Meinung
18.02.2012

Wo bleibt das digitale Umweltbewußtsein?

Der ersten Natur hat der Mensch eine zweite entgegengesetzt, die industrialisierte Zivilisation. Inzwischen umgibt uns eine dritte Natur – die Technosphäre. Was fehlt, ist ein Bewusstsein für die Ökologie dieser Welt.

Es gibt ein paar Dinge, an denen deutlich wird, dass die digitale Welt noch ziemlich steinzeitlich ist. Eines davon ist ein fehlendes digitales Umweltbewußtsein. Wenn ich auf meinen Bildschirm blicke, sehe ich ein einsames kleines Mülleimer-Symbol und fühle mich wie ein Frühmensch, der alles unterschiedslos auf einen Haufen schmeißt. Warum gibt es noch keine Mülltrennung für Daten? Ich vermisse eine bunte Galerie von Abfallcontainerchen am Bildschirmrand – rot für Textdateien, blau für Musik, gelb für Fotos, undsoweiter. Oder warum gibt es noch keine Grasfaserkabel, die all der Internet-Hochgeschwindigkeit ein wenig, ja: Wiesenschaftlichkeit und Grün verleihen?

Die Welt verändert sich. Wenn ich die Außentemperatur wissen wollte, bin ich noch vor ein paar Jahren ans Fenster gegangen und habe auf das Thermometer geschaut. Heute gehe ich dazu ins Netz. Durch das Bildschirmfenster öffnet sich der Blick in ein neues Environment, das inzwischen die ganze Erde umfasst.

Der blaue Planet ist nun umhüllt von einer Technosphäre
Nach der ersten, unmittelbaren Natur und der zweiten, der industrialisierten Zivilisation, umgibt uns inzwischen eine dritte Natur. Man kann sie leicht unterschätzen, denn alles in ihr ist nur scheinbar oder - mit einem anderen Wort - virtuell. Wir leben in der frühen Scheinzeit. Zur Erdkruste (der Lithosphäre), den Flüssen und Ozeanen (der Hydrosphäre), der Biosphäre und der Atmosphäre des blauen Planeten ist nun eine Technosphäre hinzugekommen.

Nach der explodierten Raumfähre Challenger, der verglühten Columbia und den Reaktorkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima ist unmissverständlich klar geworden, dass von den drei Großtechnologien, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, die bemannte Raumfahrt und die Nukleartechnik scheitern werden. Mit der dritten, der immer allumfassenderen Informationstechnologie, hat sich der Kosmos nun nach Innen gewendet – ins Netz. Das Online-Universum ist die Demokratisierung der Raumfahrt. Diesmal kann jeder mitfliegen. Und diesmal sind wir aber auch alle mitverantwortlich, wenn etwas schiefläuft. Zugleich legt das Internet uns noch nie dagewesene Möglichkeiten in die Hände, etwas dagegen zu tun.

Grasbüschel und Großrechner
In den neunziger Jahren hatte der deutsche Programmierer Karl Sims für die Supercomputer-Firma Thinking Machine spezielle Algorithmen entwickeln, die der extremen Leistungsfähigkeit der Maschinen angemessen sein sollten. Sims schuf phantastische Phänomene einer künstlichen Natur, etwa die heute klassische Animation „Panspermia“, in der die Reise eines Samenkorns durchs All und die Explosion der Fruchtbarkeit nach dem Aufprall auf einem Planeten zu sehen ist. Auf Spaziergängen, so erzählt Sims, rege ihn jedes Grasbüschel und jeder Strauch zur Nachahmung im Computer an. Wenn man dann aber beginne, in die Details einzudringen, zeige sich eine unermessliche Komplexität schon im Kleinen. Aus der Natur kehrt Sims stets demütig zurück vor die Maschine. Die digitale Natur hilft uns, die ursprüngliche Natur besser zu verstehen.

Überinformation ist der Smog des 21. Jahrhunderts
Das meine ich mit digitalem Umweltbewußtsein. Überinformation ist der Smog des 21. Jahrhunderts, und je kompakter und intelligenter jemand heute seine Ideen oder sein Wissen aufbereitet, desto wertvoller werden seine Beiträge. Kulturpessimisten beklagen die Schrecknisse der Informationsexplosion. Für sie ist das Internet ein horizontloser Ozean, in den Informationsmüll verklappt wird. Sie produzieren lieber eine Art von Nölpest, als sich der Frage zu stellen, wie man Informationen und Wissen gewinnen und teilen kann, die klar und gut sind wie Quellwasser.

Die Antwort darauf hat nicht so sehr mit Technologie zu tun, sondern mit uns selbst. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Waldspaziergang zu beschreiben. Man kann sich von der Wahrnehmung einer Unzahl von Blättern und Baumnadeln überfordert fühlen – Information Overkill! – und eine Rückkehr zur humanistischen Gehölzwahrnehmungstechnologie fordern. Man kann aber auch einen Spaziergang durch einen Wald machen und einfach erholt wieder nach Hause kommen.

Peter Glaser Zukunftsreich

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.