Meinung
05.08.2011

Unsocial Games: Sucht und Selbstausbeutung

Onlinespiele sind für ihre Betreiber eine Goldgrube. Die Community überweist nicht nur willig reales Geld, um es in virtuelle Währung zu tauschen, sie arbeitet auch noch kostenfrei fleißig mit.

Im April 2011

zwei US-Investoren die Mehrheit am deutschen SpieleanbieterBigPoint( BP), taxiert wurde das Unternehmen darauf folgend mit 600 Millionen US-Dollar. Die Umsätze beliefen sich 2009 noch auf 52 Millionen Euro, wuchsen aber schon im Jahr 2010 auf eine dreistellige Summe an, der Gewinn betrug stattliche zwölf Millionen. Das in Hamburg gegründete Unternehmen erwartet, ebenso wie US-Marktforscher, ein stetes Wachstum im Bereich Onlinespiele. Neben den Geldern, die für so genannte Einsteigerpakete, die beispielsweise über diverseBuchlädenerworben werden können, sind es vor allem die Investitionen der Spieler, die diesen Gewinn ermöglichen. Erst kürzlich vermeldeteFarmerama, das Aushängeschild des Unternehmens, den 30 Millionsten Spieler.

Ein endloses Spiel ohne Ziele
Das Spiel basiert im wesentlichen auf der Idee der Wirtschaftssimulation. Erfolgreiche Spiele wie „Wurzelimperium“, „FarmVille“ oder auch „Farmerama“ setzen auf ein immer weitergehendes Spiel ohne fixiertem Ausgang und finalem Ziel. Ähnlich wie bei den „Sims“ ist es eine virtuelle Puppenstube, die mit viel Liebe, Geduld und Geld ausgestattet wird. Bei „Farmerama“ passiert dies in Form eines Bauernhofes samt angeschlossener Stadt und einer Insel. Spielzweck ist, den Hof am Leben zu erhalten. Der Aufstieg in neue Level bringt umfangreichere Möglichkeiten des Anbaus und der Tierzucht sowie der damit verbundenen komplexen Logistik.

Aufgrund dieses Spielprinzips bemerkt der Spieler schnell, dass es nicht so leicht ist, den Überblick zu behalten. Er stößt nicht nur real zeitlich, sondern auch virtuell räumlich an seine Grenzen. Hierfür hat sich Bigpoint Lösungen einfallen lassen: Virtuelle Erntehelfer sind ebenso verfügbar wie die Chance, den zur Verfügung gestellten „Bauernhof“ zu erweitern. Hier beginnt die Rolle der „Community“.

Die Gemeinschaft als zentraler Bestandteil
Ohne die Community geht bei Farmerama kaum etwas. Schon wenn die „Wilde Wiese“ aufgeräumt werden muss, geht dies nur mit Hilfe von „Nachbarn“. Sie müssen über das Forum gefunden und durch virtuelle Geschenke und Glückwünsche dazu bewegt werden, im Spiel aktiv zu werden. Der Spieler selbst, eingebunden in diese „Community“, wird selbst zum virtuellen Aktivposten für die anderen. Dies sorgt verbunden mit dem „Erfolgsgefühl“ bei bestandenen Herausforderungen und der steten Weiterentwicklung des Spiels für einen hohen Suchtfaktor – und in rascher Folge zu fast schon sektiererischem Verhalten.

Einladungen, beim Spiel mitzumachen, ähneln dem oft schon hysterischen Tonfall jener Mails, die einen dazu animieren, sterbenden Hunden aus der Tötung in Griechenland zu retten oder aber einem an Leukämie erkranktem Jugendlichen durch eine Knochenmarkspende zu helfen.

