Meinung 02.03.2013

Schluss mit Staubsauger-Sex

Für technisch immer raffiniertere Hardware bezahlen wir einen hohen Preis: schwindende Sinnlichkeit und Abschied vom Abenteuer

Früher war ein Staubsauger sowas wie die mechanische Version einer Seegurke, also etwas, das nur aus einem Verdauungssystem besteht. Vorne rein, Stoffwechsel, hinten raus. Fortschritte ließen sich nur im Kleinen bewerkstelligen. Die Geräte wurden leichter, das Kabel rollte sich von alleine ein. Die Einführung des beutellosen Staubsaugers galt als Revolution. Dann kamen die Roboter, und mit ihnen jene merkwürdige Ernsthaftigkeit, die viele Hightech-Produkte umgibt. „Du weißt, du lebst in der Zukunft, wenn es Software-Updates für Staubsauger gibt", kommentiert ein User den Hinweis auf den Saugroboter Kobold VR100 der Firma Vorwerk und die dazugehörige Website.

Die Paris Hilton unter den Staubsaugern
Das Haushaltsgerät, das an ein fahrbares Klobrett erinnert, lässt sich mit dem aktuellen Software-Update nunmehr verbessert „Wieder-Andocken an die Basis-Station nach unterbrochenem Kontakt, z.B. nach versehentlichem Ziehen des Netzsteckers". Auch die Bodenerkennung wurde optimiert. Ähnlich wie eine Cruise Missile muß ein autonomer Staubsauger gleichfalls sein Gelände kennen. Auch das verbesserte „Abspeichern von Treppenkanten und anderen Höhenunterschieden in der Virtual Map" macht schon durch die Wortwahl unmissverständlich klar, dass intelligenzgestütztes Saugen eine ernste Sache ist.

Dabei hat die Marke Kobold eine geradezu aberwitzige Vergangenheit. Der Kobold ist quasi die Paris Hilton unter den Staubsaugern.

Staubsauger Technisches Museum
© Bild: Gerhard Deutsch

Nutzeruntypischer Umgang mit Technik
Mitte der Achtzigerjahre entdeckte ein Mitglied des Chaos Computer Clubs ( CCC) in einem alternativen Magazin einen Artikel über Masturbation mit dem Staubsauger. Nun ist nutzeruntypischer Umgang mit Technik etwas, an dem Hacker stets vorurteilsfrei interessiert sind. Also wurde der Artikel in das Bildschirmtext-Angebot des CCC übernommen. Anfang 1986 verklagte die Firma Vorwerk den CCC wegen einiger der Aufklärung dienenden Erläuterungen zu dem verwendeten Saugertyp, sie seien ein „Ergebnis abwegiger Phantasie", genau wie die angebliche Quelle für den Beitrag – eine 1978 in München erschienene Dissertation eines gewissen Theimuras Michael Alschibaja mit dem Titel „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern".

Ein stechender Schmerz
Es sei „schwer vorstellbar", so der Anwalt von Vorwerk, "dass deutsche Universitäten derartig abwegige Themen vergeben". Wie sich herausstellte, tun sie genau das – die akademische Arbeit des Mediziners georgischer Abstammung war penibel recherchiert und echt. Auszug:

„Der Vater des in Fall 14 vorgestellten Patienten stellte seinen Sohn am Tag, an dem dieser nach der bekannten Penisverletzung aus dem Krankenhaus entlassen worden war, zur Rede. Er wollte nicht glauben, dass er sich seine Penisverletzung mit einem Staubsauger beigebracht habe. ... Am nächsten Tag beschloss er zu prüfen, ob eine derartige Verletzung mit einem Staubsauger möglich sei. Er steckte zu diesem Zweck seinen Penis in einen laufenden "Kobold"-Staubsauger. ... Er spürte einen stechenden Schmerz."

Vorwerk zog die auf 500.000 DM bezifferte Schadenersatzklage wieder zurück. Die Kobold-Modelle waren übrigens bereits damals einer technischen Revision unterzogen worden, die Verletzungsgefahren nunmehr ausschloß.

Abschweifungen
2004 erlangte die Geschichte die höheren Weihen der Popkultur, als Charlotte Roche und Christoph Maria Herbst mit Lesungen aus Alschibajas Dissertation erfolgreich auf Tournee gingen. Dabei kam es unter den männlichen Zuhörern zu gelegentlichen Ohnmachtsanfällen. Charlotte Roche erwarb sich die literarische Basiskompetenz, die sie danach in ihrem Bestseller „Feuchtgebiete" ausspielen konnte. Bei Feuchtgebiete-Lesungen fielen auch Frauen in Ohnmacht.

Aber ich schweife ab.

Die Stürme der Erotisierung sind über den kleinen Cyber-Staubsauger längst hinweggebraust. Als Roboter ist er desexualisiert, ein unschuldiges Neutrum, dessen „aktualisierte Display-Texte und Fehlermeldungen" sich nicht einmal durch die dazuassoziierte Loriot-Szene mit dem Staubsaugervertreter („Es saugt und bläst der Heinzelmann") ihrer Nüchternheit entreißen lassen.

Auf bedrückende Weise macht uns das Bodenreinigungsgerät - das nur unter Windows läuft - klar, wie die Zukunft aussehen könnte: technisch immer ausdifferenziertere und smartere Hardware zum Preis schwindender Sinnlichkeit. Keine Apparate-Abenteuer mehr. Die interaktionsfähige Automatisierung macht den rüsselnden Roboter zum sozialen Medium: „Sie brauchen Hilfe? Wir daten den Saugroboter für Sie up!"

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

( Peter Glaser ) Erstellt am 02.03.2013