Meinung
30.05.2015

Leuchtgläubigkeit

Mit einem kleinen Gadget ein bißchen Licht ins Ohr schicken – und schon geht‘s einem besser. Ein finnisches Startup verkauft diesen Traum mit gewagten Methoden.

Man kann sich alles Mögliche ins Ohr stecken. Unter Esoterie leidende Menschen bringen darin beispielsweise Ohrenkerzen unter, die einer angeblichen Tradition der Hopi-Indianer entstammen. Sie sollen Schwingungen erzeugen, welche Ohrstruktur und Reflexpunkte stimulieren (leider aber nur in seltenen Fällen auch den skeptischen Reflex – „Was tu ich hier eigentlich?“).

Andere lassen hygienische Maßnahmen zu merkwürdigen Modeerscheinungen metastasieren. So war in Japan eine Weile neben der Ohrreinigung in speziellen Salons allerlei dazugehöriges Equipment angesagt, vom Designerwattestäbchen in Schwarz bis hin zum persönlichen Ohr-Endoskop.

Und dann ist da noch das Valkee Earlight. Es besteht aus einem Paar Ohrstöpseln mit einer LED, die Licht in den Gehörgang scheinen läßt. Batterie, Schalter und Timer sind in einer Plastikbox mit iPod-Anmutung untergebracht. 12 Minuten Ohrinnenbeleuchtung, zwei bis vier Wochen täglich, sollen gegen Winterdepression, Jetlag und sogar die Folgen der Extremwechsel von Tag und Nacht im Weltraum helfen. Auch die Reaktionszeit auf visuelle Reize soll sich dadurch erhöhen, der finnische Tennisprofi Jarkko Nieminen preist das jedenfalls auf der Homepage seines Sponsors Valkee an.

Das Gadget, das derzeit knapp 200 Euro kostet, hat zwar mit Apple außer der Hochpreisigkeit nichts zu tun, tut aber vom Design her so. Für das Geld erhält man neben den Ohrstöpsel-LEDs eine Art pseudointelligentes Batteriefach, an dem sich via USB im Browser eines Rechners Dauer und Lichtstärke der Gehirnbeleuchtung einstellen lassen. Und warum einfach, wenn‘s auch kompliziert geht? An jeder besseren Heizdecke kann man heute Temperaturstufen an einem Schalter einfach per Hand einstellen, ohne dass man, wie bei MyValkee, erst einen 45-seitigen „Software Installation and Troubleshooting Guide“ für die nur online ausführbaren Änderungen von Leuchtlänge und Lichtstärke downloaden müßte.

Ein Moment der Erleuchtung

Die Legende erzählt, dass sich der Finne Juuso Nissilä Anfang der Neunzigerjahre an einem dunklen Wintermorgen eine Taschenlampe an die Schläfe gedrückt habe. Dem Studenten der Tierphysiologie war bekannt, dass lichtsensitive Opsine in den Gehirnen einiger Tierarten entdeckt worden waren. (Opsine sind Bauteile eines Sehpigments, das beim Menschen ausschließlich im Auge, nicht im Gehirn zu finden ist, so jedenfalls der vorherrschende wissenschaftliche Befund.) Nissilä wollte testen, ob durch den Schädenknochen dringendes Licht vielleicht auch im menschlichen Gehirn Auswirkungen zeige. Nach der Lichtdusche habe er sich erfrischt gefühlt – für Nissilä ein Eureka-Moment.

Konnte es sein, dass es einer Person besser geht, wenn ihr Gehirn direkt beleuchtet wird – durch den Gehörgang beispielsweise? 2005 tat Nissilä sich mit einem Freund zusammen, dem Nokia-Ingenieur Antti Aunio, der sich schon mit Behandlungsmöglichkeiten gegen Winterdepression befaßt hatte. Er war von der Idee begeistert. 2007 gründeten sie ein Startup und nannten es Valkee, ein Kunstwort aus den finnischen Begriffen für „Weiss“, „Licht“ und „Feuer“.

Auino baute einen Prototyp, Nissilä sollte eine wissenschaftliche Erklärung formulieren, wie sich die Gehirnbeleuchtung auswirkt. 2009 wurde eine Pilotstudie zur Wirksamkeit des Geräts an der Universität Oulu durchgeführt. Den Angaben der 15 beobachteten Patienten zufolge waren bei allen bis auf einen die Winterblues-Symptome verschwunden. Für das Unternehmen war das eine klinische Studie, die den Nachweis der Wirksamkeit von Gehirnbeleuchtung durch das Ohr erbracht hatte.