„Oh, bitte hilf mir – ich bin schon so weit in dem Spiel und jetzt fehlt mir noch ein Nachbar und wenn du dich neu anmeldest, dann kann ich dir auch einen Bonuscode geben, du musst auch wirklich kein Geld investieren, aber bitte hilf mir, ja?“

„Das Spiel ist der Wahnsinn, wirklich. Ich habe so viel Spaß damit und kann dir nur sagen, du wirst es lieben. Es gibt einem so viel und die Community ist toll, du kannst reden, neue Leute kennenlernen und das alles nebenher. Ich brauche dich da wirklich. Die meisten meiner Freunde sind auch schon dabei und wir hoffen alle, dass du mitmachst.“

Geld regiert die Farmer-Welt
Natürlich muss niemand wirklich bei Farmerama reales Geld investieren, doch BigPoint und Konkurrenten wie Zynga bieten überall die Möglichkeit an, durch das Investieren von „realem Geld“ virtuelles Guthaben zu erwerben; mittels dessen dann die virtuellen Pflanzen und Futtermittel, Bauernhofverschönerungsartikel sowie das schnelle Beenden eines ansonsten nicht erreichbaren Quest möglich wird. Die Bezahlmöglichkeiten sind vielfältig – Sofortüberweisung, Kreditkarte, per Handy und bieten selbstverständlich auch die Möglichkeit, nur Kleinbeträge zu investieren.

Dass BigPoints Versuch aus dem Spielprinzip reales Geld zu erwirtschaften, zu Frustration bei den Spielern führt, lässt sich im angeschlossenen Forum ablesen, in dem über nicht erledigte Quests und der Wut, weil man Geld ausgeben müsste, so debattiert wird, als ginge es um Leben und Tod. Denn es ist ja „ihr“ Spiel, ihre Community. Diese Identifizierung mit dem Spiel führt direkt zur Selbstausbeutung der Spieler. Als Puffer zwischen Spielern und BigPoint dienen die Moderatoren. Sie deeskalieren, loben, beschwichtigen, geben Hinweise und leiten natürlich Kritik usw. weiter. Sie sind somit der „Second Level Support“, der vor den „First Level Support“ geschaltet wird.

Moderatoren als freiwilliger Puffer
Die Identifikation der Moderatoren mit dem Spiel und der Firma ist hoch. Sie bemühen sich zwar, der Kritik oft deeskalierend entgegenzutreten, aggressives Verhalten ist aber ebenso oft anzutreffen. Weshalb sich die Frage stellt, wieso BigPoint hier nicht besser geschultes Personal einsetzt um auch innerhalb des Forum für mehr Qualität sorgt. Auch die Kommunikation zwischen BigPoint und Moderation ist oftmals zu beklagen, so dass es zu Missverständnissen und Verwirrungen kommt. Um zu beurteilen, ob mehr Geld in Moderatoren investiert werden sollte, ist es natürlich essentiell zu wissen, wie hoch die derzeitige Vergütung für Moderatoren ist. Die Antwort auf diese Frage ist nicht wirklich überraschend: die Moderatoren arbeiten laut eigener Aussage in ihrer Freizeit, sie erhalten weder virtuelles noch reales Geld dafür.

Das Unternehmen verdient
BigPoint hat es erfolgreich geschafft, die „Community“ nicht nur als Geldinvestor einzubinden, sondern es hat auch noch Menschen gefunden, die bereit sind, hier für ein immerhin mehr als lukratives Unternehmen umsonst zu arbeiten. Der Stolz, ein Moderator zu sein, lässt dann bei einigen Moderatoren auch eher Unwillen ob des Verhaltens der Nutzer, denn ob der Tatsache, dass sie sich so einfach selbst ausbeuten lassen, aufkommen. Interessant dabei ist, wie stark die Identifikation funktioniert – ein Arbeitslosengeld-Empfänger, der noch wütend gegen die 1-Euro-Jobs, die er für „reine Abzocke“ und „Ausbeutung“ hält, teilte  mir vor kurzem mit, dass er gerne Moderator werden würde, da er ja da ein „gutes Werk täte“. Nun ist soziales Engagement keineswegs zu verachten, doch inwiefern die unentgeltliche Moderatorentätigkeit für ein immerhin etliche Millionen Euro Gewinn einstreichendes Unternehmen als solches gewertet werden sollte, ist fraglich.