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Negativpreis
04/01/2011

Big-Brother-Preis für die "Gated Community" im Netz

Facebook wurde am Freitag als „Gated Community“ mit dem deutschen BigBrotherAward ausgezeichnet. Gewürdigt wurde auch Apples Datenschutzpolitik.

130 Vorschläge kamen in die engere Auswahl des diesjährigen deutschen BigBrotherAwards, der erstmals im Frühling vergeben wird. Organisiert vom Bielefelder Bürgerrechts- und Daten-schutzverein FoeBud verleihen verschiedene Bürgerrechts-, Datenschutz-, und unabhängige Netzorganisationen die Auszeichnung für die gröbsten Verstöße gegen den Datenschutz. In diesem Jahr erhielten zwei allgemein beliebte US-Unternehmen den Negativ-Preis: der Social-Network-Dienst Facebook und der Kulthersteller Apple.

Big Brother könnte „blass vor Neid“ werden
Facebook sei das „nette ‚soziale’ Netzwerk“, das George Orwells "Big Brother" blass vor Neid werden lasse, meint Organisatorin Rena Tangens. Für sie ist Facebook eine digitale „Gated Community“, in der Menschen auf Schritt und Tritt beobachtet werden. Die sich ständig ändernde Datenschutz-Policy vergleicht sie so: „Anfangs durfte man an den Fenstern noch Gardinen aufhängen. Doch in letzter Zeit kommt häufiger mal ohne Ankündigung der Renovierungs-service der Community vorbei – ist ja toll, dass die hier immer alles modernisieren – aber leider fehlt danach meistens die eine oder andere Gardine oder auch mal eine Tür. Und es ist ein ziemlich umständlich, die von der Verwaltung zurückzubekommen.“

Für Tangens steht fest: „Hier herrscht die Willkür eines Konzerns und der verdient mit systematischen Datenschutzverstößen Milliarden.“ Facebook speichere seine Daten in den USA, womit ein Zugriff für Geheimdienste möglich sei. Dabei weist sie auf Facebook-Vorstandsmitglied Jim Breyer hin: Er ist Vorsitzender des amerikanischen Branchenverbandes der Risikokapitalfirmen, der National Venture Capital Association. Vor ihm war Gilman Louie Vorsitzender, der von dort direkt zum CIA wechselte und die Firma "In-Q-Tel" gründete.

„Gefällt mir“-Button verpetzt Website-Besucher
Tangens kritisiert auch den seit einigen Monaten so beliebten "Gefällt-mir"-Button auf fremden Webangeboten. Er „verpetze“ auch ohne Anklicken Facebook-Mitglieder an Facebook und verfolge die Bewegungen von Nicht-Mitgliedern anhand ihrer IP-Adresse durchs Netz. Tangens stört sich außerdem daran, dass sich der Dienst über das Angebot des „Freundefinder“ und der "Handy-App" die Telefonnummern und Mailadressen aus den Adressbüchern der Nutzer aneigne. Erst nach monatelangen Verhandlungen hatte der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar Facebook einige Verbesserungen abringen, am Prinzip des „Freundefinders“ jedoch nichts ändern können.

Geiselnahme durch Apple
Auch die deutsche Niederlassung des beliebten Geräteherstellers Apple erhält dieses Jahr den Big-Brother-Preis „für die Geiselnahme ihrer Kunden mittels teurer Hardware und die darauf folgende Erpressung, den firmeneigenen zweifelhaften Datenschutzbedingungen zuzustimmen“. Die Kunden hätten keine Wahl den 117 iPhone-Display-Seiten mit Datenschutzbedingungen nicht zuzustimmen, monieren Frank Rosengart und Andreas Bogk vom Chaos Computer Club. Anderenfalls könnten sie ihr teures Gerät nämlich höchstens zum Telefonieren nutzen.

Die Beschäftigung mit dem Kleingedruckten lohne sich aber, so die CCC-Experten. Denn dort erlaube sich Apple die Kundendaten mit anderen Unternehmen auszutauschen. Dabei gehe es nicht nur um eine Kreditkartennummer, um eventuelle Kaufvorgänge von Musik abzuwickeln, sondern um „Daten wie namentlich Beruf, Sprache, Postleitzahl, Vorwahl, individuelle Geräte-identifizierungsmerkmale sowie Ort und Zeitzone, wo Apple Produkte verwendet werden“.

Datenerhebung mit Kalkül
Zusätzlich darf Apple „präzise Standortdaten erheben, nutzen und weitergeben, einschließlich des geographischen Standorts Ihres Apple-Computers oder Geräts in Echtzeit.“ Dahinter stecke Kalkül, denn insbesondere Daten wie Lokalisierungs- oder Standortdaten würden von App-Betreibern und Werbekunden gerne genutzt, um speziell zugeschnittene Werbung zu platzieren.

Bogk und Rosengart glauben, dass das einfache Häkchen-Setzen beim Update-Vorgang rein rechtlich fragwürdig ist. Außerdem müsse die Einwilligung freiwillig sein. Das sei jedoch angesichts der extrem eingeschränkten Funktionalitäten nach einer Verweigerung „sehr fraglich“. Weil sich offenbar noch nicht genug Kunden bei Apple darüber beschwert haben, erhalte Apple nun den BigBrotherAward.

Flächendeckende Bluttests
Zu den weiteren Preisträgern dieses Jahres gehört unter anderem der Autobauer Daimler, da er mit Zustimmung des Gesamtbetriebsrats flächendeckende Bluttests von Bewerbern verlangt. Er erhalte den Preis stellvertretend für alle deutschen Unternehmen wie BASF, der Deutschen Börse, K+S, Linde, ThyssenKrupp und zahlreichen Landesrundfunkanstalten der ARD, die Blut-tests flächendeckend durchführen sollen.

Die Jury kritisiert auch die aktuelle Volkszählung, mit der sensible Persönlichkeitsprofile von über 80 Millionen Menschen erstellt werden können, die bis zu vier Jahre nach dem Stichtag am 9. Mai diesen Jahres personenbezogen verfügbar sein werden. Für die Volkszählung werden Daten aus Melderegistern, von der Bundesagentur für Arbeit und bundesbehördlicher Arbeitgeber verwendet. Zu den weiteren Preisträgern gehört unter anderem der Deutsche Zoll, da er von deutschen Unternehmen verlangt, ihre Beschäftigten mit US-Antiterrolisten abzugleichen. Im Gegenzug für die freiwilligen Sicherheitsüberprüfungen locken Handelserleichterungen.

Drohnen gegen Demonstranten
Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann erhält den Preis für den ersten polizeilichen Einsatz einer Mini-Überwachungsdrohne. Vier Mal hatten Drohnen während Demonstrationen gegen den Castor-Transport im Wendland im November 2010 die Demonstranten gefilmt. Die Jury befürchtet eine „einschüchternde und abschreckende Wirkung“ auf Versammlungsteilnehmer. Die Modemarke Peuterey erhält den Preis, da sie Kleidung produziert, die mit einem versteckten RFID-Chip versehen ist. Sie klärt ihre Kunden darüber nicht auf, sondern hat den Chip in einem Etikett eingenäht und dieses mit dem Satz „Don’t remove this label“ bedruckt.

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