Meinung
03/28/2015

Radium auf der Mütze

Überwachung ist eine Grundlust des Menschen. Alle wüssten doch im Grunde gerne mehr über ihre Mitmenschen, als es der Anstand erlaubt.

Von allen Seiten werden wir überwacht, und das noch auf kränkende Weise. Die NSA interessiert sich nicht einmal mehr für die Inhalte unserer Telefongespräche, nur noch für die Metadaten. Während man früher seine persönliche Wichtigkeit diskret andeuten konnte, indem man fallen ließ, dass man es im Telefon knacken gehört habe, anders gesagt: dass man wichtig genug war, um abgehört zu werden, interessiert sich heute keine Sau mehr für einen. Dabei, und ich spreche jetzt ein Tabu an, kann Überwachung doch richtig Spaß machen.

Neulich gab es die Geschichte mit dem Enthüllungsjournalisten, der als Journalistenlehrling heimlich Gespräche mit seinem Chef aufgezeichnet hatte, sie acht Jahre später wegen moralischer Unerträglichkeit in seinem Blog veröffentlichte und kurz darauf dabei erwischt worden sein soll, wie er in der Redaktion seines nachmaligen Arbeitgebers, der TAZ, einen USB-Stick mit einem Keylogger unauffällig verschwinden lassen wollte. (Mit einem Keylogger läßt sich jeder Tastendruck an einem Computer aufzeichnen). Es ist doch eine Freude, ein guter Mensch und dem Bösen auf der Spur zu sein.

Ich will mich outen: Ich habe als Kind einen Detektivclub gegründet. Gemeinsam mit meinem besten Freund [Name geschwärzt] wollte ich meinen an Astrid Lindgrens Kalle-Blomquist-Romanen geschulten Spürsinn verfeinern und meiner insgesamten Neugierde einen erwachsenen Rahmen verleihen. In „Kalle Blomquist lebt gefährlich“ etwa wird der zu Besuch weilende Onkel Einar von einer Kindertruppe als Schurke überführt, der Diebesgut in einer Höhle bunkert.

Man war damals umgeben von unbekümmerten Einladungen zur Erkundung, etwa der berühmten Röntgenbrille, die auf den Umschlaginnenseiten von Groschenheften mit der Zeichnung eines bekleidetes Mädchens, dessen Körpersilhouette unter dem Kleid sowie eines enthusiastischen Röntgenbrillenträgers veranschaulicht wurde. (Die Brille soll übrigens nur in der Einbildung funktioniert haben).

In der Donald Duck-Geschichte „Verirrt!” aus dem Jahr 1956 wird ein Campingurlaub dokumentiert, bei dem Donald seine drei Neffen stolz mit den damals modernsten Mitteln am Unbeobachtetsein hindert: Die Kinder tragen hierzu jeweils eine kleine Kugel Uran auf ihren Mützen. Mit einem handlichen Geigerzähler kann Donald sie bequem aus der Hängematte heraus einpeilen. Der Versuch verläuft allerdings unglücklich – zuletzt spürt Donald anstelle eines Neffen nur dessen verlorene Mütze in einer Höhle auf, die von einem übellaunigen Grizzlybären bewohnt wird.

Mafiosi und das Paradies

Was damals Tick, Trick und Track war, ist heute Tracking. Und immer noch macht es Vergnügen, seinen Nachwuchs mit pfiffigen Gadgets zu überwachen, etwa dessen Internet-Aktivitäten mit einem sogenannten SnoopStick, der nichts anderes ist als – ein Keylogger. Um die Dimension des Eingriffs zu verdeutlichen: Ein Keylogger wurde das erste Mal im Jahr 2002 prominent genutzt, um den New Yorker Mafioso Nicodemo Scarfo Jr. zu überführen, der mit illegalem Glücksspiel Geld scheffelte.

Das allerneueste Spielzeug heißt Geofencing, eine Art digitaler Zaun. Damit lassen sich gezielt geografische Bereiche, Bezirke oder Areale erzeugen. Die zu Twitter gehörende Firma Whisper Systems entwickelt gerade eine App namens Zones, mit der man seine Welt auf einer Karte in beliebige Zonen aufteilen kann. Taucht das Smartphone des Nutzers in einer solchen Zone auf oder verläßt es sie, wird automatisch eine festgelegte Aktion ausgeführt. Eltern können so beispielsweise für ihre Kinder einen Aufenthaltskorridor festlegen und sich alarmieren lassen, wenn dessen Grenze überschritten wird.

Unseren Detektivclub mußten wir übrigens nach einiger Zeit wieder einstellen, aus Mangel an Dunkelmännern. Es gab in der Siedlung nur gute Menschen. Das Paradies ist schrecklich langweilig.