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Anonymous AnonAustria: „Auch Beamte und Militärs dabei".

Foto: Screenshot
In einem anonym geführten Interview mit der futurezone hat AnonAustria, die lokale Splittergruppe von Anonymous, neue Angriffe in Österreich angekündigt. Will man den Aussagen der Gruppe Glauben schenken, zählen unter anderem "Beamte, Militärs, und sonstige Staatsdiener" zu den Mitgliedern.

Die Kontaktaufnahme erfolgte über den offiziellen Twitter-Account von AnonAustria. Über Pastebin wurden die von uns gestellten Fragen schriftlich beantwortet. Auf ein Redigieren und Kürzen der Antworten wurde weitestgehend verzichtet. Das Interview zeichnet ein Bild von einer Gruppe, die sich sprachlich ausgezeichnet in Szene setzen kann. Sämtliche Antworten wurden praktisch druckreif formuliert abgeliefert.

Was das eigene Selbstbild betrifft, ist AnonAustria wie zuletzt auch LulzSec bemüht, die angeblich hehren Ansichten zu unterstreichen und die Attacken als Notwendigkeit im Kampf gegen das politische Sytem darzustellen. Auf die Frage, wie sich das Veröffentlichen von Passwörtern unbescholtener Bürger mit dem Kampf für Menschenrechte und Meinungsfreiheit vereinbaren lässt, antworten die AnonAustria-Vertreter ausweichend. Dass für Hacking-Attacken und DDoS-Angriffe bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen, nehmen die Mitglieder hingegen bewusst in Kauf.

futurezone: Wie viele Leute umfasst AnonAustria und wer hat innerhalb der Gruppe das Sagen? Sicherheitsexperten gehen ja von einer von ca. zehn Personen aus.
AnonAustria: Unsere Anzahl ändert sich ständig. Es gibt nicht nur Leute, die sich in Chats treffen, sondern auch welche, die das Anonymous-Netzwerk anders unterstützen. Jeder kann Vorschläge einbringen und dann sehen, wie die anderen darauf reagieren. Ist man sich einmal uneinig, wird offen darüber diskutiert und versucht einen Kompromiss zu finden.

Zumindest einige von AnonAustria müssen über ein hohes technisches Know-how verfügen. Wie sieht die Aufgabenteilung auf? Aus was für Leuten setzt sich die Gruppe zusammen?
Wir sind alles. Angefangen von Schülern und Studenten über berufstätige Personen oder Arbeitslose bis hin zu Beamten, Militärs und sonstigen "Staatsdienern". Jeder bringt verschiedenste Fähigkeiten mit. Diese reichen vom Hacken über technisches Know-How bis hin zur Beschaffung von Informationen und vielen weiteren nützlichen Fähigkeiten.

Warum hat sich die Gruppe gerade jetzt zu solchen Aktionen entschlossen? Probleme, die vordergründig anprangert werden, wie politische Misswirtschaft, fehlende Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit, sind ja nicht erst sei 2011 ein Thema.
Weil wir nicht mehr länger einfach nur zusehen können, wie es mit Österreich bergab geht. Politiker sind wie Tauben, erst füttert man sie und dann scheißen sie einem auf den Kopf - so kann es nicht weitergehen.

Warum blieben ÖVP, BZÖ oder die Grünen von den Attacken verschont? Entspricht die Politik dieser Parteien eher der Auffassung von AnonAustria oder waren die Webseiten  dieser Parteien einfach besser gesichert?
Bezüglich der anderen Parteien wird man sehen, was die Zukunft bringt. Die Spannung wäre doch auch zu schnell raus, wenn alles an einem Tag geschehen würde. Generell gibt es in Österreich aber keine Politik, die unserer Auffassung entspricht. Die Politiker sind unfähig, dieses Land zu regieren und sich um die Probleme des Volkes zu kümmern.

Wie lässt sich das Veröffentlichen von Daten unschuldiger User mit Werten wie Respekt und Menschenrechten vereinbaren?
Erst muss man einmal Schuld und Unschuld definieren. Ist man erst schuldig, wenn man ein System voll und ganz unterstützt bzw. ist man unschuldig, wenn man wegsieht, weil man damit nichts zu tun haben will? Es gibt keine wahre Definition für Schuld oder Unschuld. Die Mitglieder dieser Parteien finanzieren diese und stehen für die Dinge ein, welche die Partei verursacht - somit müssen  auch sie lernen, für ihre Fehler gerade zu stehen - in der österreichischen Politik war das zu lange schon nicht der Fall.

