Meinung
11.06.2011

Zuvielisation: Warum Google österreichisch ist

Ab sofort wird Peter Glaser samstags in einer wöchentlichen futurezone-Kolumne Themen rund um Internet und Hightech analysieren. Zum Auftakt widmet sich der Blogger und Autor dem "Österreichischen an der digitalen Revolution" und erklärt, warum Google eigentlich eine heimische Erfindung ist.

Das Internet erzeugt eine gänzlich neue Qualität, auf den ersten Blick jedenfalls. Sie heißt Aggregation. Der etwas unschöne Begriff, der an ölverschmierte Motoren und die Aggregatzustände aus dem Physikunterricht erinnert, hat in seiner Netzbedeutung im Deutschen noch keine passende Entsprechung gefunden. Auch daran sieht man, wie neu die Sache ist. Ursprünglich bedeutete das Wort so viel wie “aufhäufen”, “vereinigen” oder “beigesellen”, was sich ein bißchen nach Orgien anhört und nicht weiter verwunderlich ist, da es von den alten Römern herkommt, aber gar nicht so gemeint ist.

Würde heute jemand sagen “Ich verwende eine Software, behülfs derer ich die verstreuten Teile des Weltnachrichtentumes zu meiner bequemen Kenntnisnahme beizugesellen imstande bin”, hätte er ein Problem. Im Kommunikationszeitalter zählt Kürze. SMS und Twitter sind die prägnantesten Beispiele dafür. Also ist es der News-Aggregator, den man verwendet. Der Newsreader. Der Feedreader. Der Was-auch-immer verhilft uns zu einer Übersicht in der Springflut an Informationen. Immer mehr Information fällt immer schneller an, die Zivilisation wird zur Zuvielisation. Überinformation ist der Smog der Wissensgesellschaft. Je kompakter und intelligenter jemand Informationen nun aufbereitet, desto wertvoller wird sein Beitrag.

Mit dem Internet hat inzwischen jeder eine Nachrichtenlage, wie sie noch vor ein paar Jahren nur Regierungen, Wirtschaftsführern und Redaktionen mit teuren Agenturtickern zur Verfügung stand – mit Wikileaks und Cryptome gibt es nun sogar so etwas wie Bürgergeheimdienste dazu. Was früher die sogenannte “Morgenlage” für den Regierungschef war, ist jetzt dank der durchs Netz geisternden Weltnachrichtenströme demokratisiert. Und im Netz passiert etwas Neues. Zum einen kann dieses Zusammenführen automatisiert werden. Das bekannteste Beispiel dafür, wie ein solcher Weltwichtigkeitsalgorithmus arbeitet, ist Google News. Zum anderen, und das ist für den Netznutzer viel interessanter, gibt es nun nicht mehr nur eine Zeitung, die sagt: Ich verschaffe dir einen Blick über die Welt – sondern alle.

Prinzip Suchmaschine im Kaffeehaus
Für einen Österreicher ist die Idee der Aggregation nichts Neues. Seit jeher weiß ich die Zeitungstische in Kaffeehäusern zu schätzen, die täglich frisch bestückt werden – und alle bedienen sich daran, was heutzutage vornehm “sharing” heißt. Auch das Prinzip der Suchmaschine ist im Kaffeehaus schon lange vor seinem Erscheinen in der digitalen Form vorweggenommen worden. Im Grunde genommen ist Google eine österreichische Erfindung. Noch heute kann man sich beispielsweise im Cafe Griensteidl in der Wiener Innenstadt mit einer Sachfrage an die Kellnerin oder den Kellner wenden, der in einem eigens dafür verfügbaren Konversationslexikon nachschlagen wird oder einem den entsprechenden Band sogar bringt (in der Speisekarte wird eigens auf den freundlichen, kleinen Service hingewiesen). Die Antwortzeiten bei einer Anfrage sind etwas höher als bei einer Suchmaschine im Netz, aber der Österreicher denkt ohnehin lieber gemessener und mit Ausblick, als sich von irgendwelchen übermäßig hektischen Echtzeit-Zumutungen in die Gegenwart einsperren zu lassen.

Auch der Mail-Account und das soziale Herumnetzen sind, wo wir gerade dabei sind, im Kaffeehaus zu ihrer ersten Blüte gelangt. So war es lange üblich, sich seine Post nicht nach Hause, sondern ins Cafe schicken zu lassen, wo sie mit der ersten Melange serviert wurde (noch heute spricht man vom Mail-Server). Die komplette Infrastruktur eines Mobile Citizen des 21. Jahrhunderts, wurzelt quasi in der österreichischen Lebensart.

Dazu kommt noch die angemessene innere Haltung. Die austrian attitude glänzt auch im digitalen Zeitalter mit dem, was irrtümlich Gemütlichkeit genannt wird und in Wahrheit eine Folge der extremen Anstrengung ist, die der Wiederaufbau der zerbombten Alpen nach dem zweiten Weltkrieg erfordert hat. Darin sind sich Österreicher und Ägypter übrigens nahe, auch das Kulturvolk am Nil hat sich immer noch nicht ganz von der grandiosen Erschöpfung des Pyramidenbauens erholt. Beiden alten Mächten helfen nun, in der Art eines Katalysators, die moderen Technologien. Dass der Eisenerzer August Musger die Zeitlupe erfunden hat, verwundert angesichts der österreichischen Neigung zur Ressourcenschonung ebensowenig wie die Tatsache, dass es ausgerechnet einem österreichischen Physiker – Herrn Professor Zeilinger von der Universität Innsbruck – als erstem gelungen ist, ein Teilchen zu beamen, also die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass man sich fortbewegen kann, ohne sich rühren zu müssen. Mit einem Wort: das Technische, das Fortschrittliche und Innovative sind dem Österreicher tief zueigen. Er ist zukunftsreich.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger.