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Analyse
02/20/2014

WhatsApp: Dotcom-Blase oder Hammer-Deal?

Nach den Milliardendeals, die Facebook mit Instagram und WhatsApp über die Bühne brachte, wird vor der nächsten "Dotcom-Blase" gewarnt. Auch Datenschützer sind alarmiert.

Fast zwei Jahre ist es her, da machte der zur Jahrtausendwende entstandene Begriff „Dotcom-Blase“ wieder mal eine Runde durchs Web – Anfang April 2012 kaufte Facebook Instagram –1 Milliarde Dollar war Facebook der Fotodienst wert, der damals 40 Millionen Nutzer und exakt 15 Mitarbeiter hatte. Geplatzt ist die prognostizierte Blase nicht: Heute hat Instagram etwa 200 Millionen Nutzer, etwa 90 Millionen sind täglich aktiv..

Populärer als Instagram

Am Mittwoch schlug Facebook wieder zu und kaufte WhatsApp. Was Google im Vorjahr übrigens nicht gelungen ist - auch der Internet-Riese interessierte sich für das Service - hat Mark Zuckerberg nun geschafft. Wieder geistert der Begriff „Dotcom-Blase“ durchs Web, was ob eines Kaufpreises von 16 Milliarden Dollar für eine Kommunikations-App nicht verwunderlich ist. Warum Zuckerberg WhatsApp so viel wert ist, ist klar – er hat ein Service vom Markt gekauft, das durch seinen Erfolg in einigen Bereichen ein ernsthafter Konkurrent geworden ist. Aber schauen wir uns ein paar Zahlen genauer an:

Der von Jan Koum and Brian Acton entwickelte SMS-Bilder-Dienst ist weit populärer als Instagram seinerzeit war: WhatsApp hat etwa 450 Millionen aktive User, was an sich schon eine bemerkenswerte Zahl ist. Noch bemerkenswerter ist, wie schnell und mit welchen Methoden WhatsApp gewachsen ist, nämlich ohne Marketing – Koum und Acton gaben keinen Cent für Werbung und PR aus, das Produkt wurde zum Selbstläufer.

Shooting Star unter Plattformen

Noch spannender – WhatsApp ist das am schnellsten wachsende Service der Gegenwart – kein Web-Unternehmen davor erreichte die Nutzerzahlen so schnell wie WhatsApp. Innerhalb von neun Monaten stiegen die Nutzerzahlen von 200 auf 450 Millionen, in jeder Sekunde wird die App im Schnitt 12 Mal heruntergeladen.

Für Sequoia Capital, die Risikokapital-Beteiligungsgesellschaft, die sich an Startups beteiligt und seinerzeit auch an Google beteiligt war, ist WhatsApp eines der erfolgreichsten Web-Services der Gegenwart, da – laut Bericht im eigenen Firmenblog – drei Viertel der WhatsApp-User aktiv sind. Normal ist im Web-Business eine Aktivitätsrate von 10 bis 20, Ausnahmen (wie etwa Facebook) erreichen 50 Prozent.

WhatsApp ist auch ein Beispiel dafür, dass ein Unternehmen trotz großer Kundenanzahl nicht zu groß sein muss – wenn das Service funktioniert. WhatsApp hat genau 32 Entwickler beschäftigt, d.h., jeder von ihnen kümmert sich um etwa 15 Millionen Nutzer. Und – diese Zahl gab ebenfalls Sequoia bekannt – das Service hat eine Ausfallsquote von 0,1 %, ist also ein absolut zuverlässiger Kommunikationsdienst. Und der macht den Mobilfunkbetreibern auf der ganzen Welt das Leben schwer, da die Nutzer statt SMS zu schicken, WhatsApp benutzen – und das für maximal 1 Dollar Kosten pro Jahr (im ersten Jahr ist der Dienst ja kostenlos).

Das Aber: Der Datenschutz

Bei WhatsApp gibt es aber auch ein großes Aber, nämlich die Datensicherheit. Zwar wird von den Entwicklern und Teilhabern behauptet, dass der Dienst einfach, schnell und sicher ist, doch wächst seit geraumer Kritik an der „Schnüffel-App“ – WhatsApp verlange einfach zu viele Zugriffsrechte, damit der Dienst funktioniert. Es würden – so Sicherheitsexperten - nicht nur Gespräche, sondern auch Fotos ausspioniert.

Wer ein Foto verschicken will, erlaubt der App den Zugriff mit der Kamera. Hat der Smartphone-User in den Kamera-Einstellungen die GPS-Funktion frei gegeben, hat die App auch die Standortdaten. Selbst Telefonate und Nachrichtenabläufe könnten von der App mitgeschnitten werden. Dass die Daten allesamt auf US-Rechnern gespeichert werden, ist seit Google, Facebook, Apple ja nichts Neues, sollte aber im NSA-Zeitalter dennoch erwähnt werden. Zwar versuchen in jüngster Vergangenheit WhatsApp-Konkurrenten mit einem „Bei-uns-sind-die-Daten-sicherer“ zu punkten – wie etwa Threema – allerdings wird das den Erfolgslauf von WhatsApp nicht stoppen können. Auch Bedenken bei Skype, Dropbox haben die Dienste nicht sterben lassen.

Keine Dotcom-Blase

Auch wenn es nach Dotcom-Blase riecht, der WhatsApp-Kauf ist ein Hammer-Deal – sowohl für WhatsApp als auch für Facebook. Eine Studie, die das Beratungsunternehmen Informa vor einem Jahr präsentierte, hat erstmals gezeigt, dass Chat-Anwendungen am Handy wie eben WhatsApp die traditionellen SMS überholt haben: 2012 schon wurden täglich 19 Milliarden Nachrichten über diverse Nachrichten-Apps versendet und „nur" 17,6 Milliarden SMS über die SMS-Funktionalität von Handys bzw. Smartphones. 2012 war die Trendwende, denn für heuer rechnet man damit, dass täglich 50 Milliarden Nachrichten (Text- und Fotomessages) verschickt werden, bei der SMS sollen es weniger als die Hälfte, also geschätzte 21 Milliarden sein.

Zudem erhält Facebook mit WhatsApp Zugriff auf Millionen von jungen Usern, die zuletzt das soziale Netzwerk mehr und mehr ihren Eltern überließen und auf die von den Eltern uneinsehbare Messaging- und Chatalternative umstiegen.