Wie erklärt sich AnonAustria dann, dass selbst Menschen, die eure übergeordneten Ziele und Wertvorstellungen prinzipiell teilen, das Posten von sensiblen Daten als Vandalismus und verantwortungslos empfinden?
Wir sind auf der Seite der einfachen Bürger, die sich mittlerweile nicht mehr wehren können. Sie wurden zum reinen Spielball der Politik und die Wenigsten trauen sich, dagegen etwas zu sagen. Wir zeigen, dass es jemanden gibt, der auf ihrer Seite steht und geben dem Volk wieder eine Stimme. Die Zustimmung in der Bevölkerung ist größer als die Ablehnung und selbst die Medien berichten eher positiv darüber.

Man könnte argumentieren, dass derartige Aktionen im Endeffekt genau zum Gegenteil führen, nämlich zu überzogenen Gesetzen in puncto Internetnutzung und Webüberwachung. Angriffe von Gruppen wie AnonAustria oder Lulzsec liefern Politikern die besten Argumente für einen Überwachungsstaat.
Wir sind doch schon längst auf dem Weg dorthin. Ist es besser, der Bürger merkt nicht, dass wir langsam aber sicher in einen Überwachungsstaat ohne Kontrollmechanismen rutschen, oder ist es besser, der Bürger merkt es und kann sich überlegen, ob er sich zur Wehr setzen will? Die Vorratsdatenspeicherung, welche verfassungswidrig gestaltet ist, wird ja auch einfach so nebenbei durchgedrückt. Wie kann ein Staat, der seine eigene Verfassung bricht, weiterhin für die Sicherheit und Rechte seiner Bürger einstehen? Wir wissen was wir tun und genau das macht die Politiker nervös. Denn die Bürger merken, dass unser System alles andere als stabil gebaut ist.

Was müsste passieren, damit ihr AnonAustria die Angriffe einstellt?
Das wird wohl in absehbarer Zeit nicht geschehen, da wir auch einige Leute dabei haben, die aus Lust und Laune fremde Webseiten übernehmen. Ansonsten wäre ein Signal der Regierung in Richtung "direkter Demokratie" sehr wünschenswert und würde wohl einige von uns etwas besänftigen. Die Bürger brauchen mehr Mitbestimmungsrechte und Einsicht in die Politik. Welche Faktoren tragen zu politischen Entscheidungen bei, welche Geldflüsse sind vorhanden?

Sind Mitglieder von AnonAustria auch bei internationalen Aktionen involviert?
Das weiß man nie so genau, wer wo mitmischt. Aber viele, die auch bei AnonAustria beteiligt sind, haben bereits an internationalen Aktionen teilgenommen, zum Beispiel bei Operation Payback oder im Kampf gegen die Diktaturen in den nordafrikanischen Ländern. Prinzipiell kann jeder mitmachen, selbst wenn er nicht im Netz aktiv sein will. Man kann auch Flyer verteilen oder sich eine Spraydose schnappen und die Plakate von so mancher Lügnerpartei verschönern. Jeder kann Anonymous sein.

Wie groß ist die Angst, erwischt zu werden bzw. dass Mitglieder innerhalb der Gruppe sich verraten?
Der Großteil von uns ist bereit für die eigene Ideologie und Überzeugung bestraft zu werden, da dies nur ein weiteres Zeichen der Regierung und der Justiz gegen die Freiheit ist. Gruppenintern kann nichts verraten werden, da niemand mehr über sich erzählt als er für richtig hält. Selbst sich mit dem Vornamen vorzustellen ist bei uns verpönt. Andere Mitglieder kann man daher auch nicht verraten, da wir uns nicht persönlich kennen. Schnappen sie einen, haben sie auch nur einen.

Wie schützt sich AnonAustria vor Angriffen auf die eigene Hardware?
Unsere Infrastruktur kann man nicht zerstören. Ist ein Server weg, gibt es andere, wären alle weg, gäbe es neue Kommunikationswege. Es dauert maximal eine Woche, bis sich die meisten Mitglieder neu gefunden und reorganisiert haben. Wir haben keine zentrale Organisationsstruktur, somit ist alles und jeder nur ein Teil des Kollektivs, jeder kann eigene Aktionen starten oder seine Fähigkeiten einer Gruppe zur Verfügung stellen.

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(Martin Stepanek/Claudia Zettel) Erstellt am 21.07.2011, 18:05

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