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Meinung
09/07/2012

Valley Blog: Von Dauer-Pitchen und Berglöwen

Florian Kondert, COO beim heimischen Softwareunternehmen Semantic Web Company, bloggt drei Monate lang für die futurezone aus dem Silicon Valley. Einmal pro Woche gibt es News darüber, was man als Jungunternehmer dort lernt, wie das Valley tickt und welche Chancen österreichische Start-ups in der Welt von Google, Apple und Co. haben.

Die zwei bisher sehr intensiven Monate im fernen Silicon-Universum haben einen starken Eindruck hinterlassen und ich merke, wie mein Kopf brummt vor lauter "umherfliegenden" Kontakt-Meteoriten. Dennoch – von einer Woche auf die andere wollen mir jetzt beim Schreiben zunächst keine „besonderen" Themen mehr einfallen, die ich als sehr berichtenswert erachte. Vielleicht hat sich mein „Wow-Filter" schon abgenutzt?

Dabei bleiben so viele Dinge wirklich eigenartig, wenn ich die Österreichbrille wieder aus dem Gepäck hole: Wie zum Beispiel die Orangen, Zitronen, Grapefruits und Feigen, die in der Nachbarschaft wachsen und die ich beim Vorbeigehen manchmal von einem nicht bewohnten Grundstück vom Baum pflücke, während mich die Eichhörnchen neugierig beobachten. Oder die siebenspurige Straße mit dem Zebrastreifen (ohne Ampel) gleich um die Ecke, wo die Autos dennoch einfach weiterfahren, wenn man am einen Ende des Zebras wartet. Oder aber die Tatsache, dass ich jetzt bei einem leichten Tröpfeln von oben merke, dass seit über zwei Monaten absolute Trockenzeit herrschte. Prompt geht dabei der Strom aus. Kalifornische Häuser sind offensichtlich nicht auf Regen vorbereitet.

Cosmopolitan
Dass ich Morgens eine halbe Papaya esse, um 8 Uhr ein web-meeting mit einer österreichischen Firma habe (im Starbucks nebenan wegen fehlendem Strom zuhause), Mittags nach Oakland zu einem potenziellen Partner fahre, und nachmittags ein weiteres virtuelles Meeting mit Toronto auf dem Plan steht (aus Logistik-Gründen im Café in Oakland), wird zur kosmopolitischen Normalität. Als Sahnehäubchen schließt der Tag ab mit einem Abend-Event auf der Dachterrasse des Plug and Play Tech Center - der Ecosummit Lounge im Rahmen eines EU-Programms im Bereich „Cleantech Entrepreneurship". Die Agenda des US-Roadshow-Abends (weitere Stopps sind Boston und Washington) startet mit 4 Rednern zur Eröffnung, danach folgen sportliche 13 Präsentationen von europäischen Cleantech-Startups. Und wer sich jetzt an dieser Stelle fragt, wie das an einem Abend gehen soll, dem sei gesagt: Startup heißt hier die Fähigkeit, seine Präsentation in 2 Minuten zu halten. Nach 120 Sekunden ist das Abendziel aber nicht erreicht – die Veranstaltung ist natürlich auch ausgelegt für „accelerate your business development, swap business cards and have some serious fun", wie es so schön auf der Eventwebseite steht. So ein Programm möchte ich gerne mal in Wien erleben.

Herbstfrische
Alle Achtung, die Ecosummit Lounge ist nur eines von acht Events, die im September allein im Plug and Play Tech Center veranstaltet werden. Die im letzten Beitrag erwähnte FallEXPO zählt auch dazu. Ich zwinge mich dazu, meine brummenden Meteoriten ruhig zu stellen, denn mein 3-Minuten Pitch für die Expo ist noch nicht fertig. Ich versuche, alle meine hier gewonnenen Erfahrungen für diese Präsentation zu mobilisieren und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, der alles bestimmenden Maxime folgend: was spricht die schnelllebige Silicon-Valley-Spezies am meisten an? Noch diese Woche werde ich als Generalprobe mein Ergebnis bei den EIRs (Experts in Residence) im Plug and Play Tech Center kredenzen. Auf deren Echo bin ich sehr neugierig, denn der folgende 13. September scheint für mich der letzte große Tag zu sein, um die Visitenkarten von vielversprechenden Neukunden zu jagen. Neukunden, deren Repräsentanten sich unter den über 500 Besuchern verstecken. Allein schon drei der Hauptsponsoren sind mir bereits bekannte potenzielle Kunden, das klingt wie Musik in meinen BizDev-Ohren (BizDev = amerikanischer Slang für Business Development). Und wie ich schon mehrfach strapaziert habe, ist eine Visitenkarte hier die einzige Möglichkeit, mit einer Firma in Kontakt zu kommen.

Vielleicht aber habe ich Glück, und es ergibt sich nächste Woche noch eine weitere Jagd-Möglichkeit: Die „DISRUPT SF 2012", veranstaltet von TechCrunch im San Francisco Design Center. Die Agenda strotzt nur so vor Celebrities! Die Spitzen von Google, Apple, Salesforce, Quora, Twitter, facebook, Box, Yahoo und vielen weiteren geben sich die Ehre und machen die Konferenz zu einem der feinsten Technologie-Schmankerln des Jahres. Auf Anraten einer Bekannten fülle ich also das Formular für Presseleute aus (schließlich bin ich - dank dieses Blogs - Korrespondent aus dem Silicon-Valley) und bin gespannt, ob ein Gratis-Ticket im meinem Email-Eingang wartet. Die normalen Tickets gehen für den stolzen Preis von 2.995 $ über den Ladentisch.

Abschalten
Um bei solchen Agenden einen kühlen Kopf zu bewahren, sollte man sich hin und wieder ein bisschen Raum schaffen, um zu atmen. Am besten funktioniert das für mich im Campbell Community Center, drei Meilen entfernt von meinem Wohnort. Das Center ist eine riesige Anlage mit Tennis-Plätzen, Fußball-Feldern, Laufstrecken, Schwimmbad, Fitness-Geräten und Sonstigem – frei zur Nutzung für alle und jeden, beneidenswert! Dort versammeln sich gemeinsam mit mir nach Feierabend viele, viele Leute und toben sich aus. Manche mit scheinbar professionellen Ambitionen und andere in Business-Kleidung und Laufschuhen, um einfach einige Runden zu spazieren, während sie munter in Ihre Headsets quasseln. Das Ganze ist so institutionalisiert, dass die oval-förmige Laufstrecke auf den inneren beiden Spuren mit Recht markiert ist mit „Runners only".

Eine wundervolle Wochenend-Variante heißt Wandern im Stevens Creek Reservoire, 15 Minuten mit dem Auto entfernt. Die hügelige Gegend ist wunderschön, die waldige, nach Eukalyptus duftende Atmosphäre zwingt zum Abschalten. Und auch an die Hinweisschilder für den Umgang mit möglicherweise auftauchenden Berglöwen und Klapperschlangen habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Die letzte Attacke einer der großen Katzen ist immerhin schon zwei Jahre her.

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