Meinung
02.08.2011

YouTube: Hauptsache herzig

Amerika hat eine Schwäche für Putzigkeit. Dass Mädchen im Kindergartenalter auf YouTube vormachen, wie man einen Kussmund schminkt, findet kaum jemand bedenklich.

Es ist Anfang Juli und Madison hat sich etwas Besonderes ausgedacht. „Heute machen wir einen Look für den 4. Juli“, sagt sie und spitzt dabei ganz angestrengt ihren Mund. „4th of July“ lässt sich eben nicht so einfach aussprechen, für eine Vierjährige. Den blauen Lidschattenstift hält sie zuerst vor die flache Hand und dann vor die Kamera, damit die Zuseher das Produkt genau sehen. So machen das auch die Großen, die dann Marke und Farbe benennen. Madison macht das ebenfalls und weil sie die Hälfte der Wörter verschluckt, ist sie jetzt besonders niedlich. „Awwww, you`re so cute“, kommentiert eine Userin.

Madison ist entzückend, und das soll der Welt gezeigt werden - was in Ordnung wäre, wenn Madison ein Korb voller Welpen wäre. Dass Madison ein Kindergartenkind ist, das auf YouTube seinen Mund spitzt, um in Großaufnahme Gloss darauf zu verteilen, scheint hier kaum jemanden zu beunruhigen. Immerhin stellt sie sich ja so geschickt mit Kajal und Wimperntusche an.

Die Logistik rund um ihren YouTube-Kanal schafft die Kleine noch nicht selbst. Da hilft die Mama mit, die Links zu den Kosmetikherstellerseiten auflistet oder auf Madisons Wange die Konturen des Sternenbanners vorzeichnet. Madison füllt die Fläche mit silberblauem Lidschattenstift aus. Dabei muss sie sich konzentrieren: „I`m twying to do my best“, sagt sie langsam, das mit dem „r“ funktioniert noch nicht so ganz. „Wenn dir das kein Lächeln abzwingt, hast du flüssigen Stickstoff geschluckt“, schreibt einer dazu.

Naivität im Internet
Dass Mädchen in zu großen Pumps durch die Wohnung schlurfen, das Gesicht in Kriegsbemalung, ist nichts Neues. Dass Madison auf YouTube spielt, ist jedoch mehr als ein Detail. Aus dem kinderleichten Zugang zum Internet dessen inhärente Freundlichkeit abzuleiten, ist an Naivität freilich kaum zu überbieten. Auch sollte man meinen, dass die Bevölkerung in einem Land, in dem die Wohnorte von Sexualstraftätern auf interaktiven Landkarten lokalisierbar sind, dafür sensibilisiert ist. Immerhin spielen hier die Kleinen nur noch selten unüberwacht im Garten und werden zur Schule und zu „play dates“ zumeist mit dem Auto transportiert - sicher ist sicher.

Im selben Land werden allerdings auch Fünfjährige zu Barbiepuppen ausstaffiert, um bei Schönheitswettbewerben über die Bühne zu steppen und versucht lasziv zu posieren. Das Sich-schön-Machen als Mutter-Tochter-Tradition ist in den USA ungleich stärker ausgeprägt als in Europa. Schönheit ist hier eine ernstere Angelegenheit und die Blüten, die das Ganze treibt, sind absurder.

Die Eltern im Hintergrund
Emma ist sieben. Eines ihrer Videos heißt „Watermelon Summer Makeup tutorial for kids by Emma cute 7 year old“. Das Konzept für ihren „Look“ stammt von ihrer Mutter, die dafür eine Art Schminklandkarte skizziert hat. „Damit ich Farben und Positionierung planen kann“, erklärt Emma fachmännisch. Benutzer kommentieren in bester YouTube-Manier: „u r adorable i luvv i subbed“. Eine schreibt: „Sie sieht nett aus mit Makeup, den meisten Kindern steht das ja nicht.“ Eine andere: „Jetzt hat sie mich tatsächlich dazu inspiriert, Schwämmchenapplikatoren zu verwenden.“

Bei Emma spielen ebenfalls alle mit. Sämtliche Kommentare wenden sich an sie: die YouTube-Fangemeinde als Onkeln und Tanten auf Besuch, die die Kleine loben und bewundern. Nach einer Botschaft an die Erziehungsberechtigten sucht man vergeblich. Die findet man weder in YouTube-Jargon noch in allgemein verständlichem Englisch.