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Kolumne
07/28/2012

Peter Glaser: Die superkurzen Superhits

Auf den ersten Blick widerspricht die musikalische Entwicklung der Annahme, kultureller Fortschritt sei stets mit einer Zunahme an Komplexität verbunden. Mit dem Rock’n’Roll begann der Siegeszug des Dreiminutensongs – aber auch er ist inzwischen atomisiert zu noch viel kürzeren Formen von Superhits.

1994 wurde der in Los Angeles lebende Wiener Walter Werzowa gefragt, ob er einen Viersekunden-Jingle für den Chiphersteller Intel komponieren könne. Werzowa, dem 1988 mit dem Volksmusik-Crossover „Bring Me Edelweiss" ein internationaler Hit gelungen war, hatte noch nie etwas von einer Firma Intel gehört. Er verzweifelte fast an der Aufgabe. Der Durchbruch kam, als er auf die Worte „Intel Inside" starrte und anfing, sie zu singen. Für die Aufnahme der Endfassung in seinem Heimstudio brauchte er zehn Tage. Werzowa sammelt alte Synthesizer, und der Intel-Sound ist aus mehr als 40 Spuren mit elektronischen Hervorbringungen gemischt.

Alle Rechner in „Jurassic Park” neu gestartet
Ein anverwandtes Mikrosound-Juwel ist der Startklang des Mac. Der Apple-Ingenieur Jim Reekes produzierte ihn zu Hause mit einem der legendären Synthesizer der Firma Korg, einer Korg Wavestation („Ich wollte einen richtig fetten Klang"). Zum ersten Mal zu hören war er 1991 in Apples Quadra 700. Der Ton ist auch beim Neustart nach einem Absturz zu vernehmen, und Reekes war sich der Problematik bewußt: „Ich wollte vermeiden, dass man den Sound mit dem Crash assoziiert."

Als die PowerMacs auf den Markt kamen, wurde von dem Jazz-Gitarristen Stanley Jordan („Magic Touch”) ein neuer Startgong eingespielt. Aber Reekes fand, der Sound habe keine Power. Als Steve Jobs 1997 zu Apple zurückkam, wollte er einen einheitlichen Sound für alle Macs. Und zwar den „guten”. So kam Reekes alter Startgong wieder zu Ehren. Jim Reekes erzählt, das Allergrößte sei für ihn die Szene in „Jurassic Park” gewesen, in der die Computer des Parks alle neu gestartet werden – mit seinem Startklang.

Fahrstuhlmusik für Microsoft
Auch das Startgeräusch von Microsofts Windows 95 wurde einem kunstvoll ausbalancierten Haufen elektronischer Instrumente entlockt. Brian Eno, der Erfinder der Fahrstuhlmusik, hat es komponiert. Eno ist ein richtiger Künstler, er hat beispielsweise einmal in das berühmte Pissoir von Marcel Duchamp uriniert. „Die Leute von der Werbeagentur sagten: Wir wollen einen inspirierenden, universellen, optimistischen, futuristischen, emotionalen blabla-en Sound. Eine Liste von über 150 Adjektiven. Und dann sagten sie: Und er soll dreieinviertel Sekunden lang sein.” Für das Windows-Startgeräusch bekam er 35.000 Dollar. Wie Eno später in einem BBC-Interview verriet, hat er den Windows-Eröffnungssound an einem Mac komponiert. Er selbst habe noch nie einen Windows-PC verwendet, so Eno weiter.

Windows 8 – tonlos oder klangvoll?
Mit Windows 7 und Vista nutzen erstmals zwei Betriebssystem-Generationen den gleichen Startsound. Im Vergleich zu den Vorgängern wurde er etwas kühler, technischer und moderner. Dennoch lässt sich nicht behaupten, dass Microsoft der Sound von Windows egal geworden wäre: Vor der Veröffentlichung von Vista gab es erhebliche Bemühungen, den Startsound geheim zu halten.

Diese Tradition wird nun auch bei dem kommenden Windows 8 gepflegt. Im Netz kursieren verschiedene Versionen des angeblichen Windows-8-Startgeräuschs, von denen nicht immer klar ist, wie weit es sich um Schöpfungen von Amateur-Virtuosen handelt. In Foren suchen Nutzer von Vorabversionen Rat, weil sie oft überhaupt nichts hören, wenn das neue Betriebssystem hochfährt. Auf dem YouTube-Video einer Developer Preview  sind neben der affenartigen Bootgeschwindigkeit auch andeutungsweise Klänge zum Start der neuen Metro-Oberfläche zu vernehmen.

Auch beim tausendsten Mal nicht nervig
Die Mikromelodie für die bislang letzten Windows-Versionen hat jedenfalls der britische Gitarrist Robert Fripp, der in den Sechzigerjahren mit seiner Band „King Crimson” bekannt wurde. Nach 18 Monaten Produktion brachte er vier Sekunden Sound ans Ziel. Der Auftrag, den richtigen Ton zu treffen, war von dem Ingenieur und Musiker Steve Ball gekommen, der bei Microsoft für die „Windows Audio Visual Excellence“ (WAVE) zuständig ist. Ball hat früher bei Fripp studiert, danach waren die beiden Geschäftspartner.

Ehe es die endgültigen vier Sekunden beschlossen worden waren, hatte man bei Microsoft auch andere Sounds ernsthaft in Erwägung gezogen, darunter einen längeren, satteren und einen schnellen, technomäßigen. Viele Milliarden Mal würde der Jingle - einer von 45 Betriebssystemsounds - zu hören sein, „und die Leute sollen ihn auch beim tausendsten Mal noch mögen.” Angesichts der vielen Zeit, die in die Entwicklung der Nano-Overtüre gegangen ist, war bemerkenswert, was Steve Ball als ein Zeichen für den Erfolg der Komposition ansehen würde – nämlich „wenn die Leute sie kaum wahrnehmen würden. Oder überhaupt nicht.”

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