Do You Believe?

Im Frühjahr 2010 bekam das Valkee-Gadget, wie das Unternehmen gern hervorhebt, eine „CE-Kennzeichnung für Medizinprodukte der Risikoklasse IIa“. Anders als suggeriert, ist die CE-Kennzeichnung aber kein Prüfsiegel, sondern ein schlichtes EU-Verwaltungszeichen, das nur besagt, dass ein Produkt im Wirtschaftsraum der EU vertrieben werden darf und keinen Schaden beim Konsumenten anrichtet. Ein „Medizinprodukt“ ist kein Arzneimittel, und die CE-Kennzeichnung sagt nichts über dessen Wirksamkeit aus.

Dem furiosen Marktstart des Ohrlichts in Finnland tat das keinen Abbruch. Das nach Firmenangaben „revolutionäre Gerät“ kostete anfangs 185 Euro. Die angesagte Werbeagentur Bob Helsinki entwarf eine Einführungskampagne, die mit Zweifeln spielte. Ein Motiv zeigte nur die Frage: „Do you believe?“ Die Medien überschlugen sich vor Begeisterung, versprach doch das Gerät eine Wunderkur gegen ein notorisches Nationalleiden – und einen Schub technologisches Selbstbewußtsein im trübseligen Nach-Nokia-Finnland.

2010 wurde Valkee von Tekes, einer staatlichen Abteilung zur Innovationsförderung, mit 320.000 Euro subventioniert, im nächsten Jahr mit weiteren 50.000 Euro. Die Liste der Valkee-Investoren ist eindrucksvoll. Sie verzeichnet unter anderem den ehemalige Nokia-Direktor Anssi Vanjoki und die Ex-Journalistin Esther Dyson, die sich inzwischen als Business Angel engagiert. Der größte Batzen kam im Sommer 2013 zusammen, als eine Finanzierungsrunde 7,4 Millionen Euro in die Kassen von Valkee spülte. Hauptinvestor war Mérieux Développement, ein französischer Branchenriese, der sich auf Risikokapital im Gesundheitswesen spezialisiert hat. mit anderen Worten: Es geht um viel Geld.

Studienleiter mit Firmenaktien bezahlt

Aber nicht jeder ließ sich von den Tricks blenden, die Valkee aus dem Ärmel zog. In Online-Foren und sozialen Netzen wuchsen Zweifel an den wissenschaftlichen Argumenten. Im März 2012 nahm die investigative finnische TV-Sendung MOT das Ohrlicht unter die Lupe. Ergebnis: Forschungsergebnisse fragwürdig, Marketing unredlich. Valkee bestritt alle Anschuldigungen vehement. Der Sender beharrte darauf, dass alles seine Richtigkeit habe – auch wenn ihm tatsächlich ein Fehler unterlaufen war, allerdings einer, den Valkee sicher nicht hätte korrigieren wollen: MOT hatte behauptet, dass in der Pilotstudie von 2009 die Symptome der untersuchten Patienten zu 100% verschwunden waren, tatsächlich waren es aber nur zwischen 77% und 92%.

Diese Studie - der weitere, ähnlich kritisierbare folgten - war auch in anderer Hinsicht ungewöhnlich. So gab es keine Kontrollgruppe, die es den Forschern erlaubt hätte, wissenschaftlich korrekt festzustellen, ob die Veränderungen bei den Patienten durch das Ohrlicht, einen Placebo-Effekt oder durch andere Einflüsse während der Tests hervorgerufen worden waren. Auch bemerkenswert: Markku Timonen, der Leiter der Studie, wurde mit Valkee-Aktien bezahlt. Und einer der beteiligten Forscher, Timo Takala, fand später Aufnahme in den Vorstand von Valkee.

Publiziert wurde die Studie in einem wissenschaftlichen Journal mit zweifelhaftem Ruf: „Medical Hypotheses“ befaßt sich, wie schon der Titel sagt, nicht so sehr mit Fakten als mit Hypothesen und hat sich einen Namen als Hort von Impfgegnern, HIV-Leugnern und anverwandten Verschwörungstheoretikern gemacht.

