstanden. Es ging nicht um die Angst, wegrationalisiert zu werden. Der Konflikt zielte auf Fabriksbesitzer, die gut ausgebildete Arbeiter an effizienten Maschinen beschäftigten, ihnen aber einen angemessenen Lohn verweigerten.

Eine Woche ohne Internet!

Heute, wo die Welt schwirrt und flimmert von ungleich höher effizienten Maschinen, steht der Begriff Maschinenstürmer merkwürdig verloren im Raum. Angesichts der folgenreichen Wucht, mit der sich die digitale Technologie seit drei Jahrzehnten über den Planeten ausbreitet, fragt man sich immer noch, warum es eigentlich keine wahrnehmbarere Opposition gegen diese überwältigende Entwicklung gibt als ein paar Leute, die zeigen, dass sie Tastaturen verabscheuen und lieber mit Stift und Füller schreiben. Oder die feierlich - natürlich im Internet - bekanntgeben, dass sie eine Woche lang auf Google oder gar das insgesamte Internet verzichten wollen – heutzutage ein Unterfangen, das dem eines Asketen gleicht, der sich in eine Höhle zurückzieht.

Wo ist er, der Maschinenstürmer?

„Is it O.K. to be a Luddite?”, betitelte der Schriftsteller Thomas Pynchon 1984 einen Essay, in dem er unterstellte, dass es den Ludditen tatsächlich gibt. Aber wo ist er, der Maschinenstürmer? Ist er nicht doch, wie Ned Ludd, eine romantisch aufbegehrende Legendengestalt? „Maschinenstürmer erfindet Maschine, um Technik schneller zu zerstören“, verkündet ein satirischer Text im Netz. Tatsächlich ist das, was der Idee des Maschinenstürmens heute am nächsten kommt - übel gesonnene Hacker, Cybersoldaten und Geheimdienstler, die fremde Maschinen infiltrieren, sabotieren und zerstören wollen - sehr nahe an der Parodie des Maschinenhassers, der zugleich ein virtuoser Nutzer der Maschine ist.

Anläßlich einer gerichtlich angeordneten Online-Auktion von Besitztümern des UNA-Bombers – Ted Kaczynskis Manuskripte, Notizbücher, Kleider, Werkzeuge, Fotos –, deren Erlös den Angehörigen seiner Opfern zugute kommen sollte, sagte ein Justizbeamter: „Wir werden die Technik nutzen, die Kaczynski in seinen Manifesten verdammt hat, um diese Dinge aus seinem Leben zu verkaufen."