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Peter Glaser: Zukunftsreich
09/03/2011

WWWeltherrschaft

Der Kampf um die Macht im Netz ist in vollem Gang. Wer wird gewinnen?

Als IBM und die kleine Firma Microsoft Ende 1980 einen Vertrag über ein Betriebssystem für den geplanten IBM-PC unterzeichneten, sah Miriam Lubow, die Sekretärin von Bill Gates, ihren jungen Boss eines Morgens in einem dreiteiligen Anzug ins Büro kommen. Gates war gewöhnlich äußerst lässig gekleidet. Kurz darauf trafen drei Männer in Jeans und Sneakers mit dicken Aktentaschen ein und sagten, sie kämen von IBM. Die Ingenieure hatten versucht, sich an Gates Stil anzupassen – und Gates sich an ihnen. Als sie sich in seinem Büro begegneten, fingen alle an zu lachen. Aber den Leuten von IBM sollte bald das Lachen vergehen. Die digitale Welt verändert sich schnell. Was sich angesichts der Riesenhaftigkeit des Unternehmens niemand hatte vorstellen können, geschah: IBM verlor die Marktführerschaft. Der Koloss kam ins Wanken.

Untergang der Titanen
Auch die Titanen aus den Neunziger Jahren, dem ersten Internet-Jahrzehnt, sind verschwunden. Die Firma Netscape, die mit dem ersten Browser das Fenster ins Web öffnete und deren Börsengang ein kollektives Irresein bei Technologieaktien auslöste, ist heute eine kleine Portalseite bei AOL. Mit der Übernahme von Time-Warner hatte AOL im Jahr 2000 selbst ein neues Zeitalter einläuten wollen, geblieben ist ein Schatten. Als Rupert Murdoch 2005 für 580 Millionen Dollar MySpace kaufte, schien klar, wo die neuen digitalen Leitströmungen verlaufen: Social Media! Zur selben Zeit wurde ein Online-Bastelkasten für künstliche Welten zur schärfsten Erfindung seit dem tiefen Teller ausgerufen: Second Life! – Alles versunken und vergessen. Sogar einer milliardenschweren Firma wie Microsoft scheint es inzwischen an dem Schwung zu fehlen, der nötig ist in einer Zeit, in der es nicht mehr wie früher erst einen Zustand, dann eine Veränderung und dann einen neuen Zustand gab. Heute ist Veränderung der Zustand.

Digitale Gegenwart
Angesichts der rasanten Turnaround-Zyklen fällt der Blick auf die Giganten der digitalen Gegenwart und deren neuerliche Riesenhaftigkeit etwas nüchterner aus – Facebook (750 Millionen Mitglieder, geplante Bewertung für einen Börsengang: 100 Milliarden Dollar), Apple (300 Millionen iPods, 80 Millionen iPhones, 15 Millionen iPads verkauft, inzwischen eines der wertvollsten Unternehmen der Welt), Google (drei Milliarden Suchanfragen pro Tag, Gewinn aus Werbung 2010: 8,5 Milliarden Dollar) oder Amazon (2010: 231 Millionen Dollar Gewinn; seit dem Frühjahr verkauft Amazon mehr E-Books als gedruckte Bücher). Sie alle wollen digitale Extra-Welten errichten, die man nicht mehr anderswohin verlassen muss. Sie möchten uns, auf’s Freundlichste, in der Gegenwart einsperren. Facebook ist die weltweite WG, seine Freunde hat man nun in der Jackentasche immer mit dabei. Apple verbindet Software und Hardware so hinreissend harmonisch miteinander. Google versucht zunehmend, Anfrager gar nicht mehr erst über Links wieder wegzuschicken, sondern ihnen direkt Antwort zu geben. Und Amazon möchte die einzige Mega-Mall sein, die man noch betreten muß – das Weltkaufhaus.

Ob iPhone, Kindle E-Book-Reader oder Gadgets mit Googles Mobil-Betriebssystem Android: die Zukunft der Computerei ist handlich und mobil, und vielleicht auch in dem Sinn sozial, der Facebook groß gemacht hat – für’s erste. Falls sie bei Facebook auch mal damit aufhören, ständig ihre Nutzer zu überfahren und ihnen ungefragt neue Privatsphäre-Einstellungen unterzuschieben, könnte der Erfolg durchaus noch eine Weile anhalten; mit Google+ wächst allerdings, gewohnt rasant, bereits die innerhalb weniger Wochen auf mehrere Millionen Nutzer aufgeschossene Konkurrenz heran. Mit der Cloud, der großen Datenwolke, die nun viele Unternehmen aufbauen – ob Amazons Elastic Compute Cloud, Googles App Engine oder Apples iCloud - geben die Nutzer neuerlich mehr Kontrolle über ihre Daten ab, in der Hoffnung, dafür wieder mehr Bequemlichkeit zu erhalten, in dem Fall Rechenleistung nach Belieben, regelbar wie an einem Wasserhahn.

Faulheit siegt
Am Ende wird die Faulheit siegen, wie immer. Sie ist die eigentliche Macht. Dafür lassen sich viele Menschen auf den faustischen Handel mit ihren Daten ein. Das Fatale daran: Es tut nicht weh, wenn jemand ein digitales Verhaltensprofil von mir erstellt und es verkauft. Die Daten, die mir genommen werden, sind immer noch da. Faulheit ist der stärkste, am meisten unterschätzte Antrieb, wirkungsvoller als Sex. Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler sprechen etwa s vornehmer von Convenience. In der digitalen Ära geht es nun um eine Art von Bequemlichkeit, die mehr und mehr dem ähnelt, was in Märchenbüchern Zauberei heißt – ein Fingerzeig, und am anderen Ende der Welt geschieht etwas, das ich veranlasst habe. Es ist das Sternenfunkeln am Ende des Zauberstabs. Das Internet verwandelt sich gerade in eine Jetzt-sofort-alles-Maschine – und wir selbst sind die Macht, die dahintersteht. Zum Glück für die Wirtschaft sind wir zu bequem, sie zu nutzen.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.