Das verschwundene Placebo

Zusammenfassungen der eigenen Forschungen in Form knapper Poster-Präsentationen zeigen Valkee-Mitarbeiter auf Kongressen in ganz Europa, aber sie finden sich in keinen renommierten Wissenschaftsjournalen – nicht einmal in der Datenbank der Universität von Oulu, obwohl das Logo der Universität auf all den Papieren prangt. Lauri Lajunen, bis 2014 Rektor der Universität, hielt in einem Artikel in „Ylioppilaslehti“ („Es werde Valkee – Wie ein finnisches Startup es geschafft hat, alle an der Nase herumzuführen“), der weltweit ältesten und meistgelesenen finnischen Studentenzeitung, fest, dass Valkee zwar in Forschungsprojekte investiert habe, es aber keinerlei direkte wissenschaftliche Zusammenarbeit oder andere Verbindungen mit der Universität gegeben habe.

„Angesichts der Website von Valkee kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass es für das Ganze klare, wissenschaftliche Beweise gibt, die aus Studien hervorgehen, die an der Universität von Oulu durchgeführt wurden“, so Lajunen. „Ich habe mir das zusammen mit unseren Rechtsanwälten angesehen und sie werden mit Valkee Kontakt aufnehmen.“

Über die Resultate der wichtigsten Studie an der Universität Oulu breitet man bei Valkee im übrigen den Mantel des Schweigens. Sie stammt aus dem Jahr 2011, wurde als Placebo-Studie angemeldet und vergleicht den Effekt von Ohrenlicht mit einem Placebo. Während einer Placebo-Gruppe Ohrenbeleuchtung mit einer Dosis von einem Lumen verabreicht wurde, waren es in Vergleichsgruppen das Vier- bis Neunfache. Im Ergebnis war Ohrenbeleuchtung nicht besser als ein Placebo. Vereinzelt war das Placebo sogar wirkungsvoller.

Ein paar Monate nach Abschluß der Studie wurde plötzlich ihr Design verändert und die Placebo-Gruppe komplett aus der Studie und ihrem Titel getilgt. Was einmal ein „Placebo-kontrollierter Doppelblindversuch“ gewesen war, wurde zu einem schlichten „Doppelblindversuch“. Pekka Somerto, vormals Marketingleiter bei Nokia und Coca-Cola und seit 2012 Geschäftsführer von Valkee, erklärte, die Manipulation bedeute „bloß die Entfernung eines Worts aus dem Namen einer Gruppe“ und sei bedeutungslos, was das Ergebnis der Studie angehe. Was nicht stimmt, denn wenn die Löschung nicht vorgenommen worden wäre, hätte es sich um einen Placebo-kontrollierter Doppelblindversuch gehandelt, demzufolge das Produkt von Valkee der Wirkung eines Placebos gleichkomme.

Von InnoSuomi nach Huuhaa

Von Mißtönen in den Medien und im Netz läßt sich die Firma im übrigen nur ungern stören. „Valkee macht ein positives Produkt“, so der vormalige Geschäftsführer Timo Ahopelto in einem Werbespot. 2010 hatte Valkee den Innovationspreis „InnoSuomi“ von Staatspräsidentin Tarja Halonen erhalten. 2012 verlieh der finnische Skeptiker-Verband „Skepsis“ der Firma den jährlichen „Huuhaa“-Preis für irreführendes Marketing. Seine Message verbreitet das Unternehmen immer als erstes und maßgeblich in den Medien und nicht im Wissenschaftsbereich. Presseerklärungen werden über den weltgrößten PR-Distributor „PR Newswire“ verschickt.

Wenn die Valkee-eigene Ansicht der Realität mit anderen, kritischen Ansichten über das Ohrenlichtprodukt und seine wissenschaftlichen Hintergründe kollidiert, kann es auch schon mal ruppig werden. So sollte der Betreiber des Blogs earslightswindle.com, der seit 2012 kenntnisreich kritisches Material zur Ohrenbeleuchtung veröffentlicht, durch einen massiven Einsatz von Rechtsanwälten und Polizei zum Schweigen gebracht werden. Die finnischen Behörden stellten das Verfahren gegen den Blogger Ende Februar ein.