Kommentar
03/21/2011

USA steuert auf GSM-Monopol zu

Mit der Übernahme von T-Mobile USA sucht AT&T einen Ausweg aus seiner Bandbreitenkrise. Ein übermächtiger Markführer bedeutet für Kunden schlechte Nachrichten: höhere Preise und noch weniger Wettbewerb.

Die Sonntagabend verkündete 39-Mrd.-Dollar-Übernahmeplan von T-Mobile USA durch AT&T könnte im US-Mobilfunkmarkt keinen Stein auf dem anderen lassen. Nicht mehr als ein Detail am Rande sind da die Werbespots der letzten Wochen, die wohl über Nacht verschwinden dürften: ein fesches T-Mobile-Mädel, das geplagte iPhone-User des Konkurrenten bedauert: schickes Handy, aber schleppendes Netz.

Überlegene Marktführerschaft

Die USA sind groß, ein landesweites Mobilfunknetz aufzubauen und auf modernem Stand zu halten, geht ins Geld und macht Shareholder nervös. Die Belastung steigt mit stagnierender Kundenzahl, und T-Mobile schaffte es zuletzt nicht einmal gegenüber Sprint - mit 49,9 Mio. Kunden, die Nummer drei am Markt - an Boden zu gewinnen. Ganz außer Reichweite operieren AT&T mit 95,5 Mio. und Verizon mit 94 bis 102 Mio. Benutzern (letztere Zahl inkludiert Kunden ohne Telefonvertrag). Sollten die Regulatoren den Deal absegnen, entsteht mit den 33,7 Mio. Kunden von T-Mobile eine überlegene Nummer eins, die drei Viertel des aktuellen Markes abdeckt.

AT&T würde die zusätzliche Größe noch mehr Gewicht bei Verhandlungen mit Hardware-Herstellern verleihen, als dies bisher schon der Fall war - Stichwort iPhone-Exklusivvertrag. Auf Kundenseite dürfte geringerer Wettbewerb weniger Innovation bedeuten. An Beispielen fehlt es nicht: diese reichen von der turbulenten Unternehmensgeschichte von AT&T bis zur Autoindustrie (General Motors, Ford, Chrysler). Bereits jetzt schon zieht sich AT&T mit versteckten Gebühren und überhöhten Preisen auf Taktiken zurück, die Konsumentenschutzorganisationen als kundenfeindlich einstufen.

Mobiles Breitband im Bedrängnis

Allen voran will AT&T mit der Übernahme sein mobiles Bandbreitenproblem entschärfen. Dass iPhone-Besitzer ihr Handy unterwegs für mobile Datenübertragung nutzen würden, schien AT&T nachhaltig zu überraschen. In Städten wie New York, San Francisco oder Washington lässt sich die verfügbare Bandbreite längst nicht mehr als 3G bezeichnen. AT&T führt eine Zunahme des mobilen Datenverkehrs in den letzten vier Jahren von 8000 Prozent an. Die Frequenzen von T-Mobile sollen die „explosive Nachfrage“ decken - allerdings nicht sofort. T-Mobile verwendet zwar bei GSM dieselben Frequenzen wie AT&T (850/1900 Megahertz), was nach der Übernahme zu einer Verbesserung der Sprachqualität und weniger Gesprächsabbrüchen führen dürfte. Bei mobilem Breitband greift das Unternehmen jedoch auf 1700/2100 MHz zurück. Mittel- und langfristig würden sich die beiden bei einem Standard namens „4G Long Term Evolution“ treffen. Durch die zusätzliche Abdeckung an Funkzellen könnte sich die Umsetzung von 4G LTE beschleunigen.

Hochpreisland für Mobilfunk

Mit Europa können die US-Mobilfunktarife nicht mithalten. Knapp über zehn Dollar Grundgebühr (etwa „Hallo 1000“ von Orange) für eine Kombination aus Daten- und Telefoniediensten scheinen derzeit undenkbar. Insgesamt sind die Preisunterschiede bei den großen Anbietern eher gering, wenngleich T-Mobile zu den günstigeren Alternativen zählt. Die technologischen Unterschiede - AT&T und T-Mobile setzen auf GSM, Verizon und Sprint auf CDMA - bedeuten zusätzliche Wettbewerbsbarrieren. Umso wichtiger scheint AT&T in einer Aussendung zur Übernahme der Hinweis, dass die US-Mobilfunkindustrie auf einem der „kompetitivsten Märkte der Welt“ agiere und das auch nach dem Deal so bleiben werde.

Die angeführten Argumente sind fadenscheinig: da wird ein Bericht des U.S. General Accounting Office zitiert, wonach die Preise für Mobilfunkdienste zwischen 1999 und 2009 um die Hälfte gefallen seien und das, obwohl es in der Zeit „fünf große Merger“ gegeben hätte. Ebenso gäbe es in 18 der 20 wichtigsten US-Märkte für Konsumenten zumindest fünf Anbieter zur Auswahl. Vergleichszahlen zu anderen Märkten hinsichtlich des Preisverfalls werden ebenso verschwiegen wie die zahllosen weißen Flecken auf der Landkarte ohne Handyempfang.

Economies of Scale

Sollten die Regulatoren vom U.S. Department of Justice und der Federal Communications Commission die Übernahme absegnen - für das Procedere wurde ein Jahr veranschlagt -, würde dies für AT&T kräftige Einsparungen bedeuten. Diese reichen von der Schließung überzähliger Geschäfte bis hin zum reduzierten Marketingaufwand. Zwar traut den Regulatoren, insbesondere vor einem Wahljahr, derzeit kaum jemand Rückgrat zu. Vereinzelte Stimmen, darunter ein Analyst von Credit Suisse, Jonathan Chaplin, der im Wall Street Journal zitiert wird, hält es zumindest für möglich, dass die FCC dem Mobilfunkriesen kräftige Preisnachlässe für Kunden abverlangen könnte.

AT&T versucht indes bei der Regierung lieb Kind zu machen. In Richtung des Präsidenten erklärte das Unternehmen am Sonntag, dass der 4G LTE-Ausbau „zusätzlich 6.5 Mio. Amerikaner“, viele davon in ländlichen Gegenden, mit mobilem Breitband versorgen würde und Obama seinem Ziel näher käme, „jeden Teil der USA für das digitalen Zeitalter zu erschließen“. Anders formuliert: Das Unternehmen verspricht 6,5 Mio. Kunden zu versorgen, an denen es derzeit kein großes Interesse zeigt.

Ganz andere Ideen gehen Marktbeobachter Chaplin durch den Kopf: Sollte der Deal platzen, würde T-Mobile drei Mrd. Dollar „Abfindung“ bekommen. Die sei zwar nicht viel angesichts des gesamten Marktvolumens. Allerdings sei der Preis angemessen, um ein Zusammengehen von Sprint und T-Mobile, über das seit langem spekuliert wird, ein weiteres Jahr zu verhindern.