Aleppo

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Refugee Blog
10/14/2016

Mit YouTube lerne ich Deutsch

Der geflüchtete Französischlehrer Mazlum Qerno erklärt, wie es zu dem Stellvertreterkrieg in Syrien, bei dem jeder gegen jeden kämpft, kommen konnte.

von Mazlum Qerno

Mein Name ist Mazlum Qerno, ich komme aus Syrien, aus der Stadt Amouda. Ich bin Kurde und spreche Kurdisch, Arabisch, Französisch und Deutsch. Ich arbeite in einem Französischen Gymnasium in Wien, drei Stunden täglich. Ich war Französischlehrer in Syrien und möchte auch in Österreich als Lehrer arbeiten.

Mein Handy benutze ich, um meine Eltern in Syrien anzurufen. Es hilft mir auch bei Übersetzungen vom Kurdischen ins Deutsche und umgekehrt. Mit YouTube lerne ich Deutsch und ich benutze auch Online-Programme zum Deutschlernen. Ich schaue mir Filme auf meinem Handy an und nutze auch Facebook. Das GPS hilft mir, mich in Wien zurechtzufinden, zum Beispiel, wenn ich eine unbekannte Adresse suche.

Originalversion:

Navê min Mazlûm Qerno ye. Ez ji Sûriyê me .Ez kurd im. Ez bi kurdî , Erebî , Frensî û almanî d'axivim, ez di dibistanek e Frensî de kar dikim li Viyêna, rojê sê se'eta .Ez li Sûriyê mamosteyê zimanê Frensî bûm, û ez dixwazim ji bo xebatê li Austria mamoste bûn bixwînim

Ez telefonê bi kar tînim ez bi mirovê xwe re d'axivim li Sûriyê. ew ji min re dibe alîkar bo wergerên ji kurdî û almanî . Bi Youtube ez hîn dibim almanî û ez li ser wê bernameyê kar dikim ji bo hînbûna almanî . Ez fîlman temaşe dikim , û Facebook jî bi kar tînin. Bernameya GPS alîkarîya min dike riya ez dixwazim pêş min dike , wek mînak gava ku ez adresan nas nekim

Konflikt seit 2011

Beginnend in Tunesien zieht im Jahr 2011 ein Wind der Veränderung durch den Nahen Osten. Die Revolution brachte eine Reihe von diktatorischen Regimen zu Fall. In Tunesien zwang die Revolution Ben Ali zur Flucht per Flugzeug nach Saudi Arabien.

Aufbruchsstimmung und Freude erfasste den Nahen Osten, in Libyen kamen die Menschen in den Straßen zusammen, Gaddhafis Statuen wurden gestürzt; auch im Jemen und in Ägypten verharrten die Menschen so lange auf Straßen und öffentlichen Plätzen bis die autoritären Regime zu Fall kamen.

Am 15. März 2011 begann die zivile Revolution in Syrien. Die Bürgerinnen und Bürger zogen unter dem Slogan "Das Volk verlangt Freiheit" durch die Straßen und protestierten auch gegen die Assad-treuen Sicherheitskräfte. An diesem Tag setzte die Assad-Regierung die Armee gegen die demonstrierenden Zivilisten ein. Die Revolution breitete sich in ganz Syrien aus. Im Laufe von sechs Monaten entwickelte sich die zivile Revolution in eine Oppositionsbewegung des Militärs. Viele syrische Soldaten kehrten dem Regime den Rücken, um die Bevölkerung gegen das Regime Assads zu beschützen.

Jeder gegen jeden

Weil es Assad nicht gelang die Revolution zu beenden, bat er befreundete Mächte um Hilfe, insbesondere den Iran und die Hizbollah im Libanon. Außerdem ließ er Terroristen aus den Gefängnissen befreien, darunter auch Führungspersonen des "Islamischen Staates". Sie bekamen nicht nur Waffen für den Kampf gegen die Revolutionäre, sondern auch Städte wie Rakka – mittlerweile die Hauptstadt des IS. Auch wurden die Grenzen terroristischen Gruppierungen aus anderen Ländern geöffnet.

Mit Unterstützung dieser terroristischen Gruppierungen und des Verbündeten Russlands hat die syrische Regierung die Zerstörung von zahllosen Städten vorangetrieben, Tausende von Syrern verwundet oder getötet, und den Exodus von Millionen von Flüchtlingen verursacht. Auf der Flucht sind tausende Flüchtlinge im Meer ertrunken.

Kurdistan

Während der Revolution im Nahen Osten hat das kurdische Volk in Syrien, im Iran und in der Türkei die Anerkennung und den Schutz seiner Rechte, die seit Jahrzehnten unterdrückt werden, gefordert. Etwa 40 Millionen Menschen leben in Kurdistan, das sich über vier Länder (Syrien, Türkei, Iran und Irak) erstreckt. Die Unterstützer Kurdistans werden von den Regierungen der Türkei, Syriens, des Irans und des Iraks und von den terroristischen Gruppierungen angegriffen.

Der IS zerstörte die kurdischen Städte Kobane und Shengal, nahm Tausende Kurden gefangen und tötete weitere Tausende. Der IS liefert sich Gefechte mit den kurdischen Soldaten, den Pesmerga, die die kurdische Bevölkerung beschützen. Der Kampf der Pesmerga gegen den IS bleibt in der internationalen Medienberichterstattung jedoch oft unerwähnt. Während Europa mit der Aufarbeitung der Attentate in Frankreich und Deutschland beschäftigt ist, sterben hunderte Kurden in vom IS ausgeführten Attentaten in Kurdistan.

Stellvertreterkrieg

Die zivile Revolution in Syrien hat sich zu einem internationalen Krieg entwickelt. Es ist ein Stellvertreterkrieg zwischen den Großmächten, insbesondere zwischen dem Westen und Russland, Iran und China. Während der Westen zögert zu intervenieren – die Politik des Westens beschränkt sich auf Stellungnahmen – garantieren Russland und der Iran das Fortbestehen des Assad-Regimes.

Die Unfähigkeit, eine dauerhafte politische Lösung in Syrien zu finden, hat Europa Hundertausende syrische Flüchtlinge, beschert, die seit fünf Jahren in Unsicherheit und Perspektivlosigkeit ausharren. Eine Lösung der Situation würde entweder den Fall Assads oder die Einrichtung einer Schutzzone, die von der internationalen Gemeinschaft kontrolliert wird, verlangen. Meiner Meinung nach beginnt das Ende des IS mit dem Fall des Assad Regimes.

Mazlum Qerno, Kurde aus Syrien, ist Französischlehrer und flüchtete vor zwei Jahren nach Österreich. Er ist Vertreter der kurdischen Jugend und Studenten in Europa.