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Peter Glaser: Zukunftsreich
05/05/2012

Kommt jetzt der Hypermensch?

Technologie ist nicht dazu da, Dinge einfacher zu machen, sondern interessanter. Zum Beispiel mit dem Umbau und der Erweiterung des menschlichen Körpers. Er breitet sich über den ganzen Planeten aus.

Während der Körper für den Menschen bisher der unabweisbare Ausdruck von Dasein und nächster Nähe war, scheint jetzt das Dortsein zu triumphieren. Das, wo der Körper gerade nicht ist. Der Wortstamm „Tele“ (fern) und die mit ihm verbundenen Technologien, vom Telefon über die Television und die Telekommunikation bis hin zu telepathisch gesteuerten Interfaces, haben einen furiosen Siegeszug um die Welt angetreten. Wir leben in einer digitalen Welt, umfaßt von einem Sieg der Ferne.

Der Planet selbst wird nun zum Körper und kleidet sich in einen Schleier aus Satelliten, aus Netzen und modischer Virtualität. Zwar hat sich mit der Digitalisierung ein Füllhorn von Bequemlichkeiten und Möglichkeiten geöffnet; zugleich sind diese technologischen Neuerungen, vor denen die physische Gegenwart des Körpers zu verblassen scheint, eine insgeheime Zumutung, eine Kränkung.

Kleine Zärtlichkeiten zwischen Mensch und Maschine
Wenn wir Marshall McLuhan zuhören, demzufolge die Technikgeschichte von einer kontinuierlichen Ausweitung des menschlichen Körpers durch technische Mittel erzählt, fällt eine bemerkenswerte Lücke auf. Denn fast immer sind es nur die Distanzsinne - Sehen, Hören, Rufen, Werfen, Laufen - die technisch fortentwickelt wurden und werden. Auch wenn sich nun mit iPhone und Konsorten erstmals massenhaft kleine Zärtlichkeiten zwischen Mensch und Maschine ergeben, so sind die körpernahen Intimsinne Riechen, Schmecken und Tasten doch mediale Mauerblümchen geblieben. Techniken zur Herstellung weltweiter Nähe, etwa die Geruchsübermittlung, oder Trinkbecher mit Netzanschluß, die an denjenigen Stellen lumineszieren, an denen ein Gegenüber an einer entsprechenden Bechergegenstelle seine Lippen aufsetzt, kommen über’s Kuriose nicht hinaus.

Gedankenkenlesen und andere Banalisierungen
Der Phantasie kann es oft gar nicht schnell genug gehen. Als die Chefredakteurin Lisa Palac 1995 für ihr Magazin „Future Sex" ein Coverbild mit (fiktiven) netzwerkfähigen Cybersex-Anzügen für Sie und Ihn entwarf , riefen noch Monate später Leute an, die einen dieser Anzüge kaufen wollten – „dabei”, so Palac, „war alles nur ein Witz. So weit ist die Technik noch längst nicht." Inzwischen landen Science Fiction-Konzepte nicht nur immer öfter in der Realität, es widerfährt ihnen dann auch gleich eine bemerkenswerte Banalisierung, etwa wenn die Firma Toshiba die Möglichkeiten der Gedankensteuerung, die in der Medizintechnik entwickelt wurden, in Form einer telepathisch bedienbaren Modelleisenbahn zu vermarkten versucht.

In der wundersamen Welt der Optionen jenseits des Notwendigen begegnen uns Dinge wie RFID-Chips, die unter die Haut injiziert werden, um als berührungslos ablesbare Mitgliedsausweise in Tennisclubs genutzt zu werden, oder der unvermeidliche KI-Experte und Aufmerksamkeitsstuntman Kevin Warwick, der sich einen Chip in den Unterarm einpflanzen und mit einer Nervenfaser verbinden ließ, was zwar ohne wissenschaftlichen Wert ist, aber Schlagzeilen garantiert.

Smartphones markieren im übrigen einen entscheidenden Punkt, an dem Körper und Kommunikationstechnologie einander die Machtfrage stellen. Viele Geräte, mit denen wir heute noch umgehen müssen, sind entweder zu dominant oder zu klein. Es gibt eine maßlose Miniaturisierung, die keine Benutzer aus uns macht, sondern Frickler. Hardware wird zunehmend leichter, dünner, filigraner, aber es gibt einen Punkt, an dem man mit neuerlicher Verkleinerung nicht mehr weiterkommt. Ist dieser Punkt erreicht, müssen die Geräte im nächsten Schritt ganz verschwinden.

Sind wir alle Komplexitäts-Karajans?
Und Technologie ist immer auch ein Maß für den Grad an Komplexität, den wir aktuell  für beherrschbar halten. Sie ist nicht dazu da, Dinge einfacher zu machen, sondern interessanter.  Technologie in weltweit vernetzter Form ist die große Herausforderung, vor die wir unser Bewußtsein und die Adaptionsfähigkeit des Gehirns heute stellen. Können wir der Vernunft beibringen, das Talent eines Komponisten zu entfalten und nicht mehr nur in vereinzelten Standpunkten zu denken, sondern in orchestralen Gleichzeitigkeiten? Kein Lebenwesen wäre von der Natur dazu besser ausgestattet als wir.

Pessimisten wie Nicholas Carr befürchten, dass durch die vernetzten Maschinen unsere Gehirne aufgeweicht werden und vor lauter googelbaren Ablenkungen und Meteorschauern aus Mails und Tweets die Fähigkeit zu tiefergehender Beschäftigung mit abstirbt. Aber bereits 1878 hatte der Philosoph Friedrich Nietzsche befürchtet: „Die Summe der Empfindungen, Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last der Kultur, ist so groß geworden, dass eine Überreizung der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist.”

Der Trick mit dem Trödelfaktor
Auch andere sehen gehirnfressende, zum Internet verbundene Maschinensysteme am Werk. Da die entsprechenden Show-Schrecknisse nicht neu sind - in den sechziger Jahren hieß es „Reizüberflutung” oder „Managerkrankheit”, später „Information Overload” oder „Trödelfaktor” -, bedienen sich ihre Propagandisten eines rhetorischen Tricks. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Waldspaziergang zu beschreiben. Man kann sich von der Wahrnehmung einer Unzahl von Blätter und Tannennadeln überfordert sehen. Man kann aber auch einen Spaziergang durch einen Wald machen und daraus einfach erholt wieder nach Haus kommen.

Peter Glaser Zukunftsreich

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.