Meinung
09/24/2016

Warum Aliens Englisch können

Versteht man die moderne Welt besser, wenn man Programmiersprachen beherrscht?

Die Entwicklung von Linux war das erste erfolgreiche Beispiel für weltumspannendes, selbstbestimmtes Teamwork im Internet-Zeitalter. Es wurde zu einer Erweckungsbewegung – eine Software, die sich nicht nur als Funktionsgrundlage für Computerhardware versteht, sondern als Ausdruck einer geistigen und moralischen Erneuerung. Eine Lebenshaltung, die nach Gemeinsinn, Transparenz und Freiheit strebt.

Pfingstwunder meets Esperanto

So wie das altrömische Straßennetz mit seinen Wegweisern dem Apostel Paulus geholfen hatte, die Lehren und Bräuche der christlichen Ordensgemeinschaften zu verbreiten, verhalfen die Möglichkeiten der Online-Kommunikation vormals vereinzelten Programmierern zu einer neuen Art von Gemeinschaft. Tatsächlich kennt schon die Bibel den Traum, alle Sprachgrenzen zu überwinden: Als Pfingstwunder bezeichnet man die in der Apostelgeschichte beschriebene wunderbare Fähigkeit der Jünger, vom Heiligen Geist erfüllt mit einem Mal alle anderen Sprachen zu sprechen und zu verstehen.

Im 19. Jahrhundert wurde mit der Zunahme der internationalen Beziehungen auch das Problem der internationalen Verständigung dringlicher. Gelöst werden sollte es durch leicht erlernbare, neutrale Welthilfssprachen. Die erfolgreichste davon ist das 1887 veröffentlichte Esperanto. Versuche, eine internationale Bilderschrift zu entwickeln, reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz verfolgte die Utopie eines sprachunabhängigen Zeichensystems, das Gedanken „weltweit ohne Verzerrungen durch Sprachen und Kulturen“ ermöglichen sollte. Für Leibniz war das Denken eigentlich ein Rechenvorgang, also entwickelte er die Darstellung von Zahlen im dualen System, Null und Eins – die Funktionsgrundlage der modernen Computertechnik.

Digitales Analphabetentum

Versteht man die moderne Welt besser, wenn man Programmiersprachen beherrscht? Vor allem aus der Wirtschaft, die sich gern mehr Programmierer ausbilden lassen möchte, sind gelegentlich dramatische Aufrufe zu hören. Man drohe, in digitalem Analphabetentum zurückzubleiben. Vier Milliarden Dollar stellte US-Präsident Obama Ende Januar für die Förderung des Informatik-Unterrichts in amerikanischen Schulen in Aussicht. Oder um es mit Goethe zu sagen: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“

Was Science-Fiction-Autoren vorausgedacht haben, findet inzwischen seinen Niederschlag in der technischen Realität. 1945 beschrieb Murray Leinster in der Novelle „First Contact“ erstmals die Idee eines Übersetzungsgeräts, das alle bekannten Sprachen jeweils in der Sprache des Benutzers widergeben kann. Dass in Star Trek - eine TV-Episode und einer der Kinofilme tragen den Titel „First Contact“ - alle Außerirdischen Englisch verstehen, wundert niemanden, denn jeder weiß: die Crew verwendet den Universaltranslator, der jede Sprache verfügbar macht. Nun werden solche Fantasien langsam konkret. Noch recht grobkörnige und fehleranfällige Übersetzungshilfen wie Google Translate weisen zumindest die Richtung.

Die digitale Welt spricht Code

Vor 3.000 Jahren gab es auf der Welt etwa eine halbe Million verstreuter, kleiner Kulturen. Heute zählen die Vereinten Nationen 193 Staaten als Mitglieder, deren Kommunikation sich über Nachrichtenmedien, Großveranstaltungen und Entertainment immer weiter annähert und von denen aus netzweit in Programmiersprachen gesprochen und agiert wird.

Während die Nationalstaaten - mühsam, wie derzeit an der EU zu beobachten - einer Tendenz zur größeren Einheit zu folgen scheinen, kommt den Programmiersprachen auf dem Weg zur Welt-Verkehrssprache ihr prächtiges Wachstum in die Quere. Mehr als 2.500 Programmiersprachen wurden seit Mitte der Fünfzigerjahre entwickelt. Die beliebtesten davon haben Schwärme von Dialekten, Ablegern und Verzweigungen ausgebildet, alle ein kleines bisschen inkompatibel zueinander, ähnlich wie wenn jemand das Gefühl hat, sich im vermeintlich homogenen deutschen Sprachraum zu befinden und dann aber feststellten muss, dass er nicht wirklich weiß, was der Österreicher mit 50 Deka Karfiol meint. Oder wie es der Schriftsteller Egon Friedell auf den Punkt brachte: „Kultur ist Reichtum an Problemen.“