Meinung
25.07.2017

Wer nichts zu verbergen hat, ist langweilig

Wir werden immer überwachbarer, das sollte uns Sorgen machen. Jeder von uns hat seine Geheimnisse, und das ist auch gut so.

Jede Gesellschaft hat ihre großen wunderlichen Irrtümer. Altnordische Völker glaubten, dass Thor mit seinem Hammer für den Donner zuständig ist. Ärzte im Mittelalter hielten den Aderlass für ein vielseitiges Heilmittel. Und wir denken heute, dass es kein Problem ist, wenn unsere persönlichen Daten freizügig im Internet verteilt werden. Wer nichts zu verbergen hat, muss sich schließlich keine Sorgen machen, oder?

Die Wahrheit ist: Auch die gesetzestreuesten und anständigsten Leute haben einiges zu befürchten, wenn private Daten allgemein zugänglich werden. Durch mangelnden Datenschutz werden wir erpressbarer, manipulierbarer und unfreier.

Freiwillige Spionage zum Mitmachen

Für Datensammler sind wunderbare Zeiten angebrochen: Freiwillig breiten wir in sozialen Netzwerken der ganzen Welt die privatesten Details unseres Lebens aus, an die früher nicht einmal die skrupellosesten Geheimdienste gekommen wären. Wenn jemand auf der Straße unsere Einkaufstasche inspizieren wollte, würden wir das entrüstet ablehnen. Aber dem Supermarkt erlauben wir, unser Einkaufsverhalten abzuspeichern und zu analysieren, dafür bekommen wir hübsche Sammelmarken zum Aufkleben. Außerdem haben wir dann den grandiosen Vorteil, mit zielsicherer Werbung verwöhnt zu werden: Wer sich gestern für laktosefreie Milch entschieden hat, interessiert sich vielleicht morgen für laktosefreien Käse. Und wer oft die die besonders billigen Kondome gekauft hat, kann später ganz automatisch mit Reklame für Babynahrung versorgt werden.

Würde der Nachbar unsere Briefe aus dem Postkasten angeln und heimlich mitlesen, wäre das eine unerträgliche Frechheit. Dass genau dasselbe mit unseren Emails und Chat-Nachrichten ziemlich problemlos gemacht werden kann, stört uns nicht besonders. Wir reden uns ein, dass es unserer eigenen Sicherheit dient. Wenn die Polizei Zugriff auf private Unterhaltungen hat, können vielleicht Terroranschläge verhindert werden. Und wer weiß, vielleicht lassen sich auf dieses Weise eines Tages sogar Verfehlungen wie Pizza Hawaii oder Schlagermusik frühzeitig unterbinden?

Es ist schon richtig: Wenn Kriminelle moderne Technologien nutzen, muss auch der Staat neue Methoden einsetzen. Aber wir diskutieren erstaunlich wenig darüber, wie weit man dabei gehen darf: Soll der Staat unsere Telefongespräche abhören? Darf man von außen auf Laptop-Kameras zugreifen? Soll er auf privaten Computern Trojaner installieren dürfen, um Zugang zu unseren geheimsten Katzenfotos zu erhalten?

Es geht nicht nur um Kriminalität

Wo in der digitalen Welt die Grenze der Privatsphäre gezogen werden soll, ist schwer zu sagen. Dumm ist jedenfalls aber die Illusion, dass rechtschaffene Bürger nichts zu befürchten hätten. Absolut jeder von uns hat nämlich etwas zu verbergen. Es muss dabei ja nicht um illegale Dinge gehen – aber vielleicht haben wir vor einem Jahr eine verärgerte Email an die Arbeitskollegin geschrieben, das der Abteilungsleiter keinesfalls sehen soll? Vielleicht haben wir beim Chat mit der Schwester ein paar blöde Witze gemacht, die unsere Erbtante schwer kränken würden? Oder vielleicht haben wir per Email mit einem Freund im Ausland eine geniale Geschäftsidee diskutiert, von der die Konkurrenz nichts wissen darf?

Wir denken beim Thema Privatsphäre viel zu oft an Kriminalität und Terrorismus, dabei lassen sich über jeden von uns Daten finden, die wir aus guten Gründen privat halten wollen – und das eröffnet ein gewaltiges Missbrauchspotenzial. Plötzlich werden wir erpressbar, auch wenn wir nie etwas Illegales getan haben: Wie viel würden Sie bezahlen, um zu verhindern, dass Ihre Chefin einen Mitschnitt des Telefongesprächs von vergangenem Dienstag bekommt? Sie wissen schon welches ich meine! Und was bestellen Sie da eigentlich monatlich in dieser Online-Apotheke? Weiß Ihre Familie davon? Nein? Soll das so bleiben?

„Aber warum soll das gerade mir passieren?“ mag man jetzt einwenden. „Mich kennt doch niemand, ich bin doch viel zu unwichtig als dass sich jemand gerade für meine Daten interessieren würde!“ Das kann schon sein. Aber was ist, wenn Sie irgendwann doch eine unbequeme Oppositionspartei gründen möchten? Oder wenn Sie eine Meinung vertreten, die eines Tages irgendeinem ausländischen Geheimdienst nicht passt?

Das Argument mit der Erpressbarkeit trifft nicht nur auf harmlose Durchschnittsmenschen zu, sondern auch auf Politiker, Firmengründer und NGO-Aktivisten. Auch wenn wir glauben, wir selbst seien zu langweilig um Angst vor Überwachung haben zu müssen – alleine schon um die Freiheit bekannterer, exponierterer Leute zu schützen, sollten wir uns für Privatsphäre einsetzen.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.