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Peter Glaser: Zukunftsreich Onlinesein!.

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Ein paar Anmerkungen zum Sieg der Ferne und dem Leben im Netz

In den Achtziger Jahren lernten wir, was ein Persönlicher Computer ist. Wir erfuhren, dass Hardware das ist, was einem auf die Füße fallen kann und Software das, was einem auf die Nerven fallen kann. Die Vernichtung lästiger Diplomarbeiten wurde einfach wie nie, jäh und geräuschlos schwanden hundert Seiten von Diskette. Ganz Mutige schafften sich ein Modem an, das sich in Form eines unverkennbaren Sortiments an Röchel- und Pfeifgeräuschen äußerte, der sogenannten Bauds. Man konnte damit die umständlichste damals bekannte Methode anwenden, miteinander zu telefonieren, bei der nicht mehr nur Menschen, sondern auch Maschinen durch das Telefon miteinander sprachen.

Mitten in diesem Durcheinander: der Cyberspace. So hieß das Internet, ehe sich herumgesprochen hatte, dass es sowas wirklich gibt. Genauer gesagt: anscheinend wirklich, also: virtuell. Unsere Epoche wird später in den Geschichtsbüchern wahrscheinlich die frühe Scheinzeit genannt werden.

Touch
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Moderne Versteinerungen
Zwei Jahrzehnte lang gibt es den inzwischen prominentesten Teil des Internets, das World Wide Web, nun. Was machen wir damit? Und was macht es mit uns? Wenn ich früher etwas in einem Lexikon gesucht habe, habe ich die zwei Meter zum Regal neben meinem Schreibtisch überwunden, heute gehe ich in die Wikipedia; die Lexikonbände stehen immer noch da, inzwischen sind sie auf eine neuzeitliche Art versteinert.
Es ist ein Sieg der Ferne: „Tele", der griechische Begriff für „fern", ist die Leitkennung der bedeutendsten Medienerfindungen der letzten beiden Jahrhunderte – Telefon, Television, Telekommunikation. Alle bringen sie uns federleicht von zu Hause aus hinaus in die Welt und die Welt, die immer mehr eine digitale Welt wird, her zu uns. Und keine vollbringt das so umfassend und zukunftsmächtig wie das Netz. Die Nahwelt verblasst ein wenig.

Ein virtueller Phantomschmerz
Von Zeit zu Zeit vergewissere ich mich, dass ich immer noch ohne Computer kann. Ein Rechner, der online ist, übt auf viele Menschen eine außerordentliche Anziehungskraft aus. Sie fühlt sich ganz sacht an, ist aber beinah unbezähmbar („Darf ich nur ganz schnell meine Mails checken?"). Während ich dann auf einem Blatt Papier schreibe, verspüre ich einen Phantomschmerz, nicht sofort auf eine Datei in den Tiefen meines Rechners oder etwas Findbares im Netz zugreifen zu können. Ich habe mir das Rauchen abgewöhnt, dafür bin ich jetzt suchsüchtig. „Seit ich mein Leben digitalisiert habe, fühle ich mich so rationalisiert", twittert einer. „Glaube, ich drucke morgen alles wieder aus und kaufe Buntstifte."

Ein Internet für Katzen
Ich kenne das Netz noch aus einer Zeit, als E-Mail-Adressen und Befehlseingaben aussahen als habe man ein eingerolltes Gürteltier über die Tastatur gewälzt. Ich finde es angenehm, dass inzwischen vieles ein bißchen einfacher und flotter geworden ist. Manches wird einem zu leicht gemacht, etwa das briefmarkenhafte Einsammeln von Bekanntschaften, die dann auf Facebook gleich alle „Freunde" sind. Oder das Einkaufen. Oh, schon wieder ein Buch zum zweiten Mal gekauft, weil ich vergessen habe, es von meinem Wunschzettel zu löschen. Also erkläre ich meiner Frau, dass es mir nicht um das Buch geht, sondern um den Karton, denn unsere Katzen lieben Kartons, und Bücherkartons bringen ihnen den Duft der weiten Welt ins Haus. Die reisenden Pappkartons sind quasi das Internet für Katzen.

Wir leben heute in unseren Medien
Die Generation, die nun mit dem Internet aufwächst, lebt nicht mehr mit dem Netz, sie lebt im Netz. Diese neuartige Technosphäre nur als Nachrichten-Umschlagplatz oder digitales Gewerbegebiet zu betrachten, greift zu kurz. Im Netz sind Medien nicht mehr nur Dinge, die wir benutzen – wir leben heute in unseren Medien, auf Facebook, Twitter, in Foren und Blogs. Es sind Pendants zu Straßencafes, Wohngemeinschaften, Clubs.

Beim Fernsehen gibt es eine Art Hoffnungslooping, wenn man sich einmal im Kreis durch alle verfügbaren Programme zappt, immer in der Hoffnung, dass vielleicht doch noch irgend etwas einigermaßen Erträgliches kommt, um am Ende wieder von vorn anzufangen. Mit dem Web ist aus diesem Looping eine Unendlichkeit geworden, jeder Klick öffnet ein neues Programm, eine neue Hoffnung zumindest auf ein gutes Gefühl. Dieses Gefühl heißt Onlinesein. Es geht dabei nicht mehr nur um die Themen, Bilder, Sounds, Algorithmen, die das Netz bereithält. Es geht darum, dass es sich einfach gut anfühlen kann, vor einem Bildschirm zu sitzen und ab und zu ein Progrämmchen anzuwerfen und damit durchs Netz zu brettern.
Mit wehendem Haar durch Netz

In ihrem Buch „Where Wizards Stay Up Late" über die Ursprünge des Internet schreibt die New York Times-Autorin Katie Hafner: „Amerikas Romanze mit den Highways hat auch nicht damit begonnen, dass jemand Straßen begradigt, asphaltiert und mit weißen Streifen in der Mitte bemalt hat. Sondern damit, dass einer auf den Trichter kam, seine Karre wie James Dean die Route 66 runterzufahren und das Radio laut aufzudrehen und eine gute Zeit zu haben."

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

(futurezone/Peter Glaser ) Erstellt am 26.05.2012, 06:00

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