Meinung
24.01.2017

Tot, aber lebensrettend

Wer sich mit dem Thema Organspende beschäftigt, stößt auf wilde Schauermärchen. Das ist verständlich, aber aus wissenschaftlicher Sicht völlig unnötig.

Sie sehen nicht wie Leichen aus. Wenn Organspender nach dem Hirntod in den Operationssaal geschoben werden, dann ist ihr Herz noch am Schlagen. Dank künstlicher Beatmung hebt und senkt sich der Brustkorb, die Haut ist rosig und warm. Man könnte sie für Komapatienten halten, doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Ihr Gehirn, das Organ, mit dem wir denken, fühlen, Schmerz empfinden und Zukunftspläne schmieden, hat bei ihnen aufgehört zu arbeiten – und zwar unwiderruflich, für immer.

Ich hätte da was abzugeben …

Organspenden sind eine tolle Sache, darüber sind sich heute die meisten Leute einig. Organe, mit denen ihre ursprünglichen Besitzer nichts mehr anfangen könnten, retten das Leben von anderen Patienten. In Österreich werden jedes Jahr einige hundert Organe transplantiert, in Deutschland sind es tausende. Es ist eine wunderbare medizinische Erfolgsgeschichte.

Trotzdem gibt es Leute, die sich gegen Organspenden einsetzen – teilweise mit schaurigen Begründungen: Die Organspender seien ja noch gar nicht wirklich tot, daher würden sie beim Entnehmen der Organe schreckliche Schmerzen erleiden. Oder man begibt sich gleich auf das Niveau alter Geistergeschichten und behauptet, dass mit den Organen auch ein Teil der Seele verpflanzt wird, oder dass die Toten ohne innere Organe nicht zur Ruhe kommen können.

No Brain, no Pain

Die Angst, dass Organspender bei der Entnahme entsetzliche Schmerzen spüren, ist völlig unbegründet – schließlich ist eine Organspende nur dann erlaubt, wenn das Gehirn nachweislich nicht mehr funktioniert. Ohne die Schmerzzentren im Gehirn ist jedes Schmerzempfinden aber genauso unmöglich wie Tiefseetauchen ohne Tiefsee. Der Hirntod ist heute durch verschiedene Methoden gut diagnostizierbar, man muss sich daher keine Sorgen machen, fälschlicherweise für hirntot erklärt zu werden, obwohl man noch Schmerz empfindet.

„Warum werden dann hirntote Patienten vor der Organentnahme narkotisiert?“ fragen dann Gegner der Organspende und wittern bösartige Verschwörungen. Die Antwort ist recht einfach: Tatsächlich werden die Spender anästhesiert – aber nicht um Schmerzen zu betäuben, sondern um Muskelzuckungen zu verhindern. Man kennt das Phänomen von geköpften Hühnern, die noch ein paar Sekunden lang mit den Flügeln schlagen oder ihre Beine bewegen können.

Auch andere Körperreaktionen sind nach dem Hirntod noch möglich: So steigen beim Öffnen des Oberkörpers tatsächlich Pulsfrequenz und Blutdruck – das liegt an Reflexen, die vom Rückenmark ausgehen. Mit Schmerz oder bewusster Empfindung hat das nichts zu tun.

Belastete Angehörige

Ab und zu wird auch von angeblich „schmerzverzerrten Gesichtern“ der Organspender berichtet – das lässt sich manchmal durch Beatmungsschläuche im Mund erklären, oder einfach dadurch, dass emotional belastete Angehörige einfach nicht die verlässlichsten Augenzeugen sind. Es ist völlig verständlich, wenn manche Leute in einer solchen Situation die Wirklichkeit nicht ganz so wahrnehmen, wie sie tatsächlich ist.

Und genau darauf muss man Rücksicht nehmen, wenn man über Organspenden diskutiert. Es geht dabei nicht in erster Linie um das Wohl der Spender – denn ihnen hätte man nach dem Hirntod leider ohnehin nicht mehr helfen können. Feinfühlig umgehen muss man allerdings mit ihren Hinterbliebenen. Wer im Krankenhaus, im schlimmsten Fall vielleicht sogar unter Zeitdruck, die Erlaubnis erteilen muss, einem nahen Verwandten Spenderorgane zu entnehmen, der hat eine schwere psychische Belastung zu tragen. Später zu grübeln, ob das auch wirklich die richtige Entscheidung war, ist ganz normal.

Solchen Leuten sollte man Mut und Trost zusprechen: Ja, es war die richtige Entscheidung. Organspender leiden keine Schmerzen, man fügt ihnen keinen Schaden mehr zu, aber man kann mit ihren Organen anderen Menschen das Leben retten.

Schauermärchen

Wenn man den Angehörigen stattdessen schaurige Lügenmärchen erzählt – von schmerzverkrümmten Spenderleichen, von angeblich spontan ergrauten Haaren oder von wild zuckenden Organspendern, die sich mysteriöserweise gegen die Organspende zur Wehr setzen – dann richtet man mit unwissenschaftlichen Falschaussagen schlimmen seelischen Schaden an.

Dasselbe gilt für die Empfänger von Spenderorganen. Auch ihnen werden manchmal abstruse Ängste eingeredet: Was geschieht, wenn man das Herz eines hartherzigen Menschen eingepflanzt bekommt? Kann man mit einem fremden Herzen noch dieselben Leute lieben wie vorher? Ist in einer Spenderniere vielleicht auf mystische Weise ein Stück Seele des verstorbenen Spenders enthalten?

Natürlich ist das alles Unfug. Hier zeigt sich leider, wie tief wir auch im modernen Zeitalter noch in altertümlichen, vorwissenschaftlich-mystischen Gedankenbildern feststecken, und dass solche Gedankenbilder sehr reale, schädliche Auswirkungen haben können.

Wenn das Gehirn aufgehört hat zu arbeiten, dann sind vielleicht andere Teile unseres Körpers noch am Leben – aber wir als Person sind nicht mehr da und kehren nicht wieder zurück. Dass bestimmte Organe danach noch anderen Leuten das Leben retten können, ist eine wunderschöne Sache, die man mit dummen Bildern aus billigen Horrorfilmen nicht schlechtreden sollte.

Mehr zu diesem Thema: Ein ausgezeichneter Vortrag von Dr. B. Matenaer von der GWUP:

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

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Florian Aigner hat mit "Der Zufall, das Universum und Du" außerdem ein neues Buch veröffentlicht. futurezone-Leser, die bis 24. Jänner, 23:59 Uhr ein Mail mit dem Betreff "Wissenschaft und Blödsinn" an redaktion@futurezone.at und uns verraten warum gerade sie ein Exemplar verdient haben, haben die Gelegenheit ein Exemplar zu gewinnen. Wir verlosen insgesamt drei Stück.

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