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Meinung
04/21/2012

Wem die Stunde schlägt 2.0

Mit den Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung läßt sich die Realität nicht nur beschönigen. Wenn die Trickserei schiefgeht, offenbaren sich erstaunliche Einblicke in die Mechanismen moderner Manipulation.

„Reality – what a concept!", sagt ein Mann, der irgendwo draußen in dunkler Nacht Bücher in einen brennenden Mülleimer wirft, um sich zu wärmen, in dem Film „Repo Men". Tatsächlich wird jener Teil der Realität, den wir durch die Medien herantransportiert bekommen oder den wir unsererseits emittieren, zunehmend formbar und fakebar.

Einfach eine Pyramide verschieben
Anfang der achtziger Jahre gab es in Zeitschriftenredaktionen die ersten, sündhaft teuren Geräte, mit denen sich Bilder digital manipulieren ließen. Der bekannteste Hersteller hieß Scitex, und so wie man heute bei retuschierten Bildern sagt, sie seien „photoshopped", hieß es damals, das Foto sei „scitexed". Der Sündenfall war im Februar 1982 auf dem Titelbild des - seit 1888 erscheinenden - Magazins „National Geographic" zu bestaunen. Es zeigte die Pyramiden von Cheops und Chefren in Gizeh – aber um beide Pyramiden passend auf das hochfomatige Cover zu kriegen, war die eine digital ein Stück an die andere herangerückt worden. Nicht nur Bildredakteuren war klar, dass damit ein neues Zeitalter begann.

National Geographic war einst gegründet worden, um der Allgemeinheit geografische Kenntnisse nahezubringen. Ein knappes Jahrhundert später lernte die Leserschaft eine abenteurliche neue Region kennen: die digitale Welt. 1988 - zufällig genau zum 100-jährigen Jubiläum von National Geographic - kam das Programm Photoshop auf den Markt, die Allzweckwaffe im Kampf um die besten, von lästigen Realitätsrestchen bereinigten Bilder. Heute werden in der Yellow Press Stars und Adelsdamen Babies in die Arme montiert, auf Propagandabildern vervielfältigen sich Raketen und Models schminken sich nicht mehr, sondern geben ihre Fotos dem Grafiker zur Bearbeitung.

Richtig interessant wird es, wenn etwas schiefgeht. In zahlreichen Sammlungen im Netz werden Photoshop-Desaster präsentiert, auf denen etwa hübschen, bildmanipulierten Produktpräsenterinnen an unerwarteter Stelle Gliedmaßen aus dem Körper wachsen, weil der Visual Artist vergessen hat, sie zu entfernen.

Die Armbanduhr des russischen Patriarchen
Aber auch Menschen, die dem schnöden Konsum-Tand gemeinhin unverdächtig sind, lassen sich von den leicht abwaschbaren Pixeln in Versuchung bringen. So kamen Anfang April Gerüchte auf, Patriarch Kirill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, habe einen Hang für irdischen Luxus. Der Gottesfürst, der sonst gern Bescheidenheit als hohe Tugend preist, scheint eine Vorliebe für Uhren des Schweizer Edel-Uhrmachers Breguet zu  haben (Kostenregion deutlich über 20.000 Euro). Protz mit Armbanduhren kennt man sonst eher aus anderen Branchen, man denke an die Rolex, das klassische Angeber-Zeiteisen. In einem Interview dementierte der Patriarch, er trage eine Uhr, die „klein, ordentlich", „russisch" und „nicht teuer" sei, Präsident Medwedew habe sie ihm geschenkt.

Blogger haben allerdings auf ein paar Fotos, die Kirill bei offiziellen Terminen zeigen, etwas genauer hingeschaut und Wundersames entdeckt. Auf den ersten Blick trägt der Mann, für den die Machtfülle Putins "ein Geschenk Gottes" darstellt, gar keine Armbanduhr; allerdings hat seine Oberbekleidung merkwürdig lange Ärmel. Dass die Fotos einer Photoshop-Reinigung unterzogen wurden, erkennt man erst mit Hilfe der glänzenden Tischplatte, auf der der Patriarchen-Unterarm ruht: in der Spiegelung ist die ausradierte Armbanduhr noch zu sehen.

Die Armbanduhr des chinesischen Amtsleiters
Vor einiger Zeit war ich nach Peking eingeladen zu einem Treffen mit chinesischen Internetexperten und Bloggern. Man fragte mich, ob ich etwas über Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen europäischen und chinesischen Bloggern sagen könne. Bei den Recherchen stieß ich auf ein paar Fotos, die in chinesischen Blogs kursierten. Auf den ersten Blick ziemlich langweilig, zeigen sie den Chef der Baubehörde in der Stadt Nanjing bei einem Meeting mit seinen Mitarbeitern.

Aber ein paar chinesische Blogger hatten genauer hingesehen und neben dem Beamten eine Packung einer - auch für europäische Verhältnisse - ungewöhnlich teuren Zigarettenmarke entdeckt. Eine Schachtel davon kostet umgerechnet etwa 20 Euro. Ein solches Prestigeprodukt verträgt sich nicht mit dem Gehalt eines chinesischen Beamten. Andere Blogger fanden heraus, dass der Behördenleiter an seinem Handgelenk eine Luxusuhr einer Schweizer Uhrenfirma trug – eine Vacheron Constantin. Uhren dieser Marke kosten etwa 4.000 Euro aufwärts.

Neue Zigarettentransparenz
Der Behördenleiter wurde wegen Korruption entlassen und arbeitete danach - eine moderne Geschichte - zeitweilig als Sprecher für die Zigarettenfirma. Der Umsatz der Zigarettenfirma stieg durch den Skandal um etwa 70 Prozent. Inzwischen wurde der bestechliche Beamte allerdings zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt. Seitdem diese Bilder in den sozialen Netzen kursierten, legen chinesische Beamte etwa bei Pressekonferenzen keine Zigarettenschachteln mehr neben sich auf den Tisch. Stattdessen präsentiert man die unverhüllten Zigaretten ohne Schachtel neben sich auf eine Untertasse. Mehr Transparenz.

Peter Glaser Zukunftsreich

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.